AGJ zum Thema Care-Arbeit

Die Bedeutung von Sorgearbeit anerkennen, Ressourcen sorgender Familien stärken!

Ein Vater hat seinen Sohn, der Pappflügel trägt, auf dem Arm und beide tragen Sonnenbrillen und lachen.
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Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ legt in ihrem Positionspapier einen Fokus auf Sorgearbeit in der Familie. Sie beschreibt die Ressourcen in Familien sowie die Herausforderungen, denen Familien alltäglich begegnen und die ihnen Sorgearbeit erschweren. Die AGJ fordert eine gesamtgesellschaftliche Aufwertung und Anerkennung von Sorgearbeit, entwickelt Lösungsmöglichkeiten und formuliert Forderungen an die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe und politische Entscheidungsträger/-innen.

Familien sind noch immer die verbreitetste Form, in der Sorge füreinander geleistet wird. Sorgearbeit ist in unserer Gesellschaft von existenzieller Bedeutung und umfasst Sorgetätigkeiten und Kompetenzen in der Betreuung, Erziehung und Bildung sowie in der Gesundheit und Pflege. Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ macht mit ihrem Positionspapier „‚Care braucht mehr!‘ Die Bedeutung von Sorgearbeit anerkennen, Ressourcen sorgender Familien stärken!“ (PDF) deutlich, an wie vielen Stellen Familien Sorgearbeit übernehmen und welche Ressourcen darüber hinaus in Familien liegen. Die AGJ beschreibt zudem die Herausforderungen, denen Familien alltäglich gegenüberstehen, die sich zum Beispiel in den Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Zeitnöten begründen.

Ressourcen und Herausforderungen von Familien 

Die AGJ legt mit diesem Papier den Fokus auf die wechselseitigen Erwartungen, die vorhandenen Ressourcen in Familien und die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe als ein die Familie unterstützendes und ergänzendes System. Sie geht nicht vertieft auf andere bezahlte oder unbezahlte Sorgearbeit ein, wohlwissend, dass auch diese vermehrter Aufmerksamkeit bedarf. Dieses Papier ist die erste dezidierte Befassung und Einordnung der AGJ zum Thema Care-Arbeit. Die Ableitungen dieses Papiers geben die Richtung für die weitere Befassung innerhalb der AGJ sowie den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe an. Es soll hierbei der Frage nachgegangen werden, wie ein selbstbestimmtes Leben aller Familienmitglieder und eine faire Verteilung von Sorgearbeit ermöglicht werden kann und welche Rahmenbedingungen es dafür braucht.

Die Rolle der Kinder- und Jugendhilfe in Bezug auf Sorgearbeit in Familien

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ sieht die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in der Pflicht, sich aktiv(er) mit der Situation und den Herausforderungen, die Familien erleben, auseinanderzusetzen und ihre Wünsche und Unterstützungsbedarfe in den Blick zu nehmen. Damit sollen Familien Sorge- und Erwerbsarbeit unter guten Rahmenbedingungen nachgehen können. Hierfür müssen sich die rechtlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen ändern und den Wandel der Geschlechter-, Familien-, Generationen- und Arbeitsbeziehungen sowie der Lebensläufe achtsam unterstützen. 

Stärkeres Eintreten der Kinder- und Jugendhilfe für Familien

In die dringend notwendige gesamtgesellschaftliche Diskussion möchte die AGJ ihre Überlegungen und Forderungen einspeisen. Denn aus Sicht der AGJ ist es an der Zeit, dass Sorgearbeit und die Situation von Familien gesamtgesellschaftlich diskutiert wird und die Kinder- und Jugendhilfe diese mit anstößt und sich hier aktiv an der Verbesserung der Rahmenbedingungen von Sorgearbeit in den Familien beteiligt und die Diskussionen damit zweifelsohne bereichert. 
In Hinblick auf Familien und insbesondere Eltern und andere Erziehungsberechtigte hat die Kinder- und Jugendhilfe den Auftrag, bei der Erziehung zu beraten und Familien durch Angebote und Dienste zu unterstützen sowie anwaltschaftlich für sie einzutreten. Daraus ergibt sich für die Kinder- und Jugendhilfe die Aufgabe, schwierige Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Missstände für Familien im Blick zu behalten, zu analysieren, aktiv auf sie hinzuweisen und sich in Diskussionen kritisch einzumischen. Nur so kann sie einen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und bestenfalls familiengerechtere Rahmenbedingungen erwirken. Diesem Auftrag sollte vor dem Hintergrund des stetigen Wandels vermehrt Rechnung getragen werden. 

Familien in ihrer Fürsorge stärken und Angebote schaffen

Die Angebote und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe sollten Familien in ihrem Wunsch nach der Ausübung von Sorge- und Erwerbsarbeit und der Wahrnehmung ihrer Verantwortung stärken. Sie können Familien unterstützen, jedoch nicht allein für eine gesamtgesellschaftliche Verbesserung der Situation für Familien sorgen. 
Benötigt wird eine ganzheitliche Betrachtung von Sorgearbeit im Lebensverlauf aller Menschen und passende und ineinander verschränkte Angebote sowie monetäre Hilfen und Absicherung für Sorgearbeit. Hierfür gibt es bereits Ideen und Modelle, wie z. B. das Care-Zeit-Budget, das ein Guthaben vorsieht, aus dem der Staat seinen Bürger/-innen jenen Lohnausfall ersetzt, der entsteht, wenn diese sich für einen begrenzten Zeitraum ihren Care-Aufgaben widmen. Oder auch das Grundeinkommen als ein Einkommen, dass Menschen in ihrer Existenz sichert und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht sowie dies individuell durch einen Rechtsanspruch garantiert. Das heißt, dass sich auch die Kinder- und Jugendhilfe vor diesem Hintergrund entschieden gegen eindimensionale Lösungen wehren und sich insgesamt für bessere Rahmenbedingungen für Familien stark machen sowie eine ressortübergreifende Befassung fordern muss. Dafür muss es zunächst Ziel sein, alle Familien mit bedarfsgerechten Informationen zu versorgen und sie in die Lage zu versetzen, für sich passende Angebote auszuwählen. Insbesondere die Corona-Krise verdeutlicht, welche relevanten Aufgaben Familien erfüllen und derzeit vermehrt wahrnehmen. Mit diesen Erkenntnissen sollten bereits bestehende Modelle und Ideen mehr Aufmerksamkeit erlangen, sich mit ihnen auseinandergesetzt und diese weiterverfolgt werden. Die Kinder- und Jugendhilfe könnte sich hier richtungsweisend einbringen.

Mit in den Blick zu nehmen sind hier auch die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Ansätze (z. B. Patenschaftsprogramme, Hausaufgabenbetreuung, Leih-Omas), die oft flexibel und niedrigschwellig Bedürfnisse von Familien aufgreifen und wesentlich zu deren Entlastung beitragen. Diese wichtige Ressource für Familien zu stärken und fördern und sie als Kooperationspartner ernst zu nehmen, die meist nah an den Familien agieren und auch solche Familien erreichen, die durch etablierte Angebote nicht immer erreicht werden, stellt dabei einen weiteren Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe dar.

Partizipation von Familien sicherstellen

Familien brauchen verlässliche Mitsprache- und Beteiligungsmöglichkeiten in Angeboten und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Ihre Bedarfe müssen erhoben und berücksichtigt werden, denn nur so können Familien selbst passende Angebote anregen und hierdurch die Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe stetig verbessern und Teil von ihnen werden. Dies bedeutet für die Kinder- und Jugendhilfe zunächst alle Familien im Blick zu haben und ihnen zugängliche und passende Angebote bereitzustellen, sich selbst als beteiligungsorientiert und offen für die Mitsprache und das Engagement von Familien zu erweisen. In einem zweiten Schritt braucht es fest verankerte und vielfältige Möglichkeiten, dass sich Familien darüber hinaus einbringen und ihren Sozialraum mitgestalten und familienfreundlicher machen können. Dies bedeutet auch die stärkere Berücksichtigung familiärer Bedarfe auf verschiedenen politischen Ebenen. Die Kinder- und Jugendhilfe muss diese Prozesse begleiten und befördern und ressortübergreifend darauf drängen, dass die Bedarfe von Familien berücksichtigt werden und somit jede Familie passende Angebote vorfindet. Nur so können Veränderungen von Rahmenbedingungen angestoßen, Maßnahmen auf die Bedarfe von Familien abgestimmt werden und diese ihre Wirksamkeit entfalten. Die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe können hierdurch optimiert und nachhaltig verbessert werden. Dadurch können das System Familie von der Kinder- und Jugendhilfe nachhaltig gestärkt und Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung frühzeitig unterstützt werden. 

Auf die Aufwertung/Anerkennung von Sorgearbeit hinwirken

Die Aufwertung und Anerkennung von Sorgearbeit, die Menschen alltäglich erbringen sei es im familiären, professionellen oder ehrenamtlichen Kontext, muss Ziel einer gesellschaftlichen Debatte sein. Die in den zurückliegenden Jahrzehnten immer weiter gestiegenen Anforderungen an Familien und der damit einhergehende zurückgedrängte Raum für (das Ausleben von) wechselseitige(r) Fürsorge und Verantwortung muss dabei in den Mittelpunkt weiterer Überlegungen und Problemlösungen rücken. Es muss verdeutlicht werden, dass die Sorge für sich und andere Menschen etwas Sinnstiftendes und Positives ist, das ermöglicht und unterstützt werden sollte. Sorgearbeit ist existenziell in unserer Gesellschaft und muss als ein allgemeinmenschliches Gut anerkannt werden. Nur so kann eine positive Aufwertung von Care stattfinden. Denn bisher wird sie als selbstverständlich hingenommen und zu wenig honoriert. Zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Familien und Sorgearbeit allgemein sind ganzheitliche Modelle, Überlegungen und Programme hilfreich, die den Menschen über sein ganzes Leben betrachten, die verschiedenen möglichen Care-Phasen und Care-Situationen darstellen und somit den ganzen Lebenslauf abdecken sowie flexible und individuelle Lösungen zum Ziel haben. Auch hierauf muss die Kinder- und Jugendhilfe durch den konsequenten Blick auf sowie die anwaltschaftliche Unterstützung von Familien hinwirken. 

Mehr Akzeptanz von familiärer Sorgearbeit in der Kinder- und Jugendhilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe als Arbeitgeber für Personen, die sorgende Tätigkeiten professionell ausführen, sowie für Personen, die in ihrem sozialen Umfeld Sorgearbeit übernehmen, muss verstärkt auf die Individuen und deren diverse Arbeitsplätze, Lebenssituationen, Bedürfnisse und Wünsche sowie damit verbundene Aufgaben und Herausforderungen eingehen. Um vorbildhaft auf weitere gesellschaftliche Entwicklungen zu wirken, sollte die Kinder- und Jugendhilfe eigene Modelle entwickeln, ausprobieren und implementieren, die eine Flexibilität (Vollzeit und Teilzeit) und Familienfreundlichkeit von Arbeitszeiten und das Nachgehen von Sorgearbeit im familiären Umfeld als wichtigen Bestandteil des Gemeinwesens und der individuellen Lebenssituation der Fachkräfte ermöglichen. Denn „insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe, wo Fachkräfte andere Familien entlasten und unterstützen, sollte auch für sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich sein. Hierfür müssen passende Konzepte entwickelt werde. Die Möglichkeit, ihr Leben selbst gut organisieren zu können und dabei unterstützt zu werden, kann ein wesentlicher Haltefaktor für die Fachkräfte sein.“ 

Familien erleben im Verlauf ihrer Lebens Situationen, wo die Sorge für andere plötzlich sehr dringlich ist oder/und sich über viele Jahre zieht. Die Situationen der Sorge können somit sehr unterschiedlich sein und als belastend oder sinnstiftend – oder beides gleichzeitig – wahrgenommen werden. Deutlich wird, dass in der Befassung mit Sorgearbeit in Familien die Perspektive auf den Lebenslauf der einzelnen Personen sinnvoll ist. Denn der beschränkte Blick auf und die Maßnahmen für einzelne Lebensabschnitte bieten Familien höchstens temporäre Entlastung, aber keine selbstständige Möglichkeit eigene Planungen zu machen und ein Gefühl zu entwickeln, ihr Leben selbst bestimmen und der Sorgearbeit mit genügend finanziellen und zeitlichen Ressourcen nachgehen zu können. Die Kinder- und Jugendhilfe ist aus Sicht der AGJ aufgefordert sich einzumischen und anwaltschaftlich für Familien und bessere Rahmenbedingungen einzutreten.

Zum vollständigen AGJ-Positionspapier „‚Care braucht mehr!‘ Die Bedeutung von Sorgearbeit anerkennen, Ressourcen sorgender Familien stärken!“ (PDF)

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

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