Kinder- und Jugendpolitik / Kinder- und Jugendarbeit

Austausch mit Nordafrika: Dialog und Netzwerkbildung

Tunesische Demonstranten
Bild: Antoine Walter   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0

Der Arabische Frühling hat Nordafrika verändert. Für den Jugend- und Fachkräfteaustausch bietet das Chancen. „Dialogue Me To Network“ – unter diesem Titel berieten in Tunis vom 8. bis 11. Dezember Akteure aus Tunesien, Marokko, Ägypten und Deutschland, wie der Austausch stabilisiert und weiterentwickelt werden kann. Der Tagungsbericht von IJAB liefert Eindrücke von der internationalen Fachkonferenz und erlaubt Ausblicke für die weitere Zusammenarbeit.

Es war eine Konferenz unter denkwürdigen Begleitumständen. Strenge Sicherheitskontrollen am Zugang zur „Touristischen Zone“, in der das Tagungshotel liegt. Der Boden der Fahrzeuge wurde untersucht, der Kofferraum in Augenschein genommen, im Hotelfoyer wurde das Gepäck durchleuchtet. Die Angst vor Anschlägen ist groß in Tunesien. Terror und Radikalisierung waren Begriffe, die während aller Konferenztage im Vokabular der Teilnehmer/-innen aus Tunesien, Marokko und Ägypten häufig präsent waren. Am Ankunftstag der Teilnehmer/-innen fand im Hotel zeitgleich eine andere Veranstaltung statt: Unterschiedliche zivilgesellschaftliche Initiativen präsentierten ihre Projekte gegen Korruption. Der Ministerpräsident wurde erwartet – ein Zeichen, wie wichtig der Regierung das Thema ist. Die Resonanz unter den Tagungsteilnehmer(inne)n: zwischen Hoffnung und Skepsis. Tunesien bleibt ein Land im Umbruch.

Der erste Abend bot Gelegenheit zur informellen Begegnung. Manche kennen sich noch von der Vorgängerkonferenz 2015 in Bonn, andere sind durch langjährige Zusammenarbeit miteinander verbunden, einige halten Kontakt über nationale Netzwerke und Zusammenhänge. Der offizielle Teil begann am nächsten Morgen. Politische Prominenz war gekommen: Mehdi Ben Jharbeya, tunesischer Minister für Menschenrechte und den Dialog mit der Zivilgesellschaft, Houda Slim, Mitglied des tunesischen Parlaments, und Saif Allah Lasram, Bürgermeister von Tunis. Sie alle wiesen darauf hin, wie wichtig die wirtschaftliche und politische Inklusion der Jugend ist. Sie kennen die schwierigen Rahmenbedingungen, unter denen junge Menschen aufwachsen. Tunesien, Marokko und Ägypten sind durch einen hohen Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung geprägt – aber auch durch hohe Jugendarbeitslosigkeit, vor allem im ländlichen Raum. Auch die Hoffnung auf friedliches Zusammenleben in der Region klang in den Beiträgen an.

Die Jugend hat die Früchte der Revolution nicht geerntet

Was das im Einzelnen bedeutet, wurde in einer ersten Podiumsdiskussion mit Experten deutlich. Anis Boufrikha vom Veranstaltungspartner We love Sousse wiesen darauf hin, dass 38 % der Bevölkerung in Tunesien zwischen 15 und 25 Jahre alt sind, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 33 %. 44 % denken über Auswanderung nach. „Junge Leute haben den Arabischen Frühling gemacht, aber sie haben seine Früchte nicht geerntet“, schlussfolgerte Yassine Isbouya von der No-Hate-Speech-Kampagne aus Marokko. Die Erwartungen an das, was Internationale Jugendarbeit leisten kann, sind damit hoch. Jugend- und Fachkräfteaustausch werden nicht alle Probleme lösen können, aber sie können jungen Menschen eine Alternative zu Hoffnungslosigkeit und Extremismus aufzeigen, sie auf eine gemeinsame Welt in Solidarität und Toleranz vorbereiten und einen Beitrag zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in allen beteiligten Ländern leisten. Dafür müssen Hindernisse überwunden werden. Dazu gehört unter anderem die Visapflicht. Die Praxis der Visaerteilung war immer wieder Gegenstand von Diskussionen.

Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB, und Sami Esseid, Präsident des tunesischen Partners CCAB, erinnerten daran, wie die Konferenz zustande kam. Nach dem Arabischen Frühling hatte das Auswärtige Amt einen Fond für die „Transformationspartnerschaften“ Deutschlands mit nordafrikanischen Ländern eingerichtet. Innerhalb des Fonds entstand ein eigener Topf, der für den Jugend- und Fachkräfteaustausch verwendet wird. Die Partner kamen erstmals 2015 in Bonn zusammen. Damals wurden zwei wichtige Schlussfolgerungen aus der bisherigen Arbeit gezogen: Wir brauchen ein Netzwerk und wir brauchen die Stärkung der Zivilgesellschaft für mehr Demokratie und gegen Extremismus. Jugendarbeit spielt eine wichtige Rolle, um Vorurteile abzubauen, Selbstvertrauen zu entwickeln und Jugendliche darin zu stärken, ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen.

Gibt es ein gemeinsames Verständnis von Zukunftsthemen?

Jugend- und Fachkräfteaustausch und der Aufbau stabiler Partnerschaften sind kein Selbstzweck sondern entwickeln sich entlang von Inhalten. Workshops boten Gelegenheit zur Diskussion über Partizipation junger Menschen, Demokratie und Zivilgesellschaft, Interreligiösen Dialog, Natur und Umwelt, Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion. Wie werden beispielsweise Demokratie und Zivilgesellschaft in den beteiligten Ländern wahrgenommen und bewertet? Eine besonders wichtige Frage in den Übergangsgesellschaften Nordafrikas. Im Workshop gab es darauf Antworten: Das Konzept Demokratie existiert in allen Ländern, wird aber aufgrund der unterschiedlichen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen unterschiedlich interpretiert. Einigkeit bestand darin, dass sich Demokratie aus dem Inneren einer Gesellschaft heraus entwickeln muss und nicht importiert werden kann.

Ebenso deutlich wurde auf den Zusammenhang zwischen Demokratie und Menschenrechten hingewiesen – das eine ist nicht ohne das andere vorstellbar. In allen Workshops wurde der Wunsch nach Dialog sichtbar – sowohl innerhalb der heterogenen Gesellschaften Nordafrikas, als auch mit dem europäischen Partner Deutschland. Dabei wurde auch deutlich: Dinge die als vermeintlich trennend wahrgenommen werden, können auch Grundlage von Partnerschaften sein. Die Terroranschläge der letzten Jahre haben keineswegs nur zu Opfern in Europa geführt, sie haben auch in der arabischen Welt Wunden geschlagen. Ihre Ursachen sind auf beiden Kontinenten zu suchen, Prävention kann ein gemeinsames Projekt sein – beispielsweise im Interreligiösen Dialog. Ernste und wichtige Themen, für die sich viele Teilnehmer/-innen mehr Zeit gewünscht hätten.

Einblicke in tunesische Jugendarbeit

Der Konferenzort Tunis war unter anderem deshalb gewählt worden, weil tunesische NGOs einen besonders großen Anteil des Austauschs mit Deutschland bestreiten. Dass sie dies können, liegt auch an der Vielfalt der Zivilgesellschaft des Landes. Einige Institutionen und Einrichtungen konnten in „Field Trips“ kennengelernt werden. Das Arabische Institut für Menschenrechte zum Beispiel. Die nichtstaatliche Organisation ist in den Räumlichkeiten von Dar Essaida untergebracht – mitten in der Nachbarschaft von Essaida, einem sozial schwächeren Stadtteil von Tunis. Hier findet Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen statt. Seit der Revolution 2011 kann das Institut freier arbeiten und hat an Bedeutung gewonnen. „Es ist eine neue Situation in Tunesien“, sagte Leiterin Lamia Grar.

In der Jugendarbeit setzt das Arabische Institut für Menschenrechte auf eine spielerische Herangehensweise an die Menschenrechte. Kinder und Jugendliche finden zum Teil über Austauschprogramme ihren Weg in die Räume von „Dar Essaida“. So nahm zurzeit des Projektbesuchs eine Gruppe holländischer Jugendlicher aus einer Partnerorganisation an einem Training teil. Über die Arbeit mit Jugendlichen und Kindern hinaus engagiert sich das Arabische Institut für Menschenrechte weiter für gesellschaftlichen Wandel in Tunesien. „Mit der tunesischen Gewerkschaft und dem Bildungsministerium arbeiten wir an einer Reform des Schulsystems“, so Grar. „Wir versuchen Veränderungen bei Behörden mit zu bewirken.“

Inspirierende Partnerschaften

Viele schöne Beispiele für die Arbeit von NGOs und die Jugendaustausche, die daraus erwachsen, gab es auch unter den teilnehmenden Organisationen von „Diealogue me to Network“. Ein Projektmarkt und die Präsentation on Good-Practice-Beispielen boten die Gelegenheit, sie kennenzulernen.

Auf eine langfristige Partnerschaft mit CCAB aus Tunesien kann IKAB aus Bonn zurückblicken. „Was wir tun, soll benachteiligten Jugendlichen zugutekommen“, erklärte Lucie Engel. Bei den Austauschprojekten mit CCAB sind jedoch nicht Jugendliche die direkte Zielgruppe, sondern Pädagog(inn)en aus der schulischen und außerschulischen Bildung. IKAB ist Zentralstelle des Deutsch-Französischen Jugendwerks, weswegen es auch trilaterale Austausche gibt – die meisten finden jedoch zwischen bilateral zwischen Tunesien und Deutschland statt.

Imane Larich präsentierte FORMEJE – Mediterranean Youth Forum – aus Marokko. Die NGO verfügt über vielfältige internationale Kontakte, unter anderem setzt sie in Marokko die No-Hate-Speech-Kampagne des Europarats um. Sie tut dies auf institutioneller Ebene, beispielsweise indem sie den Kontakt zu Medien und Politik sucht. Daraus ist ein Netzwerk entstanden, das dafür sorgt, dass die Kampagne in allen Jugendclubs und Universitäten präsent ist. Was sind besondere Schwerpunkte von No Hate Speech in Marokko? „Marokko ist Transitland für viele Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa“, erklärt Imane, „einige bleiben bei uns hängen und das kann rassistische Reaktionen auslösen“. Manchmal gibt es aber auch innermarokkanische Spannungen zwischen unterschiedlichen Volksgruppen, auf die No Hate Speech reagiert.

Eine noch junge Partnerschaft verbindet die Solidaritätsjugend Deutschland und We love Sousse aus Tunesien. Sie trafen 2015 im Rahmen der ersten Konferenz zwischen Tunesien, Marokko, Ägypten und Deutschland in Bonn aufeinander, daraus entstanden gemeinsame Austauschprojekte. So besuchten zwei junge Tunesier von We love Sousse ein Workcamp der deutschen Organisation in Lindenberg im Allgäu, das sich mit den UN-Nachhaltigkeitszielen beschäftigte.

Politischer Rahmen ist wichtig

Bei all diesen schönen Projekten darf der politische Rahmen nicht übersehen werden, den der Austausch mit Tunesien, Ägypten und Marokko hat. Er beruht auf der Förderung des Auswärtigen Amts und dem Bekenntnis der Politik aller beteiligten Länder, diesen Austausch zu wollen. Von besonderer Bedeutung waren daher der Besuch der tunesischen Jugendministerin Majdouline Cherni, Parlamentarierin Houda Slim, Franz Maget, Sozial-Attaché der deutschen Botschaft in Tunis und Judith Mirschberger vom Goethe-Institut.

„Es ist schön, zu sehen, dass viele Jugendliche heute am politischen Leben teilhaben“, sagte Cherni, die aber auch einräumte, dass sich viele Jugendliche enttäuscht von der Politik abgewandt hätten und neu erreicht werden müssten. Tunesien habe sich in den vergangenen Jahren anderen Ländern gegenüber geöffnet, die Zivilgesellschaft spiele für das Land heute eine große Rolle. „Die Welt ist ein Dorf geworden“, sagte die Ministerin. Ein Ziel sei es, möglichst viele Jugendliche in Austauschprogramme mit anderen Ländern zu integrieren. Zivilgesellschaftliche Organisationen würden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Auch Franz Maget betonte die Bedeutung der Stabilisierung der Zivilgesellschaft und die damit verbundene Motivation des Auswärtigen Amts zur Förderung des Jugendaustauschs. Maget nutzte die Gelegenheit, zur Visavergabepraxis und zu Reisehinweisen des Auswärtigen Amts Stellung zu nehmen – letzteres war insbesondere den ägyptischen Partnern ein großes Anliegen. „Stellen Sie Ihre Anträge frühzeitig“, riet Maget, „und bitte haben Sie Verständnis, dass wir – wenn es um die Sicherheit geht – verantwortlich handeln müssen“.

Vereinbarungen zum Abschluss

Wie wird es weitergehen? Zum Abschluss vereinbarten die Teilnehmer/-innen nächste Schritte.

  • Alle Teilnehmer/-innen wollen über eine Facebook-Gruppe verbunden bleiben, die später für weitere Interessierte geöffnet werden könnte.
  • Die jeweiligen nationalen Netzwerke sollen stabilisiert und ausgebaut werden, beispielsweise durch nationale Konferenzen.
  • Der Wunsch an der Fortführung der inhaltlichen Arbeit entlang der Themen der Workshops wurde deutlich.
  • Darüber hinaus hat sich eine Arbeitsgruppe zum Thema Sprache und Übersetzung gebildet. Das Thema umfasst sowohl das komplexe Vokabular der deutschen Kinder- und Jugendhilfe, als auch Sprachunterschiede im Arabischen, die sich aus unterschiedlichen nationalen Systemen herleiten.
  • Bestehende Projekte und Arbeitsmaterialien sollen gesammelt und online zur Verfügung gestellt werden. In diesem Zusammenhang soll auch das internationale Netzwerk visualisiert und dargestellt werden. Eine Arbeitsgruppe wird prüfen, inwieweit dafür eine eigene Webseite nötig ist und wie sie finanziert werden könnte.

Hintergrund 

Die Konferenz Dialogue Me To Network wurde durch das Auswärtige Amt gefördert. Sie wurde von IJAB in Kooperation mit dem Club Culturel Ali Belhouane aus Tunis durchgeführt. Die Intercultural Youth Dialogue Association aus Ägypten, Young United aus Marokko und We Love Sousse aus Tunesien haben die Konferenz unterstützt.

Eine Redaktion von Nachwuchsjournalisten aus Tunesien, Morokko und Deutschland hat in einem Blog mit Berichten in vier Sprachen die Konferenz begleitet. 

Weitere Informationen mit Hintergründen zur Zusammenarbeit Deutschlands mit den nordafrikanischen Ländern und Bildmaterial von der Konferenz stehen auf der Webseite von IJAB zur Verfügung. 

Quelle: IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Christian Herrmann 

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