Krisenbewältigung

Streitschrift zum Umgang mit der Pandemie und der Beteiligung von (armen) Kindern und Jugendlichen

Streetart-Bild einer Person hinter Gitter auf einer Mauer
Bild: Rostylav Savchyn - unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Die Streitschrift mit dem Titel „Corona-Chronik – Gruppenbild ohne (arme) Kinder“ ist mit der Intention verfasst, Kinder und Jugendliche – und insbesondere arme und weitere sozial Benachteiligte – mehr in den Mittelpunkt des Corona-Geschehens zu rücken als dies in den vergangenen Monaten der Fall war.

Autorinnen der Streitschrift sind Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS-Frankfurt a.M.) sowie Dr. Antje Richter-Kornweitz von der Landesvereinigung für Gesundheit  und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen. Sie skizzieren grafisch eine Chronologie von Krisenmaßnahmen des Bundes mit dem Fokus auf die Gruppe der armen und sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen. Zudem benennen sie Fehlsteuerungen und geben fachliche Impulse, damit die Kinder-, Jugend- und Familienperspektive mehr und anders in die Krisenbewältigung einfließen kann. Ziel ist, – mitten in der Krise – Ankerpunkte für einen anderen Umgang und für sozial inkludierende Handlungsstrategien durch Politik und Praxis zu nennen.

Junge Menschen und ihre Familien sollen nicht zu den Verlieren werden

Die Autorinnen betonen, nicht die grundsätzliche Tatsache des Lockdowns kritisieren zu wollen. Auch sollen die teilweise enormen Anstrengungen, die viele Menschen, auch Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger in Einrichtungen und Verwaltungen in der Corona-Zeit geleistet haben, nicht geschmälert werden. Ziel des Beitrages soll vielmehr sein, auf Fehlsteuerung hinzuweisen und fachliche Impulse zu geben, damit arme Mädchen und Jungen und ihre Familien nicht wieder zu den großen gesellschaftlichen Verlierern werden. In der Streitschrift erheben Gerda Holz und Dr. Antje Richter-Kornweitz genau dagegen Einspruch und fordern dazu auf, die Kinder-, Jugend-, Eltern-, und Familienperspektive mehr und anders in die Krisenbewältigung einfließen zu lassen: „Ohne sie geht es in nicht in die richtige Richtung“. 

Eine Bündelung bundespolitischer Entscheidungen dieser Zeit zeigt drei Linien: 

  • Junge Menschen erfahren die gravierenden Folgen des Shutdowns sehr früh und gehören zu den letzten Gruppen, die in den Genuss schrittweiser Lockerungen kommen. Was folgt daraus?
  • Finanzielle Soforthilfen für Familien richten sich zu Beginn der Krise vorrangig an solche mit erwerbstätigen Eltern(-teilen), um hier finanzielle Notlagen zu verhindern bzw. so gering wie möglich zu halten. Warum nur für sie?
  • Ein Rettungsschirm für die soziale Infrastruktur wird – ganz im Gegensatz zu Wirtschaft, Handel, Gesundheitswesen usw. – erst im zweiten Schritt und in eher langsamem Tempo ausgebreitet. Warum?

Kinderrechte und Belange von Jugendlichen werden zu wenig beachtet

Wer bereits armutsbetroffen oder schon in prekärer Erwerbslage ist, erlebt im Moment im Alltag eine zusätzlich stark belastende Gemengelage. Sorgen um die wirtschaftliche Situation macht sich die Mehrzahl der Familien, umso mehr, je geringer das Einkommen ist. Berufliche Sorgen hat jede Familie, einige Familien berichten von existenziellen Sorgen. Erst im Vorfeld des Sozialschutz-Pakt II und bevorstehender Kontaktlockerungen findet beides über die Armuts- und die Kindheitsforschung sowie über Kinder-, Familien- und Wohlfahrtsverbände und Initiativen stärkere Beachtung. Ihr Votum ist beeindruckend einhellig: Kinderrechte und Kinderschutz werden zu wenig beachtet. Die Berücksichtigung von Jugendlichen geht gänzlich unter.

Die Streitschrift stellt Fragen statt Forderungen in den Fokus und betont, dass die Gruppen, die am härtesten getroffen wurden, kaum bedacht werden. Notwendig sei zwar weiterhin eine Entscheidungsfindung mit so viel Sicherheit wie nötig und so viel Freiheit wie möglich. Doch Kinderrechte und psychosoziale Bedürfnisse zählen genauso sehr wie Gesundheitsschutz, Persönlichkeitsrechte und die wirtschaftlichen Folgen der Beschränkungen. Ein Vorrang von Wirtschaft, Konjunktur und Arbeitsmarkt gegenüber Kindern, Familie oder Zivilgesellschaft verschärfe die Situation und vergrößere Ungleichheiten. Entsprechend bekräftigen die Autorinnen der Streitschrift – wie viele weitere Initiativen – den Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse für alle Kinder und Jugendlichen. Dazu gehöre auch, dass Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. 

Richtungs- und zukunftsweisend

Fragen statt Forderungen – Eine Auswahl:

  • Warum ist die soziale Infrastruktur, auf die alle und alles zurückgreifen (müssen), nicht systemrelevant, aber scheinbar die drei „B“: Baumärkte, Biergärten, Bundesliga?
  • Warum sind Vertreterinnen und Vertreter der Perspektiven von Kindern und Jugendlichen nicht immer und überall in Krisenstäben und anderen zentralen Gremien vertreten?
  • Warum werden die relevanten Themen für Kinder, Jugendliche und Familien immer wieder mit Hinweis auf föderale Zuständigkeiten und institutionelle Kompetenzen vertagt?
  • Warum gehören arme und weitere sozial benachteiligte Kinder nicht zu den ersten, die wieder ihre Kita besuchen dürfen, wie es u. a. die AGJ fordert?
  • Wann spielt die Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen endlich eine Rolle?
  • Welche Haltung steht dahinter, wenn man es immer wieder ablehnt, armutsbetroffenen Eltern Bargeld zur Deckung der Bedarfe ihrer Kinder auszuzahlen?
  • Wer erklärt armen Kindern, Jugendlichen und Familien realistisch, wie man für 150 Euro digitalen Zugang sowie die nötige technische Ausstattung erhält?
  • Wie steht es um die digitale Ausstattung und um die versprochenen Computer für Hartz IV-Kinder in Schulen? Wann sind diese endlich nutzbar?
  • Wie lange soll die Unterfinanzierung und die personelle Unterbesetzung von Kitas, Schulen und Kinder-/Jugendhilfe noch akzeptiert werden?
  • Wann erhalten Kommunen die Finanzmittel, die sie für den kontinuierlichen Auf- und Ausbau von Präventionsketten zur Förderung eines Aufwachsens in Wohlergehen brauchen?
  • Was macht es so schwer, im Alltag professionell und präventionsorientiert auf Armut zu reagieren, d. h. armutssensibel in Wissen, Haltung und Handlung?

Wie machen wir es?

Die Autorinnen heben in ihrer Streitschrift hervor, dass die Corona-Pandemie einen Wendepunkt für jeden Bereich unserer Gesellschaft bedeute – lokal, regional und global. Sie biete die Chance, schon länger andauernde Probleme zu lösen oder sie zu verschärfen: „Wie machen wir es?“

Streitschrift zum Download

Die Streitschrift „Corona-Chronik Gruppenbild ohne (arme) Kinder“ von Gerda Holz und Antje Richter-Kornweitz und die Grafik Corona-Chronologie mit dem Fokus auf die Gruppe armen und sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen stehen auf den Internetseiten des ISS zum Download zur Verfügung. Die Chronik beruht auf rund 60 Publikationen (wissenschaftliche Untersuchungen, Stellungnahmen und Positionspapiere, Reportagen, Praxis- sowie Presseberichte). Die Auflistung dieser Publikationen ist ebenfalls Inhalt der Streitschrift.