Kinder- und Jugendpolitik / Digitalisierung und Medien

Jugendliche diskutieren „Digitale Ethik“ bei den WebDays 2017

Jugendliche sitzen um einen Tisch herum und diskutieren.
Bild: IJAB/Bettina Ausserhofer

Im Rahmen der Jugendkonferenz „WebDays 2017“ diskutierten 60 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren gemeinsam mit Expert(inn)en und Politikerinnen über Themen rund um Ethik im Netz und digitalen Verbraucherschutz. Die motivierten Teilnehmenden erstellten nicht nur eine gemeinsame Agenda an die Politik, sondern erfanden bei einem Ideenwettbewerb auch eigene Projekte, um selbst aktiv zu werden.

60 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren aus ganz Deutschland kamen vom 3. bis 5. November in Berlin zusammen, um gemeinsamen mit Expert(inn)en und Politikerinnen über digitalen Verbraucherschutz und Ethik im Internet zu diskutieren sowie eigene Forderungen an die Politik zu formulieren. Gleichzeitig boten die WebDays den jungen Digital Natives eine Plattform, um eigene Projekte zu starten und selbst etwas zu bewegen.

„Das Internet bietet grenzenlose Möglichkeiten Schönes zu gestalten und zu veröffentlichen – aber es wird auch Unschönes und Unethisches geteilt“ gab Judith Ackermann, Professorin für Medienwissenschaft an der FH Potsdam in ihrer Keynote zu bedenken. Auf kurzweilige Art zeigt sie dies anhand von Beispielen aus dem Internetalltag der Jugendlichen, wie Memes und Shitstorms. Ihr Appell „Seid aufmerksam! Wir müssen uns der Geschwindigkeit des Internets nicht unterwerfen“ sollte die Teilnehmenden noch während der gesamten Veranstaltung begleiten – ob in den Workshops, bei der Cryptoparty, dem Impulsvortrag zu digitaler Sprachverarbeitung oder der Podiumsdiskussion.

Von Hackerethik bis Fake News

Spätestens nach der Keynote konnten es die motivierten Jugendlichen kaum mehr abwarten los zu diskutieren. Nach einer kleinen Stärkung kamen sie mit Expert(inn)en aus dem non-formalen Bildungsbereich zusammen, die die Jugendlichen in den sogenannten DiscussionHUBs unterstützten, darunter Medienpädagog(inn)en, Vertreter/-innen der Sozialwissenschaften, des Journalismus und vom Chaos Computer Club. Freitag und Samstag diskutierten die Teilnehmenden in den Projektgruppen „Hackerethik“, „Überwachung“, „Fairness im Netz“, „Fake News“ und „Digitale Selbstbestimmung“. Das Ergebnis: eine mehrseitige Agenda mit konkreten Forderungen an die Politik – aber auch an die Gesellschaft.

In den DiscussionHUBs blieb keine Frage der Jugendlichen unbeantwortet. So widmete sich der Workshop „Überwachung“ unter anderem der scheinbar simplen Frage „Wie funktioniert eigentlich das Internet?“, im Workshop „Hackerethik“ definierte das junge Team zunächst einmal den Begriff des „hackens“ – losgelöst von Stereotypen. Im Workshop „Digitale Selbstbestimmung“ erkannten die Teilnehmenden „gesellschaftliche Zwänge existieren auch im Internet“ und erarbeiteten gemeinsam Wege, damit umzugehen. Im Workshop „Fake News“ gründeten die Jugendlichen eigene Nachrichtenagenturen, die Falschmeldungen produzierten, um danach zusammen zu prüfen, woran sich Fake News erkennen lassen. Die Teilnehmenden im Workshop „Fairness im Netz“ stellten fest, dass das Internet zwar kein eigenständiger Raum ist, sich Kommunikation und Handeln dort jedoch durchaus von der Offline-Welt unterscheiden.

„Etwas das ihr mitnehmen könnt“

In Berlin hatten die jungen Digital Natives aber nicht nur die Möglichkeit, sich am politischen Diskurs zu beteiligen. Nach einem informativen und diskussionsreichen ersten Tag erfuhren die Jugendlichen, was sich hinter den sogenannten ActionLABs verbirgt. Projektreferentin Kira Schmahl erklärte das Ziel so: „Eure Forderungen können nicht sofort umgesetzt werden. Deshalb möchten wir euch die Möglichkeit geben, eigene Projekte zu starten, die ihr weiterverfolgen und damit selbst etwas ändern könnt.“ Hochmotiviert machten sich die Jugendlichen an die Arbeit, tippten eifrig auf ihren Laptops, malten Projektskizzen auf Flipcharts, nahmen Videos auf und programmierten sogar Apps. Drei ehemalige Teilnehmende der WebDays 2016, die ihr Projekt seither verfolgen, standen ihren Peers mit Unterstützung und Tipps zur Seite.

Auch am zweiten Abend nahmen sich die Jugendlichen nur kurz Zeit dem Talk von Eric Siegert (21) zu lauschen – danach ging die Arbeit an den eigenen Projekten weiter. Anhand konkreter Beispiele zeigte der ehemalige Teilnehmer der WebDays auf unterhaltsame Weise, wie Fake News und Verschwörungstheorien im Netz funktionieren. Er argumentierte, „wer Bekannte auf Facebook entfreundet, die Falschmeldungen teilen, löst das Problem nicht, sondern trägt noch weiter dazu bei, dass sie sich nur noch in ihrer eigenen Filterblase bewegen“ und appellierte an seine Peers: „Unterhaltet euch mit den Menschen!“

Jugendliche sind motiviert „dran zu bleiben“

Um sich im eigenen Umfeld für digitale und netzpolitische Themen stark zu machen, entstanden Radiobeiträge zu Internetthemen, Videoclips zu Fake News, ein offenes Webseiten-Projekt, das die AGB von sozialen Netzwerken verständlich erklärt, sowie politische Umfrage- und Abstimmungs-Apps zur Einbindungen und politischen Bildung von jungen Menschen. Die Ergebnisse des Ideenwettbewerbs stellten die Teilnehmenden am letzten Tag im Plenum vor. Dann wurde abgestimmt. Die drei Gewinnerteams haben – zum ersten Mal bei den WebDays – die Chance auf eine Mikroförderung, die es ihnen erleichtern soll die Projekte weiterzuverfolgen. Naima (16) aus Hessen und Lukas (21) aus Berlin sind fest entschlossen, weiterzumachen – „mit oder ohne Förderung“. Auch Fiona (19) aus dem Sauerland schwärmt von den ActionLABs: „Wir durften an dem Projekt arbeiten, das uns wirklich interessiert – da ist man direkt viel motivierter dran zu bleiben“.

Zum Abschluss stellten Vertreter/-innen der einzelnen Workshops ihren Peers und den zur Podiumsdiskussion anwesenden Expert(inn)en und Politikerinnen, ihre Forderungen vor; darunter z.B. den Begriff Hatespeech differenzierter zu nutzen, einen besseren Umgang mit Sicherheitslücken zu gewährleisten, eine anonyme Meldestelle für Sicherheitslücken einzurichten, Betreiber von sozialen Netzwerken stärker in die Pflicht zu nehmen, eine unabhängige Prüfung von Algorithmen sowie vereinfachte AGBs. Viele der Gruppen forderten aber auch ihre Peers dazu auf, selbst etwas zu tun und das eigene Handeln zu hinterfragen. In Kürze werden die Forderungen der Jugendlichen zum Download zur Verfügung stehen.

Forderungen der Jugendlichen auf dem Prüfstand

Auch zum Abschluss der diesjährigen WebDays konnten die Teilnehmenden ihre Forderungen nochmal auf den Prüfstand stellen. Zu Gast waren Geraldine de Bastion (Digitale Gesellschaft), Simone Rafael (Amadeo Antonio Stiftung), Rayk Anders (Journalist & YouTuber), Björn Stecher (Initiative D21), Saskia Esken (MdB, SPD) und Tabea Rößner (MdB, Bündnis90/Die Grünen). Digitale Bildung und der Umgang mit Sicherheitslücken waren als gemeinsamer Nenner auch Kernthema der Podiumsdiskussion. Dabei erhielten die Forderungen der Jugendlichen viel Zuspruch. Um sich im digitalen Raum selbstbestimmt zu bewegen „sei ein gewisses Grundwissen nötig“, sagte Rayk Anders. Geraldine de Bastion war überzeugt, dass „hybride Lösungen“ hermüssten – eine Kombination aus Maßnahmen im schulischen und außerschulischen Bereich.

Statt Abschlussstatements überrascht Moderator Marcus Richter mit einer außergewöhnlichen Schlussrunde: Er bat das Podium darum, Fragen an die Jugendlichen zu formulieren. So erhielten die Teilnehmenden Denkanstöße und Motivation, ihre Projekte weiterzuverfolgen und sich an das Gelernte auch im Alltag zu erinnern. Neben den Fragen ließen es sich die Podiumsdiskutant(inn)en nicht nehmen ein deutliches Lob an die Jugendlichen für ihre engagierte Arbeit und umfangreichen Forderungen auszusprechen. Die Politikerinnen und Expert(inn)en nahmen sich auch nach der Diskussion noch Zeit für persönliche Fragen der jungen Menschen.

Nach den WebDays ist vor den WebDays

Schon im Laufe des Wochenendes fragen immer wieder Jugendliche die Organisator(inn)en „werden die WebDays auch 2018 stattfinden?“. Zum Abschluss der Konferenz gab Daniel Poli, Geschäftsbereichsleiter bei IJAB, den jungen Digital Natives einen Grund zur Vorfreude – in der aktuellen Förderphase wird es noch zwei weitere Jugendkonferenzen geben. Außerdem stellt er in Aussicht, dass die jährlichen WebDays enger miteinander verzahnt werden und die Forderungen in den folgenden Jahren auf ihre Umsetzung überprüft werden. Wie auch in den vergangenen Jahren verspricht das WebDays-Team, die Forderungen an das Bundesverbraucherschutzministerium weiterzuleiten, welches den Jugendlichen eine Antwort zugesichert hat.

Dann heißt es Abschied nehmen. Nach einem arbeitsintensiven und informativen Wochenende, machen sich die Jugendlichen etwas wehmütig aber voll motiviert auf den Heimweg. Can (18) Abiturient aus Münster freut sich über die „einzigartige Gelegenheit“, die die WebDays für ihn darstellen, mit Expert(inn)en und Gleichaltrigen zusammen zu kommen: „Ich habe nicht nur viel über Datenschutz und Überwachung gelernt und Lust bekommen, programmieren zu lernen, sondern auch erfahren, was andere Jugendliche aus ganz Deutschland denken“.

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Melanie Welters