Kongress

Kita zwischen Bildung und Fürsorge

Eine Hand versucht Seifenblasen zu fangen
Bild: Megan Rogers - rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain Arbeiten Dritter

Seit über 100 Jahren ist die Kindertagesbetreuung dem System der Kinder- und Jugendhilfe zugeordnet, während die Schule im Bildungssystem verortet ist. Wie sich die beiden Systeme im Hinblick auf aktuelle Fragen und Herausforderungen entwickelt haben und ob es in der Zukunft andere Zuordnungen geben muss, war nun Gegenstand eines virtuellen Kongresses.

Mehr als 300 Teilnehmende folgten einer Einladung des Institutes für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit Rheinland-Pfalz, der Hochschule Koblenz, des Pestalozzi-Fröbel-Verbands e.V. und des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Im Vorprogramm konnten die Teilnehmenden per Video Einblicke in verschiedene Mainzer Kindertageseinrichtungen und ihre Arbeit nehmen. Im Anschluss machte Prof. Dr. Diana Franke-Meyer von der Evangelischen Hochschule Bochum die Reichsschulkonferenz von 1920 lebendig. Damals sei lebhaft darüber gestritten worden, ob der Kindergarten dem Schul- oder dem Fürsorgebereich zugeordnet werden sollte. Die Diskussion um die Funktion der Kindertageseinrichtungen als Vorschule oder eigenständige Einrichtung dauere bis heute an.

Historische Entwicklung der Zuordnung von Kita und Schule

Prof. Dr. Johannes Münder von der Technischen Universität Berlin ordnete als einer der Urheber des modernen Kinder- und Jugendhilferechts die Kindertagesbetreuung rechtlich und strukturell ein und zeichnete die historische Entwicklung nach. Münder berichtete, dass in 22 der 27 EU-Staaten der Kindergarten den Schulen zugeordnet sei – mit unterschiedlichen Folgen. Je näher an die Schule angesiedelt, umso verpflichtender sei der Kindergarten. Gesellschaft und Kita im Wandel war das Thema von Prof. Dr. Claudia Nürnberg von der Hochschule Neubrandenburg mit Fokus auf die Unterschiede zwischen Ost und West. In der DDR lag ein Hauptaugenmerk auf der Kindererziehung, die institutionelle Betreuung war dort selbstverständlich.

Aber auch in der frühen Bundesrepublik kam es nach der Nachkriegszeit zu Kritik am Bildungssystem, die sich teilweise heute wieder in ähnlicher Weise fortsetzt. Prof. Dr. Anke König von der Uni Vechta sprach zum Thema „Bildung ist mehr als Schule“. Sie verdeutlichte, dass von der Reichsschulkonferenz über die Bildungsreformen bis hin zur PISA-Debatte der Bildungsbegriff nicht konturiert und gefestigt werden konnte. In sich anschließenden Workshops wurden die Themen vertieft – gemeinsam mit Dieter Skala vom Katholischen Büro Rheinland-Pfalz, Jörg Freese vom Deutschen Landkreistag, Stefan Spieker von Fröbel Bildung und Erziehung sowie Dr. Elke Alsago von ver.di.

Kindertagesbetreuung der Zukunft

Der zweite Tag des Bundesfachkongresses stand ganz im Zeichen von Zukunftsszenarien für die Kindertagesbetreuung. Jelena Wagner von der Kita Kinderplanet in Ramstein-Miesenbach gab einen Einblick in ihre Konsultationskita zum Thema Digitalisierung. Die Moderatorin des Fachkongresses, Inge Michels, interviewte Wagner zu Schwerpunkten ihrer Arbeit:

„Als Pädagogin muss man modern sein und die Entwicklungen in der Gesellschaft einbeziehen“, so Wagner. In ihrer Einrichtung sei Digitalisierung in die Arbeit integriert: „Bei uns erleben die Kinder einen angeleiteten, pädagogisch begleiteten Umgang mit digitalen Medien, Kinder erfahren diese Medien als Werkzeuge. Tablets sind alltagsintegriert. Wir haben es geschafft, digitale Medien zu entzaubern“.

Peter Spiegel, Zukunftsforscher, Initiator und Leiter des Think-&-Do-Tanks WeQ Institute, zeigte in seinem Vortrag Zukunftsszenarien und -entwicklungen auf. Future Skills seien vor allem menschliche, soziale und unternehmerische Umsetzungskompetenzen. Sie stellten ein Menschenrecht dar und müssten Teil der universalen Bildung werden, betonte er.

Drei Zukunftswerkstätten beleuchteten aus verschiedenen Perspektiven die Verantwortung der Eltern, der Praxis und der Träger. Impulsgeber aus der Perspektive der Eltern waren Andreas Winheller vom Landeselternausschuss Rheinland-Pfalz, Alexandra Ulrich-Uebel von der Kita Kirn-Sulzbach und Nils Espenhorst vom Paritätischen Bundesverband. Ganz anders nahm das Impro-Theater Wackerschnuppen die Themen der Konferenz konzentriert, humorvoll und zukunftsweisend auf.

Prof. Dr. Armin Schneider, Direktor des IBEB, betonte am Ende der Veranstaltung: „Alles in allem zeigte der Kongress auf, ausgehend von historischen Ursprüngen, wie wichtig gerade die frühkindliche Bildung für die Gesellschaft ist. Und dass vor allem in den Kindertageseinrichtungen wichtige Grundlagen für die Zukunft der Gesellschaft gelegt werden, wenn denn Kinder dort die entsprechenden Rahmenbedingungen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit vorfinden.“

Quelle: Hochschule Koblenz vom 29.09.2021

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