Sprachentdecker

Wie Kinder in Kita und Grundschule nebenbei Deutsch lernen

Ein kleines Kind ist von oben zu sehen, in der Hand hält es ein Buch
Bild: Sven Brandsma - unsplash.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Das Modellprojekt „Sprachentdecker“ unter wissenschaftlicher Federführung der Goethe-Universität zeigt, wie Deutschförderung im Alltag gelingen kann. Die Evaluierung des Projekts bestätigt: Die Methode wirkt nachhaltig. In Pandemiezeiten sind die Fördertechniken auch digital vermittelbar.

Kitas und Grundschulen öffnen wieder. Erzieherinnen und Lehrkräfte sehen manche Kinder seit Monaten zum ersten Mal. Wie soll nun all das Versäumte aufgeholt werden? Besonders folgenreich waren die Schließungen für Kinder, die zuhause wenig Unterstützung bekommen – und für mehrsprachige Kinder, deren Familiensprache nicht Deutsch ist. Sie hatten kaum Kontakt mit der Landessprache.

Hier setzt das Modellprojekt „Sprachentdecker“, eine Initiative von BHF BANK Stiftung, Goethe-Universität und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt, an. Pädagogische Fachkräfte, die am Projekt Sprachentdecker teilgenommen haben, verfügen über Strategien, um Kinder beim Deutschlernen im Alltag zu unterstützen. Sie haben gelernt, wie sie Mathematikaufgaben so besprechen können, dass die Kinder dabei auch sprachlich etwas lernen. Sie fordern die Kinder zum Beispiel dazu auf, nicht nur das Ergebnis einer Aufgabe zu nennen, sondern auch zu erklären, wie sie darauf gekommen sind. Dabei geben sie den Kindern Satzmuster vor, die beim Antworten helfen: „Als erstes habe ich…“ „Weil…, muss man …“. Auch in der Kita regen die Erzieherinnen die sprachliche Entwicklung der Kinder an, indem sie deren Sätze aufgreifen und erweitern. Erzählt ein Kind: „Gestern hab ich Pferd geseht!“ antwortet die Fachkraft z.B.: „Stimmt, gestern haben wir beim Spaziergang ein großes braunes Pferd gesehen, das auf einer Weide stand“. So lernen die Kinder beiläufig richtige und variantenreiche Formulierungsmöglichkeiten im Deutschen.

Sprachbildung ist kein Selbstläufer

Vor gut fünf Jahren ist das Projekt „Sprachentdecker – Alltagsintegrierte Sprachförderung in Kita und Grundschule“ in Frankfurt gestartet. Die jetzt von der Erziehungswissenschaftlerin und Doktorandin Christina Graf vorgelegte Evaluierung des Projekts unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Diemut Kucharz (Goethe-Universität, Erziehungswissenschaften) zeigt, dass gezielte und praxisorientierte Fortbildungen und individuell auf die Fragen und den Kenntnisstand von Pädagogen und Pädagoginnen abgestimmte Coachings wirken und die Landschaft bestehender  Sprachförder- und Sprachbildungsangebote sinnvoll ergänzen können.

„Alltagsintegrierte Sprachbildung ist kein Selbstläufer – und passiert nicht von selbst“, sagte Sylvia Weber, Stadträtin und Dezernentin für Integration und Bildung der Stadt Frankfurt, bei der Präsentation der Evaluationsergebnisse. „Wir brauchen eine gezielte Qualifizierung der Fach- und Lehrkräfte und eine bewusste und langfristige Auseinandersetzung mit Sprache, Mehrsprachigkeit und Sprachförderung in den Teams und Kollegien von Kita und Schule. Gerade die individuellen Coachings des Programms sind hier sehr wertvoll. Vorlaufkurse und Seiteneinsteigerklassen (Intensivklassen) sowie gezielte Angebote für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache allein reichen nicht aus, um Sprachdefizite im Deutschen zu kompensieren und bildungssprachliche Kompetenzen zu entwickeln. Vielmehr müssen alle Fach- und Lehrkräfte, d.h. alle, die die regulären Bildungs- und Lernprozesse gestalten, für eine alltagsintegrierte Sprachbildung und sprachförderliches Verhalten qualifiziert werden.

Das Angebot Sprachentdecker kann hier eine Lücke schließen und andere Angebote wie Vorlaufkurse ergänzen und so die Sprachbildung der Kinder nachhaltig begleiten und fördern.“ Die positiven Ergebnisse der Evaluierung bestätigten dies. „Wenn ich sehe, wie viele Kinder Förderbedarf haben, weiß ich: Wir brauchen mehr Förderung im Regelbetrieb und im Alltag der Kinder. Hierzu leistet ‚Sprachentdecker‘ einen wertvollen Beitrag“, so Weber weiter.

Förderkräfte brauchen das richtige Instrumentarium

Der Evaluation zufolge bewirkt „Sprachentdecker“ zum einen, dass Pädagoginnen und Pädagogen in Kita und Schule ihre Kenntnisse über das sprachliche Bildungspotential der Kinder und ihr eigenes Handlungsrepertoire in der Sprachförderung erweitern und einüben. Und zum anderen, dass Kinder ihre sprachlichen Kompetenzen verbessern, wenn Fachkräfte regelmäßig und gezielt alltagsintegrierte Fördertechniken anwenden.

„Die Evaluation hat gezeigt, dass ‚Sprachentdecker‘ und die Techniken der alltagsintegrierten Förderung es den pädagogischen Fachkräften ermöglichen, ihr Wissen über die Sprache zu verbessern und es optimal einzusetzen, wenn sie mit den Kindern interagieren“, sagt Diemut Kucharz, Professorin für Grundschulpädagogik an der Goethe-Universität. „Viele Förderkräfte haben noch kein Instrumentarium, um zu erkennen, was die Kinder schon gut beherrschen und wo Einzelne noch Defizite haben. Hier setzt ‚Sprachentdecker‘ an: Wir schärfen den Blick der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und komplettieren ihr Repertoire – und das ohne zusätzliche Fördermaßnahmen für die Kinder, sondern integriert in deren Alltag. Die Evaluierung hat gezeigt: Dies ist ein sehr effizienter Ansatz.“  

„Unzureichende Deutschkenntnisse am Ende einer Schullaufbahn verringern die Chancen auf ein gutes Leben. Diese Problematik wollten wir in den Blick nehmen und möglichst früh ansetzen und innerhalb der bestehenden Strukturen effiziente Möglichkeiten der Förderung etablieren“, sagt Sigrid Scherer, Leiterin der BHF BANK Stiftung. „Man muss sich genau anschauen: Wie interagieren Kinder und Förderkräfte? Wie sollten Fehler korrigiert werden, damit Kinder daraus lernen können? Was kann ein Kind aufnehmen, was nicht? Das Projekt hat uns gezeigt, wie groß der Bedarf ist und wie notwendig passgenaue Qualifizierungen und die Coachings sind.“  

Hintergrund

„Sprachentdecker“ ist eine Initiative der BHF BANK Stiftung. Das Projekt wurde von der Goethe-Universität und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt und mit Unterstützung des Staatlichen Schulamts für die Stadt Frankfurt entwickelt. Seit Projektstart 2016 wurden im Rahmen von „Sprachentdecker“ aus zwölf Kitas und acht Grundschulen insgesamt etwa 100 Fach- und Lehrkräfte fortgebildet. Seit 2019 unterstützt das Projekt auch die nachhaltige Verankerung der Anwendung der Fördertechniken in die Teams und Kollegien der beteiligten Einrichtungen. Qualifizierung von Fachkräften, Sprachförderung im Übergang von Kita und Schule sowie Bildungskooperation mit Eltern – das sind die drei Säulen von „Sprachentdecker“. Insgesamt hat die BHF BANK Stiftung seit 2016 fast 200.000 Euro in das Projekt und die Evaluierung der Angebote investiert.

Quelle: Goethe-Universität Frankfurt am Main vom 25.02.2021

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