Kindertagesbetreuung / Sozialpolitik

BVLL fordert Erzieherinnen mit Problemen nicht allein zu lassen

"Die Anforderungen in den bayerischen Kindertageseinrichtungen haben sich aufgrund veränderter Lebensbedingungen deutlich verändert und erhöht." Darauf hat die Vizepräsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Waltraud Lucic, aufmerksam gemacht. Am Dienstag werden sich die Mitglieder des Sozialausschusses im Bayerischen Landtag mit der Novellierung des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes (BayKiBiG) beschäftigen.

Der BLLV begrüßt die Novellierungsvorschläge, "sie gehen uns aber angesichts der gravierenden Probleme in den Einrichtungen nicht weit genug", sagte sie heute in München. Der BLLV hatte sich bereits im Dezember 2011 mit einer Petition zur frühkindlichen Förderung an den Landtag gewandt und darin Nachbesserungen angemahnt.

"Hauptkritikpunkt ist und bleibt, dass zur Umsetzung der Bildungs- und Erziehungsziele die Rahmenbedingungen nicht ausreichen. Eine Erzieherin muss sich um zu viele Kinder kümmern, sie hat kaum Zeit zur Vor- und Nachbereitung der zu leistenden Bildungsarbeit, zum Erstellen von Entwicklungsdokumentationen, für Besprechungen im Team oder für die Teilnahme an Fortbildungen." Die Not sei groß. "An mich wenden sich verzweifelte Erzieherinnen mit der Bitte um Hilfe. Allein an den städtischen Einrichtungen in München fehlen derzeit über 160 Erzieherinnen und fast genauso viele Kinderpflegerinnen - und die Krankheitswelle steht uns noch bevor."

Zu wenig Ressourcen für Anamnese und Diagnose

"Die Novellierung des BayKiBiG nach der Einführung vor sechs Jahren ist ein wichtiger und guter Schritt", sagte Lucic. Der umfassende gesellschaftliche Wandel, der sich in einem veränderten Rollenverständnis der Partner und in einer Ausdifferenzierung der Familienentwürfe zeige, mache einen weiteren bedarfsgerechten Ausbau der Kinderbetreuung, -erziehung und -bildung notwendig. "Familien müssen unterstützt werden, um die Entwicklungsbedingungen für eine kinderfreundliche, integrative und zukunftsfähige Gesellschaft zu verbessern."

Die Novellierung sieht auch vor, künftig Entwicklungsplänen und -berichte fortzuschreiben. "Ein notwendiger Schritt, um die Kinder zu begleiten und um sie individuell fördern zu können. Die Novellierung sieht dafür aber keine zusätzlichen Stunden vor. Ohne Zeitressourcen können Erzieherinnen diese wichtige Aufgabe aber nicht leisten", kritisierte Lucic. Es dürfe nicht darauf hinaus laufen, dass Erzieherinnen die ihnen anvertrauten Kinder nur noch verwalten könnten. "Erzieherinnen geben bereits ihr Bestes, sie sind am Ende ihrer Kraft. Immer mehr brennen aus. Burnout ist leider auch in diesem Berufsfeld ein Thema." Die personellen Lücken würden derzeit immer größer statt kleiner.

Dazu komme noch das Recht der Eltern auf einen Betreuungsplatz für ihr Kind ab August 2013 und die große Aufgabe der Inklusion: "Wer Integration von Kindern mit Behinderungen ernst nehmen will, so wie in der Novellierung vorgesehen, muss dafür sorgen, dass ausreichend geeignetes Fachpersonal zur Verfügung gestellt wird. Es ist erforderlich die Gruppen deutlich zu verkleinern, so dass sich eine Erzieherin um maximal acht Kinder kümmern kann."

Tagespflege erreicht nicht die Qualität von Kitas

Alle Kinder müssten frühzeitig kompetent gemacht werden für eine sich rasch wandelnde, von kultureller Vielfalt geprägte und auf Wissen basierende Lebenswelt. Aus Sicht des BLLV sollte das BayKiBiG deswegen auch alle Formen der institutionellen Tagesstätten zur Bildung, Erziehung und Betreuung umfassen. "Die Tagespflege als semiprofessionelles Angebot ist nicht vergleichbar mit der Struktur-, Prozess-, Angebots- und Personalqualität in Kindertagesstätten", erklärte Lucic. Die Form der Tagespflege gehöre in einer gesonderten Richtlinie geregelt, forderte sie. In der jetzigen Vorlage würden Auftrag und Professionalität in unzulässiger Weise vermischt.

Lucic appellierte an die Mitglieder des Sozialausschusses, die wertvolle Zeit für die Kinder so zu gestalten, dass soziale Ungerechtigkeiten abgebaut werden könnten. Im frühkindlichen Bildungsbereich sei es möglich, Sprachen leicht, spielerisch und effizient zu lernen.

Quelle: Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) vom 15.10.2012

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