Bildungspolitik / Kindertagesbetreuung

So früh wie möglich: Sprachförderung von Anfang an

Eine Frau liest einer Gruppe von Kindern vor.
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Mit 400 Millionen Euro fördert der Bund die Sprachförderung in Kindertagesstätten. Insgesamt profitieren davon 4000 Kitas. Eine von ihnen ist die Kita Seestraße in Berlin-Wedding. Dort erhält jedes Kind einen individuellen Förderplan.

Vor Kemal liegt eine Bilderkarte mit bunten Bausteinen. Er schüttelt den Kopf, als er gefragt wird, was er sieht. „Weiß nicht“, sagt er. Auch Eslem steckt schüchtern den Finger in den Mund, als sie das Stück Seife auf ihrer Karte nicht erkennt. Zusammen sitzen die beiden Vierjährigen mit Melina, Feyza, Acelya und ihrer Erzieherin Sabine Prietzsch um einen Tisch und spielen Memory. Kemal hat aufgepasst, er deckt die Karte mit dem Waschbecken darauf auf und hat sich gemerkt, wo die Karte mit den sich die Hände waschenden Kindern liegt. „Passen die beiden Karten zusammen?“, fragt Sabine Prietzsch ruhig und Kemal nickt stolz. Schämen muss sich hier kein Kind, wenn es etwas nicht weiß. Besonders Melina hilft gern, sagt das fehlende Wort und die anderen sprechen es nach. Das ist sonst nicht so, denn zu Hause mit ihren sechs Geschwistern und in der großen Kita-Gruppe bleibt Melina oft stumm.

33 von 57 Kindern haben einen Migrationshintergrund

Seit Ende letzten Jahres trifft sich die kleine Gruppe jeden Dienstagvormittag, um zu singen, zu spielen, zu reden und zu malen. Um dabei besser Deutsch zu lernen. Denn in der Kita Seestraße im Berliner Bezirk Wedding kommen mehr als die Hälfte der 57 Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Kita liegt im Kiez „Schillerpark“, einem sozialen Brennpunkt. Die Arbeitslosenquote beträgt 13,6 Prozent und 52 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren leben von Hartz IV. Diese Verhältnisse spiegeln sich nicht in den hellen und modern eingerichteten Räumen der Kindertagesstätte wider. Das einstöckige Gebäude war bis 1994 eine Polizeistelle. Seitdem bietet es Platz für fünf altershomogene Gruppen. In der eigenen Küche wird jeden Tag das Essen frisch zubereitet und im Garten ist viel Platz zum Toben und Spielen.

Die Förderung sprachlicher Fähigkeiten ist besonders wichtig

Der Kontakt zwischen den deutschen und ausländischen Kindern ist gut. „Sprachbarrieren spielen kaum eine Rolle“, sagt Sabine Prietzsch, die seit Ende der 80er Jahre als Erzieherin arbeitet. Vor vier Jahren bildete sie sich während einer siebenmonatigen, berufsbegleitenden Qualifizierung zur Facherzieherin für Sprache weiter. Spätestens, wenn die Kinder in die Schule kommen, sind Schwierigkeiten beim Lernen und im Kontakt mit anderen Kindern und Erwachsenen vorprogrammiert. Aktuelle Studien belegen, dass bereits in der frühen Kindheit wichtige Weichenstellungen für Integration gestellt werden. Deshalb ist die frühe Förderung kognitiver, sozialer und besonders sprachlicher Fähigkeiten wichtig.

Das ist das Ziel der Initiative „Offensive Frühe Chancen“ vom Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. „Wir waren sehr glücklich, als wir erfuhren, dass wir als Schwerpunkt-Kita Sprache und Integration gefördert werden“, erzählt Kitaleiterin Christiane Eltan, die sich seit fast zwanzig Jahren mit ihren acht Kolleginnen um „ihre“ Kinder und deren Eltern kümmert. Die Kita Seestraße gehört zum Träger Kinder im Kiez GmbH und ist eine von 129 geförderten Kindertagesstätten in Berlin. Im Rahmen der Bundesinitiative werden insgesamt rund 4.000 Kindertageseinrichtungen zu Schwerpunkt-Kitas weiterentwickelt. In die frühe Sprachförderung investiert die Bundesregierung insgesamt 400 Millionen Euro.

Jedes Kind erhält einen individuellen Förderplan

Durch diese Unterstützung kann sich die Facherzieherin für Sprache seit einigen Monaten 20 Stunden in der Woche ausschließlich um die Sprachförderung der 20 Kinder kümmern, die besondere Hilfe brauchen. Jeden Tag arbeitet Sabine Prietzsch in kleinen Gruppen mit ihnen an der Aussprache, der Wort- und Satzstellung oder widmet sich in einer ruhigen und unterstützenden Lernatmosphäre ihrem Sprachverständnis. Sie beobachtet, analysiert und dokumentiert das Sprachverhalten und die Sprachstruktur der Kinder mithilfe speziell entwickelter Fragebögen und Methoden. Anschließend erstellt sie für jedes Kind einen individuellen Förderplan. „Die Kinder empfinden die Sprachförderung als einen geschützten Bereich, der ihnen Sicherheit und Raum zum Sprechen gibt. Oft gehen sie im Kitaalltag in der großen Gruppe unter“, berichtet Sabine Prietzsch. Auch die Kinder ohne Förderbedarf finden diese Extrastunden interessant. „Sie dürfen dann auch mal mitmachen“, erzählt sie lächelnd.

Prägend ist die familiäre Spracherfahrung

Zudem berät und begleitet sie die Kolleginnen bei besonderen Aspekten der Sprachentwicklung der Kinder. Ganz wichtig sind die Zusammenarbeit und der Austausch mit den Eltern, da die Kinder entscheidend von der Spracherfahrung geprägt werden, die sie in ihren Familien machen. Deshalb kann die Sprachförderung in der Kita selten die mangelnden Deutschkenntnisse der Eltern ausgleichen. Der Kontakt mit den Eltern ist nicht immer einfach. „Manche Eltern haben einfach zu viele andere Sorgen“, sagt Sabine Prietzsch. Andere sind interessiert und bemühen sich, ihr Kind zu unterstützen. Wie zum Beispiel die Eltern von Acelya, die außerhalb der Kita noch zur Logopädin geht.
Die kleine Gruppe am Tisch malt inzwischen die Bilderkarten aus. Die Mädchen sind eifrig bei der Sache. Die Erzieherin nutzt die Motive auf den Karten, um mehr über das Leben der Kinder zu erfahren. Acelya erzählt von ihrem großen Bruder Ekrem, der Sonnen auf seiner Bettwäsche hat. Ihr Fahrrad ist blau und Feyza hat auch einen Roller. Kemal entspricht gar nicht der Vorstellung vom kleinen türkischen Haudegen, sondern ist auch konzentriert bei der Sache. In der Kita ist es ruhig geworden, die Kinderstimmen sind in den Garten gezogen. Als Kemal fertig ist, hält es ihn doch nicht mehr auf seinem Stuhl. Jetzt ist Zeit zum Spielen. Auch ohne Worte.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 16.08.2012

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