Pandemie-Folgen

Internationale Jugendarbeit fordert Koalitionspartner zum Handeln auf

Grüne Fußgänger-Ampel in einem leuchtend hellen Sonnenaufgang
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Kinder und Jugendliche sind in hohem Maße von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Die Fach- und Fördereinrichtungen der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit engagieren sich seit Anbeginn der Pandemie dafür, dass aus den heutigen Kindern und Jugendlichen keine Corona-Generation wird, eine Generation ohne europäische oder internationale Erfahrungen. Um möglichst vielen jungen Menschen europäischen und internationalen Austausch und Teilhabe in einer globalisierten Welt zu ermöglichen, brauchen die Akteure der internationalen Jugendarbeit und ihre Partnernetzwerke politische Unterstützung, verlässliche Rahmenbedingungen und eine Sichtbarkeit im Koalitionsvertrag.

Der Textvorschlag Internationaler Jugendaustausch für alle jungen Menschen! zur Aufnahme in die Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung mit einer ausführlichen Erläuterung zu Bedarfen und Empfehlungen wurde den Verhandlungspartner/-innen an die Hand gegeben. Verbunden mit der herzlichen Bitte, sich im Rahmen der Koalitionsverhandlungen für eine Stärkung der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit einzusetzen.

Die Empfehlungen im Wortlaut:

Internationaler Jugendaustausch für alle jungen Menschen!

Junge Menschen leiden in besonderem Maße unter der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen. Zehntausende Jugendbegegnungen und Auslandsaufenthalte mussten abgesagt werden. Reise- und Kontaktbeschränkungen führten dazu, dass viele Jugend- und Schulaustausche nur digital stattfinden konnten. Doch darf aus der heutigen Jugend keine Corona-Generation werden, eine Generation ohne europäische und internationale Erfahrungen.

Wir möchten deshalb die Europäische und Internationale Jugendarbeit mit ihren Fach- und Fördereinrichtungen und den zahlreichen Austauschorganisationen signifikant stärken, um den historischen Herausforderungen der Pandemie und dem gestiegenen Bedarf nach Chancengerechtigkeit, interkultureller Kompetenz, Diversitätsbewusstsein und nach Teilhabe junger Menschen in einer dynamischen Welt gerecht zu werden. Individual- und Gruppenaustausche begeistern für Europa und das europäische Einigungsprojekt und machen die Bedeutung von Zusammenleben und Zusammenarbeit in einer interdependenten Welt erfahrbar. Es gibt keine bessere Prävention vor Rassismus und Antisemitismus als eine interkulturelle Austauscherfahrung. Für jeden jungen Menschen stellt eine pädagogisch begleitete Jugendbegegnung eine einzigartige Chance nicht nur für die Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch für Bildungsverlauf und Berufseinstieg dar, die selbst bei kurzen Auslandsprogrammen Biographien prägt.

Doch bereits vor der Pandemie konnte nur einem Teil junger Menschen in Deutschland eine solche europäische oder internationale Austauscherfahrung ermöglicht werden. Einem großen Teil junger Menschen in Deutschland sind diese Angebote nicht bekannt oder nur schwer zugänglich. Deshalb wollen wir die Fördermittel in allen Jugendaustauschförderprogrammen aufstocken. Allein im Kinder- und Jugendplan des Bundes, der internationalen Austausch mit Ländern weltweit ermöglicht, bedürfen die Träger zusätzlicher zehn Millionen Euro.

Jugendbegegnungsarbeit ist ein von einer breiten Trägerlandschaft getragener und für die Lebenswege junger Menschen und ihres sozialen Umfelds stark prägender Sektor. Um die Auswirkungen der Pandemie bestmöglich zu überwinden, soll ein Aktionsplan „Weltoffen Leben“ erarbeitet werden, der die öffentlichen, freien und meist ehrenamtlich tätigen Träger in die Lage versetzt, in der Vielfalt der Lebenswelten junger Menschen die Angebote der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit zu stärken und diese gemeinsam mit den jungen Menschen so nachhaltig wie möglich auszugestalten. Hierfür sind ausreichende finanzielle Mittel bereitzustellen, um tatsächlich alle jungen Menschen anzusprechen und ihnen Austausch und Lebenserfahrungen in Europa und der Welt unabhängig von ihrer sozioökonomischen Situation zu ermöglichen. Auch die Strukturförderung von Trägern muss deshalb ausgebaut werden. Ebenso notwendig ist eine Ausweitung der Auslandsförderung nach dem BAföG für Schülerinnen und Schüler von bisher drei auf die letzten fünf Jahre der Schullaufbahn.

Wir verstehen internationale Austauschprogramme als einen selbstverständlichen Teil der Bildungsbiografie und Europabildung junger Menschen. Hierzu ist eine gemeinsame Bund-Länder-Strategie notwendig, um die Internationalisierung sowohl in der formalen als auch in der nicht-formalen Bildung gezielt zu fördern und um ferner eine Kultur der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit in Ausbildungsprogrammen und Studiengängen zu etablieren.

Erläuterungen zu den Textvorschlägen

Internationale Erfahrungen in Europa und der Welt prägen persönliche Identitäten, begründen biographische Entwicklungen, eröffnen berufliche Horizonte und stärken Bewusstsein und Engagement für ein friedliches Zusammenleben in Demokratie und Vielfalt - über nationale Grenzen hinweg. Es geht darum, junge Menschen in Deutschland fit für eine Welt zu machen, die nur in Teilen unseren normativen Vorstellungen entspricht. Sie zu befähigen, Perspektiven zu wechseln, Unterschiede zu verstehen und ihre Entwicklung als selbstbewusste, weltoffene und kritische Menschen zu fördern.

Um allen jungen Menschen Austausch zu ermöglichen, braucht die Europäische und Internationale Jugendarbeit politische Unterstützung und verlässliche Rahmenbedingungen.

Daher fordern wir die Koalitionspartner zum Handeln auf:

1. Austausch für alle ermöglichen durch ausreichende Förderung der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit

Seit vielen Jahren reichen die finanziellen Mittel nicht mehr, um alle qualifizierten Anträge für europäischen und internationalen Jugendaustausch in Europa und der Welt mit ausreichenden Mitteln auszustatten. Die Eigenanteile der Träger und der Teilnehmenden sind in den letzten Jahren immer stärker gestiegen. Es muss außerdem gelingen, eine stärkere Fördergerechtigkeit zu erreichen, um auch Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien oder Kindern und Jugendlichen mit erhöhtem Betreuungsaufwand in den internationalen Jugendaustausch einbeziehen zu können.

  • Die Fördermittel sind in allen Jugendaustauschförderprogrammen aufzustocken. Allein im Kinder- und Jugendplan des Bundes, der internationalen Austausch mit Ländern weltweit ermöglicht, werden zusätzliche 10 Millionen Euro benötigt.
  • In den Programmbeschlüssen des EU Bildungs- und Jugendministerrates sind erfreulicherweise insgesamt erhebliche Steigerungen für die EU-Jugendprogramme festgelegt worden. Diese betreffen allerdings ausschließlich Erasmus+. Das Europäische Solidaritätskorps dagegen stagniert, hier ist dringend eine budgetäre Nachbesserung zur Förderung des europäischen Engagements junger Menschen notwendig.
  • Aufgrund der gestiegenen Kosten und der stark gewachsenen Eigenanteile der Träger und Teilnehmenden sind die Fördersätze um 25% zu erhöhen.
  • Die Einschränkungen der Corona-Pandemie haben deutlich gemacht, wie wichtig eine Strukturförderung für die Träger ist. Diese Strukturförderung muss allen Trägern gewährt werden.

2. DigitalPakt Jugendarbeit

Die Pandemie beschleunigt das Tempo der digitalen Transformation. Auch im Bereich der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit werden derzeit verstärkt digitale Formate genutzt, um Begegnungen, Trainings und Konferenzen online durchzuführen. Dabei werden neue Konzepte erprobt, ausgewertet und weiterentwickelt, um Ansätze des „Virtual Exchange“ in die vorhandene Methodik der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit einzupassen, ohne bestehende pädagogische und andere Qualitätsstandards zu verlassen.

  • Notwendig ist ein DigitalPakt Jugendarbeit, der den europäischen und internationalen Jugendaustausch einschließt, evidenzbasiert neue Impulse setzt und notwendige Ressourcen zur Verfügung stellt, um das Praxisfeld bei der digitalen Transformation weiter zu befördern. Hierzu gehören neben der technischen Ausstattung auch die Förderung von Weiterbildungsangeboten, die Teamerinnen und Teamern die notwendigen Kompetenzen vermitteln.
  • Der DigitalPakt muss sicherstellen, dass eine Kommerzialisierung der Daten von Kindern und Jugendlichen durch Rückgriff auf kostenfreie aber datenvertreibende Anbieter in den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe vermieden wird. Entsprechend sollen datenschutzkonforme digitale Instrumente, die die Fach- und Förderstellen der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit entwickelt haben, weiterentwickelt und der allgemeinen Kinder- und Jugendhilfe zur Verfügung gestellt werden.

3. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik und Europapolitik

Die Träger der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit leisten mit ihren bildungsorientierten Jugendaustauschprogrammen einen wesentlichen Beitrag zur auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik in Deutschland und zur Gestaltung der Zukunft des europäischen Projekts. Europäischer und internationaler Jugendaustausch ist eines der nachhaltigsten Formate zur Gestaltung internationaler Beziehungen. Die Begegnung und die Kooperation junger Menschen ist ein wichtiger Beitrag, um die weltweiten Beziehungen auch mit schwierigen Partnern positiv zu gestalten.

  • Der europäische und internationale Jugendaustausch ist in bilateralen Abkommen und Vereinbarungen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik stets mit zu berücksichtigen und mit ausreichenden Mitteln auszustatten.
  • Die EU-Jugendprogramme zur Förderung des grenzüberschreitenden Lernens und Engagements junger Menschen und der jugendpolitischen Zusammenarbeit sind wesentliche Eckpfeiler gemeinsamer EU Politik und deutscher Europapolitik. Diese gilt es als Symbol der Zukunft Europas weiter auszubauen und zu verstetigen.
  • Junge Menschen sind an politischen Entscheidungen nicht nur der Jugendpolitik, sondern auch der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik genauso wie an der Europapolitik zu beteiligen.

4. Aktionsplan zum Anschub der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit ab 2022

Nach dem Abklingen der Pandemie braucht es gemeinsame Anstrengungen von allen Förderinstitutionen, öffentlichen und freien Trägern, um nicht um Jahre mit der Erreichung der beiden Ziele zurückgeworfen zu werden, die sowohl bei den Trägern, als auch bei politisch Verantwortlichen und jungen Menschen vor Ausbruch der Pandemie bereits auf der Agenda standen: Allen jungen Menschen im Laufe ihres Bildungsweges ein pädagogisch begleitetes grenzüberschreitendes Lernangebot zu machen und diese mit Mobilität verbundene Lebenserfahrung so umweltschonend wie möglich zu gestalten.

  • Es bedarf eines abgestimmten Aktionsplans, der eine breite politische Unterstützung erfährt und der die öffentlichen und freien Träger in die Lage versetzt, in der Vielfalt der Lebenswelten junger Menschen Angebote der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit zu etablieren und diese gemeinsam mit den jungen Menschen so nachhaltig wie möglich auszugestalten. Hierfür sind ausreichende finanzielle Mittel bereitzustellen, um tatsächlich alle jungen Menschen anzusprechen und ihnen Austausch und Lebenserfahrungen in Europa und der Welt unabhängig von ihrer sozioökonomischen Lage zu ermöglichen.

5. Europäisierungs- und Internationalisierungsstrategie als nationale Aufgabe verstehen

Die internationalen Krisen und Gegensätze nehmen zu und gleichzeitig braucht es für viele Zukunftsfragen eine europäische und internationale Zusammenarbeit sowie den Willen zur Kooperation. Um die großen Probleme der Menschheit angehen zu können (Erhalt der Lebensgrundlagen, soziale Gerechtigkeit, Frieden), müssen formale und nicht-formale Bildung mit einer Strategie zur Europäisierung und Internationalisierung antworten.

  • Europäische und internationale Austauschprogramme sollen als selbstverständlicher Teil der Bildungsbiografie junger Menschen verstanden werden. Hierzu ist eine gemeinsame Bund-Länder-Strategie notwendig, die die Europäisierung und Internationalisierung sowohl in der formalen als auch in der nicht-formalen Bildung gezielt fördert und hierfür entsprechende Maßnahmen ergreift.

6. Gewährung von BAföG

Bisher erreicht das Schüler-Auslands-BAföG mit seiner Fokussierung auf Gymnasiast/-innen nur einen kleinen Teil der Schüler/-innen in Deutschland. Durch die bestehende Prüfung der Vergleichbarkeit der ausländischen Schule mit der deutschen Schule wird mit großem Verwaltungsaufwand der Ausschluss bedürftiger junger Menschen von der Förderung betrieben.

  • Die Auslandsförderung für Schülerinnen und Schüler nach dem BAföG muss für alle bedürftigen jungen Menschen möglich sein und vollumfänglich auch für Haupt-, Real- und Berufsschülerinnen und -schüler gelten. Der Förderzeitraum muss auf die letzten fünf Jahre der Schullaufbahn (statt bisher die letzten drei) ausgeweitet werden, so dass junge Menschen auch nach Abschluss der 9. von 13 Schulklassen im Ausland durch BAföG gefördert werden können.
  • Die Auslandsförderung nach dem BAföG sollte unabhängig von einer Prüfung der Vergleichbarkeit und unabhängig von der besuchten Schulklasse im Ausland möglich sein.

Diese Empfehlungen für eine Stärkung der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit werden getragen von:

  • ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch
  • Deutsch-Französisches Jugendwerk
  • Deutsch-Griechisches Jugendwerk
  • Deutsch-Polnisches Jugendwerk
  • Deutsch-Türkische Jugendbrücke
  • IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.
  • JUGEND für Europa – Nationale Agentur für Erasmus+ Jugend und Europäisches Solidaritätskorps
  • Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch
  • Tandem – Koordinierungszentrum für den Deutsch-Tschechischen Jugendaustausch

Quelle: Marie-Luise Dreber für IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.vom 08.11.2021

Dieser Artikel wurde von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.