Familienpolitik

Sachverständigenkommission legt Achten Familienbericht vor

Mutter, Vater und Kind unter Baum

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat heute in Berlin den 8. Familienbericht entgegen genommen. Der Bericht enthält Eckpunkte, wie es Familien erleichtert werden kann, auch unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen Zeit für familiäre Verantwortung zu finden.

Der Familienbericht unter dem Titel "Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik" wurde von einer unabhängigen Kommission unter Leitung von Prof. Dr. Georg Thüsing erarbeitet. Kristina Schröder bezeichnete in diesem Zusammengang Zeit als die Leitwährung der Familienpolitik der Bundesregierung. "Eltern brauchen Zeit, um ihre Kinder ins Leben zu begleiten und sie brauchen Zeit, wenn Angehörige Unterstützung benötigen oder pflegebedürftig werden. Aus Studien wissen wir: Der Wunsch nach mehr Zeit für Familie rangiert weit vor dem Wunsch nach mehr Geld oder nach besserer Kinderbetreuung. Ob Familien zusammen halten, ob Eltern und Kinder füreinander da sein können, ist in erster Linie eine Frage der Zeit", so Schröder.

Die Sachverständigenkommission hat in ihrem Bericht Eckpunkte für eine familienfreundliche Zeitpolitik entwickelt, entlang der Zeitbedürfnisse, Zeitkonflikten und Wünschen von Familien in unterschiedlichen Phasen und Familienkonstellationen. Anliegen der Politik müsse es sein, so die Kommission, eine Benachteiligung der Familie zu verhindern, wenn es darum geht, Zeit gesellschaftlich einzuteilen. Daher sollen Zeitstrukturen und Zeitnormen entwickelt werden, in denen die Familie ihren Platz hat.

Die Sachverständigenkommission empfiehlt in ihrem Bericht, vorhandene Reserven bei der Verwendung von Zeit auf eine sozialverträgliche Weise nutzbar zu machen, um Familien zu entlasten. Mehr Zeitsouveränität von Eltern könne etwa durch den weiteren Ausbau der Betreuungseinrichtungen oder durch die Gestaltung von Arbeitszeit erreicht werden. Dabei dürften betriebliche Notwendigkeiten nicht außer Acht gelassen werden.
Weiterhin stellen die Expertinnen und Experten fest, dass verschiedene Zeitstrukturen, wie Arbeitszeiten und Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen häufig nicht aufeinander abgestimmt seien. Eine solche Abstimmung könne in den meisten Fällen am besten auf kommunaler Ebene erfolgen. Lokale Zeitpolitik sei ein integraler Bestandteil familienbezogener Zeitpolitik.
Familienunterstützende Dienstleistungen werden in dem Bericht als Entlastungsfaktoren für Familien beschrieben die einen Beitrag zu einer besseren Alltagsorganisation leisten könnten. Damit diese Dienstleistungen in Deutschland mehr genutzt werden, wird empfohlen, sowohl Informations- als auch Kostenfragen zu lösen. Ein neuartiges kommunales Engagement, das den Aufbau und die Förderung sowie neue Zugänge zu Dienstleistungen umfasst, kann nach Ansicht der Sachverständigen Perspektiven für Familien schaffen. Bestehende Infrastruktureinrichtungen, wie z. B. Mehrgenerationenhäuser oder Kitas könnten als Drehscheiben oder Vermittlungszentren mit neuartigen Funktionen als Dienstleistungszentren genutzt werden.
Der Bericht formuliert die Forderung an Kommunen und die Gesellschaft insgesamt, sich stärker am Gedanken einer fürsorgenden Gemeinschaft (Caring Community) zu orientieren. Kommunale Plattformen zur Förderung und Koordinierung zivilgesellschaftlichen Engagements könnten die Basis für das Entstehen solcher Communities sein.
Darüber hinaus sei der Bundesfreiwilligendienst in stärkerem Maße als Instrument zur Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements älterer Menschen zu nutzen. Der Bundesfreiwilligendienst sollte als Option für zum Engagement bereite ältere Menschen offensiv propagiert und die Suche nach geeigneten Möglichkeiten für ältere Menschen erleichtert werden (ggf. auch in Form einer "Platzbörse" für Senioren).

Die Bundesregierung ist verpflichtet, Bundestag und Bundesrat mindestens in jeder zweiten Legislaturperiode einen Bericht über die Lage der Familien vorzulegen. Neben Bestandsaufnahme und Analyse enthalten die Berichte Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Familien. Die Bundesregierung erarbeitet nun eine Stellungnahme zum Bericht der Sachverständigenkommission. Der Achte Familienbericht wird dem Deutschen Bundestag Anfang 2012 vorgelegt und veröffentlicht. Ausgewählte Themen des 8. Familienberichtes fasst eine Broschüre des BMFSFJ zusammen, die hier zum Download sowie zur Bestellung zur Verfügung steht.

Reckmann: Gesetzliche Änderungen beim Arbeits(zeit)recht sind unabdingbar
Die Vorsitzende des Zukunftsforum Familie, Christiane Reckmann, begrüßte die Themensetzung des 8. Familienberichtes ausdrücklich. In der für Familien wichtigen Trias Zeit – Geld – Infrastruktur sei die Säule ‚Zeit‘ die bislang noch am wenigsten tragende. Zeit und Geld dürften allerdings ebenso wenig gegeneinander ausgespielt werden wie Geld und Infrastruktur. Familien, so Reckmann, seien auf Unterstützung in allen drei Bereichen angewiesen.
 
"Der Ansatz des Gutachtens, Zeit umzuverteilen und ältere Menschen als ‚Zeitgeber/innen‘ für die durch Erwerbs- und Sorgearbeit in Anspruch genommene Generation in den Blick zu nehmen, ist nicht neu. Es ist fraglos wichtig, auf die Potenziale, die im Alter liegen können, hinzuweisen. Allerdings muss Zeitpolitik für Familien mehr sein als das Setzen auf das freiwillige Engagement Älterer", sagte Reckmann.
 
Für die meisten Menschen im aktiven Erwerbsalter setzten die Arbeitszeiten den Rahmen für ihr Familienleben, für Erholung oder Weiterbildung. "Hier auf Appelle an die Tarifparteien zu setzen, sich auf möglichst familienfreundliche Arbeitszeiten zu verständigen, scheint uns wenig befriedigend. Appelle an die Freiwilligkeit der Arbeitgeber hatten wir mit der Schröderschen Familienpflegezeit und der ‚Flexi-Quote‘ bereits genug. Ohne gesetzliche Änderungen beim Arbeits(zeit)recht, das Familien mehr zeitliche Souveränität und vor allem mehr Zeit füreinander ermöglicht, geht es aus unserer Sicht nicht", so Reckmann abschließend.

Sehrbrock fordert Debatte über Ausbildungszeiten
„Überstunden und eine Kultur der Dauerpräsenz bestimmen den Alltag der Beschäftigten. Oftmals erwarten Arbeitgeber Verfügbarkeit rund um die Uhr. Zeitsouveränität für Familien gibt es aber nur dort, wo Arbeit gerecht verteilt wird. Die Organisation der Arbeitszeit ist der Schlüssel für eine familienfreundliche Arbeitswelt: Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Arbeitszeitdebatte", forderte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock heute in Berlin.

Großelternzeit, Freiwilligendienste und Nachbarschaftshilfe, wie sie der Familienbericht empfehle, könnten den Ausbau der institutionalisierten Kinderbetreuung nicht ersetzen. Nach Sehrbrock bedarf es eines Netzes qualitativ hochwertiger und professioneller Kinderbetreuung, das den Bedarf verlässlich decke.

Zeit für Familie heiße auch, dass man kurzfristig frei nehmen könne, wenn familiäre Angelegenheiten dringend geregelt werden müssten. "Teilzeit darf nicht zur Sackgasse werden. Deshalb brauchen wir für die Beschäftigten einen Rechtsanspruch auf Rückkehr in die Vollzeit", so Sehrbrock.

Aus Sicht des AWO Bundesvorsitzenden Wolfgang Stadler überrascht das Ergebnis des 8. Familienberichtes, dass Familien in Deutschland unter mangelnder Zeit leiden, nicht. „Bisher fehlt es vor allem an Sensibilität, aber auch an Wissen zum Thema Zeitkonflikte, unter denen besonders Familien mit Kindern, aber auch Familien mit zu pflegenden Angehörige leiden“, betonte Stadler und fügte hinzu: „Eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit und Familien war insoweit längst überfällig.“

„Familien müssen noch viel stärker als bisher dabei unterstützt werden, Familie, Pflege und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Dafür benötigen sie bezogen auf Zeit mehr Handlungssouveränität“, forderte Stadler. „Zudem ist vor allem der Ausbau einer qualifizierten und wohnortnahen Kinderbetreuung, sowohl im Kita-, als auch im Schulbereich Grundlage für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, betonte Stadler.

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