Kindertagesbetreuung / Qualifizierung

„Mehr Männer in Kitas“ – Positionspapier der AGJ zu Bedingungen für männliche Fachkräfte und Konzepten des Umgangs mit dem Generalverdacht

ein Mann steht mit mehreren Ordnern in der Hand in einer Kindertagesstätte
Bild: © Franck Boston- Fotolia.com

Das Positionspapier „Zwischen Abwesenheit und Ankommen. Mehr Männer in Kitas“ der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ macht deutlich, dass mehr männliche Beschäftigte einen Gewinn für die pädagogische Arbeit mit Kindern und die qualitätsorientierte Gestaltung institutioneller Bildung, Betreuung und Erziehung darstellen können. Es benennt die Bedingungen für die Tätigkeit von Männern in diesem Berufsfeld und nimmt die Entwicklung einer Geschlechtsidentität bei Kindern sowie den gesellschaftlichen Wandel von Männer- und Väterrollen in den Blick. Darüber hinaus werden Konzepte des Umgangs mit dem Generalverdacht diskutiert und Handlungsempfehlungen formuliert.

In der Kindertagesbetreuung spiegelt sich die Vielfalt unserer Gesellschaft bei den Kindern wider. Hier kommen Kinder aus verschiedenen familiären Konstellationen, mit unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten zusammen. Sie lernen und leben gemeinsam und werden dabei von pädagogischen Fachkräften entwicklungsförderlich begleitet. Insgesamt ist im Feld der Kindertagesbetreuung in den letzten Jahren eine gesteigerte Dynamik und wachsende gesellschaftliche Aufmerksamkeit wahrzunehmen: Dies zeigt sich beispielsweise in der Anzahl der Betreuungsplätze, in der zunehmenden Professionalisierung, im personellen Wachstum des Feldes als auch der steigenden Diversität, Größe und unterschiedlichen professionellen Zusammensetzung der Teams. So sind zum Beispiel in den letzten Jahren immer mehr Fachkräfte mit akademischen Abschlüssen hinzugekommen und multiprofessionelle Teams entstanden.

Wie mehr männliches Personal für die Kindertagesbetreuung gewinnen?

Diesen positiven Entwicklungen im Feld der Kindertagesbetreuung steht jedoch ein prognostizierter Fachkräftebedarf in den nächsten Jahren gegenüber, welcher das Feld vor große Herausforderungen stellen wird. So fehlen laut einer  Studie des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmundbis zum Jahr 2025 rund 329.000 Fachkräfte in der Kindertages- und Grundschulbetreuung. In der Diskussion zu Lösungen zur Schließung der vorhandenen Personallücke wird unter anderem diskutiert, wie man mehr männliches Personal für die Kindertagesbetreuung gewinnen kann. Denn ein detaillierter Blick auf die Zusammensetzung des Personals zeigt, dass die unterschiedliche geschlechtliche Zusammensetzung auf Seiten des Personals noch nicht sehr groß ist und die Gruppe der pädagogischen Fachkräfte die Vielfalt der Gesellschaft und der betreuten Kinder nur in mancherlei Hinsicht oder gar nicht widerspiegelt. So sind trotz vielfältiger Versuche mehr Männer für das Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung zu begeistern, immer noch nur  lediglich knapp 6 Prozent der im Feld arbeitenden Personen Männer.

Welche Gründe sind für die Abwesenheit von Männern  auszumachen und wie diesen entgegenwirken?

Diese Entwicklungen nimmt die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ mit diesem Positionspapier in den Blick und schaut auf die Bemühungen der Gewinnung von männlichen Fachkräften in den letzten Jahren und erläutert, welche Gründe für die Abwesenheit von Männern als pädagogische Fachkräfte in der Kindertagesbetreuung bestehen können. Denn trotz der beschriebenen Dynamik und der gesteigerten Attraktivität des Feldes für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind immer noch wenig Männer tätig: Pauschale Verdächtigungen gegen männliche Fachkräfte führen dazu, dass mit dem Thema Männer in der Kindertagesbetreuung teilweise immer noch Ängste, Vorurteile und Widerstand zusammenhängen und das in einem Generalverdacht gegen männliche Fachkräfte münden kann. So begegnen männlichen Fachkräften im Alltag Vorurteile, die sie in der Ausübung ihrer Tätigkeit als pädagogische Fachkraft einschränken oder es ihnen schon vorab erschweren, sich für das Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung zu entscheiden. Gleichwohl steht diese Thematik im Mittelpunkt des Positionspapieres, obwohl weitere Faktoren bestehen, die Männer vom Arbeitsfeld abhalten.

Die AGJ leistet mit dem vorliegenden Positionspapier einen Beitrag zur Diskussion über das Thema „Männer in der Kindertagesbetreuung“ und möchte deutlich machen, dass mehr männliche Beschäftigte einen Gewinn für die pädagogische Arbeit mit Kindern und die qualitätsorientierte Gestaltung institutioneller Bildung, Betreuung und Erziehung darstellen können. In einer vielfältigen Gesellschaft sollten Männer als selbstverständlicher Teil im Alltag in der Kindertagesbetreuung dazugehören. Diese Entwicklung wird zunehmend auch gesellschaftlich positiv bewertet.

Unterstützung von Leitungen, Trägern und (männlichen) Fachkräften

Die AGJ sieht es als notwendig an, dass im System der Kindertagesbetreuung eine Auseinandersetzung über ein professionelles Verhältnis von Nähe und Distanz von Fachkräften zu den von ihnen betreuten Kindern stattfindet. Diese Auseinandersetzung sollte auf verschiedenen Ebenen geführt werden und ist letztlich eine wichtige Grundlage für Fachkräfte zur Weiterentwicklung ihrer professionellen Haltung. Des Weiteren sind sexualpädagogische Konzepte und Schutzkonzepte wichtig und sollen hier weiter diskutiert werden. Diese Konzepte können einen Teil dazu beitragen, männliche pädagogische Fachkräfte von einem Generalverdacht zu befreien und das Personal der Kindertagesbetreuung insgesamt in ihrer Tätigkeit als pädagogische Fachkräfte zu unterstützen.

Das Positionspapier betrachtet diese Entwicklung und unterstützt Leitungen und Träger sowie (männliche) Fachkräfte in ihrem Handlungsrepertoire. Der Fokus des Papiers liegt auf der Institution Kindertageseinrichtung. Die Kindertagespflege als Angebot der Kindertagesbetreuung bringt Spezifika in der Organisation und Gestaltung mit sich, die eine gesonderte Betrachtung notwendig machen.

Das Positionspapier gliedert sich in folgende inhaltliche Abschnitte (die hier bis auf Punkt 5 und 6 nicht weiter ausgeführt werden):

  1. Die Ausgangslage: Etwas mehr männliche Fachkräfte in Ausbildung und Beruf
  2. Bedingungen für die Tätigkeit von Männern im Berufsfeld: Zwischen wachsender Akzeptanz und Generalverdacht
  3. Entwicklung einer Geschlechtsidentität und Auswirkungen auf Kinder
  4. Gesellschaftlicher Wandel von Männer- bzw. Väterrollen und deren (denkbarer) Einfluss auf die pädagogische Arbeit in der Kindertageseinrichtung
  5. Pädagogische Konzepte in der Kindertageseinrichtung und ihre Wirkung auf den Umgang mit dem Generalverdacht
  6. Handlungsempfehlungen und Forderungen der AGJ

Pädagogische Konzepte in der Kindertageseinrichtung

Ein professioneller Umgang der Kindertageseinrichtung und ihres Trägers mit den Themen Geschlecht und Sexualität kann den Generalverdacht gegen männliche Fachkräfte vermindern. Je mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein Träger und Team der Kindertageseinrichtung im Umgang mit diesen Themen vermitteln, desto mehr Sicherheit können Kinder und Eltern und auch das soziale Umfeld der Kindertageseinrichtung gewinnen. Dafür ist es aus Sicht der AGJ notwendig, dass sich Team und Träger mit Hilfe von Fachberatung mit den Themen auseinandersetzen und  Handlungs- und Schutzkonzepte in mehreren Bereichen für sich entwickeln. Kindertageseinrichtungen, die über ein Schutzkonzept verfügen, schützen damit auch ihre männlichen Mitarbeiter vor dem Verdacht des übergriffigen oder distanzlosen Verhaltens. Die einzelnen Module des Konzeptes dienen dem Team einer Kindertageseinrichtung, professionelle pädagogische Praktiken, Leitlinien und Verfahrensmechanismen in der Einrichtung zu etablieren, die pauschalen Verdächtigungen entgegenwirken. Darüber hinaus geben sie den Leitungen und Fachkräften ein gutes Argument an die Hand, sollten Eltern männliche Fachkräfte unbegründet und generell verdächtigen. Der Hinweis auf ein vorliegendes Konzept macht deutlich, dass der Träger und die Kindertageseinrichtung selbst Rahmenbedingungen geschaffen haben, die sexualisierte Gewalt an Kindern in der eigenen Einrichtung so weit wie möglich verhindern.

Handlungsempfehlungen und Forderungen der AGJ

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ fordert Akteure auf allen Ebenen des Systems institutioneller Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern dazu auf, geschlechtersensible pädagogische Strategien und Konzepte zu entwickeln und nachhaltig zu implementieren sowie Bedingungen zu schaffen, die der speziellen Situation männlicher Fachkräfte in dem stark weiblich konnotierten Arbeitsfeld Rechnung tragen. Dies beinhaltet auch, dass die Auseinandersetzung mit Genderfragen verstärkt in die Ausbildungen an Fach- und Hochschulen einfließt und die verschiedenen Aspekte von Gender systematisch als Querschnittthema verankert werden.

Zudem betont die AGJ, dass die Anstrengungen, mehr männliche Fachkräfte für die Kindertagesbetreuung zu gewinnen, von den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt unterstützt werden müssen. Die Vielfalt der Gesellschaft muss sich auch im Alltag der Kindertagesbetreuung wiederspiegeln. Einen Weg auf dem es gelingen kann, mehr Heterogenität in das Arbeitsfeld Frühkindliche Bildung zu bringen, sieht die AGJ in der Entwicklung der Profession selbst.

Unter dem Aspekt der Personalentwicklung sollten sich Träger, Leitungen und letztlich Teams in der Kindertageseinrichtung sehr bewusst dem Thema des professionellen Umgangs mit Nähe und Distanz sowie Gewalt widmen. Einen bewussten und planvollen Umgang im Team zu haben und diesen auch nach außen kommunizieren zu können, trägt zur Transparenz für Kinder, Eltern und zur Weiterentwicklung einer professionellen Haltung der Fachkräfte bei. Ebenso unterstützen sexualpädagogische Konzepte die Sprachfähigkeit über eher tabuisierte Themen der Sexualität, die unbesprochen eher zu einer unreflektierten Zuschreibung von Geschlechterrollen beitragen. Diese Themen sollten zudem als Bestandteil in der Ausbildung von pädagogischen Fachkräften gestärkt werden. Für bereits ausgebildete Fachkräfte sollte eine regelmäßige Auseinandersetzung und Weiterbildung mit der eigenen Haltung und dem Verhältnis von Nähe und Distanz ermöglicht werden. Team und Träger sollten diese Themen mit Hilfe von Fachberatungen aufgreifen und konzeptionell verankern.

Generell ist die Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Macht‘ in pädagogischen Beziehungen bzw. grenzwahrender Umgang mit Kindern für Fachkräfte notwendig. Hier müssen Träger klar die Verantwortung übernehmen und es pädagogischen Fachkräften ermöglichen, sich fortzubilden und sie bei dem Prozess der Entwicklung von Schutzkonzepten und sexualpädagogischen Konzepten sowie einer reflektierten Haltung unterstützen.

Zudem regt die AGJ an, dass Träger und Leitungskräfte verstärkt einen geschlechtersensiblen Reflexions- und Diskussionsprozess im Alltag der Kindertageseinrichtung mit den pädagogischen Fachkräften anstoßen. Hier sollte ein Ziel sein, alle Fachkräfte als Bezugspersonen und Vorbilder von Kindern zu begreifen und den Umgang mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten erstens als gesellschaftliche Realität und zweitens als wertvoll für die Identitätsentwicklung von Kindern zu sehen. Dies sollte zudem auch ein Bestandteil der Elternarbeit sein. Denn Eltern können einen wesentlichen Teil dazu beitragen, den Generalverdacht aufzulösen und die professionelle Haltung von pädagogischen Fachkräften zu unterstützen und sich dafür einzusetzen, dass die Tätigkeit von Männern in der Kindertagesbetreuung selbstverständlich ist. Darüber hinaus regt die AGJ an, insgesamt bewusster mit den Ängsten und Zweifeln gegenüber der Tätigkeit von Männern im Arbeitsfeld umzugehen und die Herausforderungen und Bedenken hier konkret auszuformulieren, anstatt den wenig griffigen Begriff des Generalverdachtes zu benutzen.

Zum vollständigen Positionspapier mit dem Titel „Zwischen Abwesenheit und Ankommen. Mehr Männer in Kitas“ (PDF, 185 KB)

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

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