Kinder- und Jugendpolitik

"Freiräume für Jugend schaffen!" fordert das aktuelle Diskussionspapier der AGJ

Ein Mädchen schaut mithilfe einer Räuberleiter über eine Mauer auf ein ländliches Gebiet
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Jugendliche brauchen zeitliche, räumliche und soziale Freiräume als Erprobungsräume. Sie benötigen Gelegenheitsstrukturen und Zugänge zu Freiräumen sowie die Bereitschaft der Gesellschaft, Freiräume trotz damit verbundener Widersprüche und Konflikte wertzuschätzen und durchzusetzen. Das Diskussionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ zeigt Voraussetzungen für und Anforderungen an Freiräume, es benennt Rahmenbedingungen für freie Räume und stellt Konfliktlinien für Aushandlungsprozesse exemplarisch heraus.

Die Lebensphase der Jugend hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert und ausdifferenziert. Junge Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit sehen sich hohen gesellschaftlichen Erwartungen gegenüber und haben zugleich die für diese Lebensphase typischen Entwicklungsaufgaben zu meistern. In der Jugendphase geht es für sie nach wie vor um die Ablösung vom Elternhaus, die Ausbildung einer Lernmotivation, die finanzielle Verselbstständigung, die Bewältigung der Pubertät, die Entwicklung ihrer Sexualität sowie um den Aufbau von tragfähigen Beziehungen zu Gleichaltrigen. Im Kern geht es um die Entwicklung einer individuellen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Dabei haben sich die Rahmenbedingungen des Aufwachsens verändert.

Lebenswelt von jungen Menschen ist durch kulturelle Diversität und Lebensmodell-Vielfalt geprägt

Junge Menschen werden heute früher als eigenständige Subjekte mit Gestaltungs­möglichkeiten und -freiheiten wahrgenommen. Ihnen wird ermöglicht – aber auch abverlangt – sich selbstständig einzubringen und zu positionieren. Jugendliche heute wachsen mit einem größeren Bewegungsradius auf als frühere Generationen und leben mit der Selbstverständlichkeit einer marktförmig organisierten Welt, die Heranwachsende zunehmend als Markt­teilnehmerinnen und -teilnehmer adressiert. Die Schule ist mit dem Ausbau der Ganztagsbildung zu einem eigenen Lebensraum geworden. Im Vergleich zu Zeiten, in denen die Halbtagsschule das dominierende Modell war, ist die frei gestaltbare Zeit außerhalb der Schule heute deutlich weniger geworden. Die Lebenswelt von jungen Menschen ist stärker durch kulturelle Diversität und eine Vielfalt von Lebensmodellen geprägt. Mitunter fehlt es ihnen an klaren Orientierungen für die eigene Entwicklung.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, in dessen Folge junge Menschen einerseits als kleiner werdende Gruppe weniger Aufmerksamkeit erhalten, und andererseits als Fachkräfte von morgen gefragt sind, ist es für sie eine besondere Herausforderung, sich in dieser widersprüchliche Realität zu orientieren. Hinzu kommt, dass sich die Phase der Jugend verdichtet hat. Zunehmend spezialisierte Ausbildungswege erfordern bereits in jungen Jahren ein hohes Maß an persönlichen Kompetenzen, zertifizierte Abschlüsse sowie praktische Erfahrungen. Eine Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass Jugendliche mit hoher Bildungsorientierung nach Selbstoptimierung streben und einem enormen Anpassungsdruck ausgesetzt sind, der – kritisch gesprochen – im Sinne des "unternehmerischen Selbst" Leistungsbereitschaft von ihnen fordert. Sie haben aber auch die Möglichkeit, materiell abgesichert, Phasen der Entschleunigung einzulegen. Dem gegenüber steht die Gruppe derjenigen Jugendlichen, die in besonderen Risikolagen aufwächst und daher in ihren Bildungschancen benachteiligt ist. Sie steht unter dem Druck, trotz verschiedener Belastungen, problematischer Entwicklungsverläufe oder begrenzter Ressourcen, ebenso die gesellschaftlichen Entwicklungsaufgaben bewältigen, persönliche Zukunftsperspektiven und Fähigkeiten für eine eigenständige Lebensführung entwickeln zu sollen.

Entgrenzung der Lebensphase Jugend

Alle jungen Menschen haben mit der Entgrenzung der Lebensphase Jugend zurechtzukommen. Sie verlassen zunehmend später das Elternhaus, erhalten das erste Einkommen später und gründen später eigene Familien. Phasen der Qualifikation und Erwerbstätigkeit fließen ineinander, Statuspassagen sind nicht länger linear und der institutionalisierte Lebenslauf verliert zunehmend an Erklärungskraft. Ursache dafür sind die Widersprüche unserer Zeit, in welcher der rasanten Beschleunigung von Lebensverläufen berufliche Diskontinuitäten, Unsicherheiten und Misserfolge gegenüber stehen.

Auf der einen Seite erfordert die Vielfalt an Möglichkeiten präzise Lebensentscheidungen von jungen Menschen, andererseits nimmt die Geradlinigkeit von Lebensverläufen ab. Für die Betroffenen ist der individuelle Erfolg scheinbar abhängig von ihren Entscheidungen und Leistungen. Tatsächlich aber wirken Marktkräfte, etwa am Arbeitsmarkt, hiervon unabhängig und weisen Chancen bzw. Chancenlosigkeit zu. Dies erkennen zu können, sich kritisch mit der gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Situation auseinandersetzen zu können, gibt Heranwachsenden erst die Option, sich selbst zum aktiven Gestalter der eigenen Zukunft zu machen, in dem sie sich nicht nur den herrschenden Verhältnissen unterwerfen, sondern den Anspruch und die Praxis entwickeln, die vorgefundene Realität zu verändern.

Auf veränderte Bedingungen einstellen

Um alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen so zu unterstützen, dass sie die Möglichkeit und das Rüstzeug erhalten, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, haben sich staatliche Institutionen, Hilfesysteme (SGB II, III) und auch die Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII) auf die veränderten Bedingungen mehr als bisher einzustellen. Als Schlüsselkompetenz für die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung ist Handlungsbefähigung anzusehen, die wesentlich von der Fähigkeit abhängt, Gesellschaft kritisch wahrzunehmen. Diese entwickeln junge Menschen durch Erfahrungen eigener Selbstwirksamkeit, durch den Austausch mit anderen und das Eintreten für eigene Positionen. Je mehr Möglichkeiten sie bekommen, sich in verschiedenen Lebensbereichen auszuprobieren und je mehr sie in ihren Belangen mit spürbarer Wirkung beteiligt werden und mitsprechen können, desto größer ist die Chance, dass sie Handlungspraxen für die eigene Lebensführung entwickeln. Dafür brauchen Jugendliche zeitliche, räumliche und soziale Freiräume als Erprobungsräume. Sie benötigen Gelegenheitsstrukturen und Zugänge zu Freiräumen sowie die Bereitschaft der Gesellschaft, Freiräume trotz damit verbundener Widersprüche und Konflikte wertzuschätzen und durchzusetzen.

Das Diskussionspapier zeigt Voraussetzungen für und Anforderungen an Freiräume, es benennt Rahmenbedingungen für freie Räume und stellt Konfliktlinien für Aushandlungsprozesse exemplarisch heraus.

>> Zum vollständigen Papier mit dem Titel "Freiräume für Jugend schaffen!" (PDF, 113 KB)

Als Fazit des Papiers fordert die AGJ fordert alle beteiligten Akteure auf, die Bewertung von "richtiger" und "falscher" Zeitgestaltung aufzulösen und jungen Menschen mehr Raum und Zeit für ihre freie Entfaltung zu ermöglichen. Junge Menschen als Experten ihrer Lebenswelten und als Akteure in der Gesellschaft ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören, statt sie zu reglementieren, sollte im Interesse der Gesellschaft der Zukunft zentraler Ausgangspunkt jeglichen Handelns der Beteiligten sein. Vor diesem Hintergrund fordert die AGJ, dass freie und widerständige Entscheidungen von jungen Menschen wertgeschätzt, ernst genommen und zum Ausgangspunkt des Dialogs gemacht werden.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

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