Kinder- und Jugendpolitik / Nachhaltigkeit

Junge Ideen zum UNESCO-Menschheitserbe

Gruppenfoto junger Menschen in einem Eingangsbereich
Bild: © DUK/Thomas Muller

Seit Anfang 2019 beschäftigt sich die Gruppe „Junge Ideen für die Deutsche UNESCO-Kommission“ mit der Bedeutung des UNESCO-Menscheitserbes in der heutigen Zeit. Ende Juni haben sie ihre Perspektiven vorgestellt. Die Beiträge interpretierten „Erbe“ in sehr unterschiedlicher und auch kritischer Weise. Dies zeigt: Junge Menschen haben andere Perspektiven, die zum Nachdenken anregen.

In den letzten 30 Jahren hat sich die deutsche Gesellschaft erheblich verändert. Für junge Menschen ist der Wandel in Form von Digitalisierung und Globalisierung zum Merkmal der Gegenwart geworden. Welche Bedeutung hat in dieser Welt das UNESCO-Menschheitserbe? Welche Chancen und Hürden bestehen? Manifestiert sich am Begriff „Erbe“ die Herausforderung gelingender Partizipation? Über diese Fragen berät seit Anfang 2019 die Gruppe „Junge Ideen für die Deutsche UNESCO-Kommission“ mit 25 Teilnehmenden. Während der 79. Mitgliederversammlung in Mannheim hat die Gruppe am 27. Juni 2019 ihre Perspektiven präsentiert und mit den Teilnehmenden diskutiert.

Vorträge, Videos, Dialoge

Nach einführenden Worten der Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Maria Böhmer, der Bürgermeisterin der Stadt Mannheim, Dr. Ulrike Freundlieb, und der Direktorin der Kunsthalle Mannheim, Dr. Inge Herold, präsentierten die Mitglieder ihre Ergebnisse. Das geschah in ganz unterschiedlichen Formaten; als Vortrag, Video, Zweierdialog oder Pecha Kucha. Die einzelnen Beiträge interpretierten „Erbe“ in sehr unterschiedlicher, aber auch kritischer Weise. So verbanden die Präsentationen das Menschheitserbe mit dem gesamten Planeten als „zerbrechliches Erbe“, der Hinterlassenschaft des Vormieters im WG-Zimmer sowie dem individuellen Erbe aus der Familientradition.

Erben als intergenerationelle Praxis

Den Auftakt machte eine Gruppe von sechs Teilnehmenden, die sich mit „Erben als intergenerationelle Praxis“ auseinandersetzten. Sie verglich die Weitergabe der Verantwortung für unseren Planeten mit einer komplexen „Murmelbahn“ – eine rasche Entwicklung wie sie sich aktuell vollziehe, bedeute eine steile Laufstrecke, bei der die Murmel aus der Kurve zu fliegen drohe. Eingefordert wurde daher eine generationsübergreifende Zusammenarbeit bei Übernahme und Weitergabe von Verantwortung für den Planeten. Ein Problem sah die Gruppe darin, dass Ideen und Bedürfnisse junger Menschen von Entscheidungsträgern kaum wahrgenommen würden. Angesichts von Demonstrationen gegen die EU-Urheberrechtsreform und der Jugendbewegung Fridays for Future stellte die Gruppe dagegen fest, dass die junge Generation längst bereit sei, Verantwortung zu übernehmen.

Erben in einer globalisierten Gesellschaft

Die zweite Gruppe beschäftigte sich mit Erben in einer globalisierten Gesellschaft. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen von Einwanderung und Spätaussiedlung identifizierten sie zunächst Sprache und die Begegnung zwischen „neuer“ und „bisheriger Kultur“ als ihr Erbe. Das Menschheitserbe sollte stärker von einer globalen Perspektive gesehen werden. Errungenschaften wie Freiheit und Menschenwürde müssten als Erbe verstanden werden genauso wie ein Verständnis für die Zugehörigkeit auf mehreren Ebenen. Die Gruppe rief dazu auf, Erbe als sich dauernd transkulturell wandelnd und durchdringend zu verstehen.

Der digitale Raum als Erbe der Digitalisierung?

Die dritte Gruppe hinterfragte Rassismen in Deutschland als Erbe des Kolonialismus – ein Erbe, das sie gerne abgeben und durch aktive Arbeit überwinden möchte. Hinterfragt wurde auch die eigene Legitimation, sich vor dem Hintergrund der „Critical Whiteness“ mit dem Thema zu beschäftigten. Die Arbeit der UNESCO im Kampf gegen rassistische Diskriminierung wurde gewürdigt, zugleich aber auch gefragt, ob die UNESCO und die Deutsche UNESCO-Kommission ungewollt rassistisch wirken könnten. Dabei beschäftigte sich die Gruppe mit der Einschreibung von Welterbestätten und der Vermittlung von deren kolonialem Hintergrund. In Frage gestellt wurde, ob hierzulande die UNESCO-Vorhaben General History of Africa und das Slave Route Project aufgegriffen werden und ob sich in der Mitgliedschaft der Deutschen UNESCO-Kommission die gesellschaftliche Vielfalt Deutschlands spiegele.

In einem Video identifizierten sich die Mitglieder der folgenden Gruppe als „Digital Natives“, die den digitalen Raum wie keine Generation zuvor als ihren Referenzraum und damit als ihr Erbe empfindet. Sie gingen also weit darüber hinaus, dass die Digitalisierung Zugang zu materiellem und immateriellem Erbe verbessert, oder dass Großrechner und frühe Software Erbe bedeuten. Für sie sind der digitale Raum, seine Folgen als auch soziale Praktiken, die durch die Digitalisierung entstanden sind, das Erbe der Digitalisierung. Sie forderten daher, bei Entscheidungen über Digitale Fragen am Tisch zu sitzen, gerade wenn es um die Transformationen der Industrie 4.0 für ihre eigene unmittelbar bevorstehende Zukunft geht.

Partizipation braucht Mitgestaltungsräume

Im fünften und letzten Beitrag „Erbe und die Deutsche UNESCO-Kommission brauchen die Partizipation junger Menschen“ ging es noch einmal grundsätzlich um den Zusammenhang von Erben und Partizipation. Die Gruppe gab zu bedenken, dass Hinterlassenschaften von Vorgängergenerationen oft Handlungsmöglichkeiten, womöglich irreversibel, beschneiden. Deshalb seien Vorsorge, Austausch und gemeinsame Gestaltung die logische Schlussfolgerung. Beispielhaft für die Partizipation seien die „EU Youth Goals“. Sie wurden von der Gruppe als geeignetes Vorbild präsentiert. Damit die notwendigen Voraussetzungen für Partizipation geschaffen werden, rief die Gruppe dazu auf, über Wissen, Kompetenzen und Verantwortungsbewusstsein junger Menschen hinaus, ernst gemeinte, klar definierte Mitgestaltungsräume und langfristige Strategien zu schaffen.

Junge Menschen haben andere Perspektiven

Alle fünf Gruppen moderierten im Anschluss fünf Diskussionsforen einer einstündigen Arbeitsphase mit den Mitgliedern sowie den Gästen der Deutschen UNESCO-Kommission. Dabei erhielt die Gruppe „Junge Ideen“ viel Zustimmung, aber auch Widerspruch und Kritik. Es wurde deutlich, dass junge Menschen auf Kernthemen der Deutschen UNESCO-Kommission tatsächlich andere Perspektiven haben und die Fachperspektive vieler Mitglieder mit Mehrwert ergänzen. Die Ergebnisse der Diskussion wurden anschließend im Plenum präsentiert und diskutiert, unter Moderation von Anna Veigel und Lea Kammler.

Neue Denkanstöße, Informationen und Provokationen

Für die Mitglieder der Deutschen UNESCO-Kommission boten Präsentationen und Diskussion neue Denkanstöße, Informationen und auch Provokationen. Das Format regte, wie auch beim anschließenden Empfang deutlich wurde, zum Dialog und Nachdenken an. Es zeigte sich als gute (Selbst-)Reflexionsmöglichkeit für alle Beteiligten und hatte Auswirkung auf das erstmals durchgeführte „Mitgliederforum“ der Mitgliederversammlung am Folgetag, das sich noch weitergehend mit ehrenamtlichen Erwartungen an die Deutsche UNESCO-Kommission und Formen der Mitgestaltung beschäftigte. Die Zusammenarbeit mit der Gruppe „Junge Ideen“ soll bis Ende 2019 und womöglich darüber hinaus fortgesetzt werden.

Quelle: Deutsche UNESCO-Kommission e.V. vom 04.07.2019

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