Handreichung

Praxistipps für armutssensibles Handeln in Kindertageseinrichtungen

Eine Gruppe Kinder schaut lachend in die Kamera
Bild: rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Die RAG-Stiftung und die Stadt Gelsenkirchen veröffentlichen gemeinsam eine Handreichung für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen mit Praxistipps für armutssensibles Handeln basierend auf dem Projekt „ZUSi – Zukunft früh sichern!“.

Jedes Kind hat ein Grundrecht auf Bildung von den ersten Lebensjahren an – unabhängig von sozialer Herkunft und finanziellen Ressourcen der Eltern. Die Realität zeigt jedoch, dass in Deutschland so sehr wie in kaum einem anderen Land der Europäischen Union der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft, insbesondere dem Bildungsgrad der Eltern, abhängt. Kindertageseinrichtungen kommt daher als erste Station auf dem Bildungsweg eine besondere Bedeutung zu. Schon dort muss es gelingen, dass insbesondere von Armut betroffene Kinder unterstützt werden und sie ihre Stärken und Talente entfalten können.

Bildungschancen benachteiligter Kinder verbessern

Mit dem Projekt „ZUSi – Zukunft früh sichern!“ haben sich die RAG-Stiftung und die Stadt Gelsenkirchen bereits Ende 2018 dafür stark gemacht, Bildungschancen benachteiligter Kinder zu verbessern. Das Projekt führt die bei der Gelsenkirchener Kindertagesbetreuung – GeKita – bereits vorhandene Präventionskette fort und nimmt dabei die Armutsprävention und Talentförderung von vier- bis sechsjährigen Kindern in sieben städtischen Kitas im Stadtteil Ückendorf, sowie den gelingenden Übergang von der Kita in die Grundschule in den Blick. Ziel des Modellprojekts ist es, durch den Einsatz von insgesamt sieben pädagogischen Fachkräften, welche als ZUSi-Bildungsbegleiterinnen und -begleiter fungieren, den Blick auf die individuellen Stärken von Kindern zu richten, ihre Talente zu entdecken und sie durch zusätzliche Angebote zu fördern.

Begrenzte Möglichkeiten für eine altersgemäße Entwicklung der Kinder in armen Familien durch Pandemie noch deutlicher geworden

Vor dem Hintergrund der massiven Einschränkungen, die Kinder, Eltern und alle Mitarbeitenden in den Kindertageseinrichtungen infolge der COVID-19-Pandemie in Kauf nehmen mussten, hat sich diese Zielsetzung als besonders anspruchsvoll herausgestellt. Die Bildungsbegleiterinnen und GeKita mussten kreative Lösungen entwickeln, um mit Familien während des eingeschränkten Betriebs in Kontakt zu bleiben und allen Kindern Impulse für entwicklungsfördernde Aktivitäten zu bieten. Wie ein Brennglas für gesellschaftliche Missstände hat die Pandemie bereits in der ersten Welle den Blick auf einzelne Kinder geschärft: Begrenzte Möglichkeiten für eine altersgemäße Entwicklung der Kinder in armen Familien sind nun nochmals deutlicher geworden. Erste Studien warnten zudem davor, dass anhaltende Pandemieeinschränkungen wie ein Brandbeschleuniger wirken und die Bildungsschere zwischen den Kindern aus sozioökonomisch schwachen und stabilen Familien erweitern würde. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gelang es den Bildungsbegleiterinnen und GeKita in dem Modellprojekt, mit Eltern und Kindern weiterhin mit hoher Armutssensibilität zu arbeiten und dieser Prognose aktiv entgegenzuwirken. Auch diese Erkenntnisse sind in die Handreichung eingeflossen.    

Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Mitglied des Vorstands der RAG-Stiftung, unterstreicht: „Armutserfahrungen wirken sich nachhaltig negativ auf den Bildungserfolg aus. Daher setzen wir mit dem Projekt bereits bei den Jüngsten an, um sie von Anfang an auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Das Projekt „Zukunft früh sichern!“ wirkt nicht nur in Gelsenkirchen-Ückendorf, sondern liefert durch die wissenschaftliche Begleitung des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik auch wichtige Erkenntnisse für die pädagogische Arbeit bundesweit.“

Anne Heselhaus, Bildungsdezernentin der Stadt Gelsenkirchen, ergänzt: „Entscheidend ist es, individuelle Stärken und Potenziale gerade von Kindern mit Armutserfahrung frühzeitig zu identifizieren. Auf dieser Basis können sie bedarfsgerecht gefördert werden – und profitieren auf ihrem ganzen weiteren Bildungsweg.“

Ein zentraler Aspekt des Projekts ist zudem die enge Zusammenarbeit zwischen den pädagogischen Fachkräften in den Kitas, den Eltern, den Grundschulen und den Bildungsträgern vor Ort. Hierbei werden explizit alle Kinder in den Blick genommen, ungeachtet der Einkommenssituation ihrer Eltern.

Good Practice in Handreichung zusammengefasst

Rund zweieinhalb Jahre nach Projektstart wurden erste wichtige Erkenntnisse zum armutssensiblen Handeln sowie bewährte Praxistipps in einer Handreichung zusammengefasst. Diese zeigt, wie mit überschaubarem Ressourceneinsatz Bildungschancen verbessert und Entwicklungsdefizite angegangen werden können. Die vorgestellten Methoden wurden durch die Bildungsbegleiterinnen und GeKita erarbeitet und erprobt. Sie haben sich in der Praxis bewährt und können in die Regelstrukturen überführt werden.

Die Beispiele gliedern sich in vier Bereiche, in denen armutssensibles Handeln ansetzen muss:

  1. Materielle Lage,
  2. Soziale Lage,
  3. Kulturelle Lage und
  4. Gesundheitliche Lage.

Zudem wird anschaulich und umsetzungsorientiert beschrieben, wie der Prozess zu einer armutssensiblen Begleitung im Alltag gelingen kann. Auch weitergehende Informationen zur Entwicklung armer Kinder im Alter von vier Jahren werden dargestellt und runden die Lektüre ab.

Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) begleitet Projekt wissenschaftlich

Die Handreichung wurde vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (ISS) unter Beteiligung von GeKita erstellt, einem der führenden Institute für die wissenschaftliche Begleitung und Beratung gesellschafts- und bildungspolitischer Pilotprojekte. Das ISS hat das Projekt von Beginn an begleitet und regelmäßig wissenschaftlich fundierte Echtzeitanalysen zur Verfügung gestellt, mit denen die Wirksamkeit der entwickelten Methoden belegt und, wo notwendig, Adaptionen vorgenommen werden konnten.

Aufgrund des bereits jetzt erkennbar großen Erfolgs des Modellprojekts werden die Erkenntnisse nun in den Modellkitas verstetigt und auf weitere Gelsenkirchener Kindertageseinrichtungen übertragen. Diesen Monat startet zudem das Folge-Projekt „ZUSi geht in die Grundschule“. Mit diesem setzten RAG-Stiftung und die Stadt Gelsenkirchen ein starkes Zeichen für mehr Chancengerechtigkeit auch in Grundschulen. Übergeordnetes Ziel des Projekts ist es, alle chancenbenachteiligten Erstklässlerinnen und Erstklässler der Grundschulen in Ückendorf, die keinen OGS-Platz erhalten haben, von Schulbeginn im August 2021 bis zu ihrem Übergang in die Sekundarstufe I im Juli 2025 mithilfe zusätzlicher Förderung einerseits bei ihrem Bildungs- und Entwicklungsprozess ganzheitlich zu unterstützen und andererseits die in den Kindertageseinrichtungen eingeleiteten Prozesse der Talentförderung systematisch fortzuführen.

Die RAG-Stiftung fördert das Projekt „Zukunft früh sichern!“ sowie eine erste Phase des Folgeprojekts „ZUSi geht in die Grundschule“ mit in Summe rund 3,5 Mio. Euro.

Die Handreichung steht auf Seiten der RAG-Stiftung zum Download bereit.

Quelle: RAG-Stiftung vom 22.06.2021

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