UNICEF-Report

Bezahlbare, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ist in vielen wohlhabenden Ländern nicht verfügbar

Ein Vater trägt zwei Kleinkinder und geht über eine Wiese, im Hintergrund ist ein weiterer Junge zu sehen, der voraus läuft
Bild: Juliane Liebermann - unsplash.com

Bezahlbare, qualitative hochwertige Kinderbetreuung ist laut UNICEF in einigen der reichsten Länder der Welt für viele Eltern immer noch nicht verfügbar. Der UNICEF-Report zur Kinderbetreuung in OECD- und EU-Staaten zeigt dies deutlich.

Der UNICEF-Report zeigt, dass Luxemburg, Island, Schweden, Norwegen und Deutschland in einem internationalen Vergleich des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti zu Kinderbetreuungsmaßnahmen in den OECD- und EU-Staaten am besten abschneiden. Die Slowakei, die Vereinigten Staaten, Zypern, die Schweiz und Australien bilden die Schlusslichter.

Studie „Where Do Rich Countries Stand on Childcare?“

Für die Studie „Where Do Rich Countries Stand on Childcare?“ wurden vergleichbare Daten zur Familienpolitik mit Blick auf Unterstützungsangebote für Kinder und Eltern ausgewertet. Zu den Indikatoren gehören der Zugang zu Kinderbetreuung, die Bezahlbarkeit und die Qualität von Betreuungsangeboten für Kinder bis zum Schuleintritt sowie die nationalen Regelungen für Elternzeit.  

"Um Kindern den besten Start ins Leben zu ermöglichen, müssen wir Eltern stärken, ein förderndes und liebevolles Umfeld für ihre Kinder zu schaffen, das so wichtig für ihr Lernen, ihr seelisches Wohlbefinden und ihre soziale Entwicklung ist“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. "Investitionen in eine familienfreundliche Politik, einschließlich der Kinderbetreuung, tragen dazu bei, dass Eltern die Zeit, Ressourcen und Angebote zur Verfügung stehen, die sie benötigen, um ihre Kinder in jeder Entwicklungsphase zu unterstützen."

„Die Corona-Pandemie hat noch stärker als zuvor die enorme Bedeutung einer hochwertigen, bezahlbaren und leicht zugänglichen Betreuung jüngerer Kinder vor Augen geführt. Deutschland hat dafür in den vergangenen Jahren vergleichsweise hohe Standards geschaffen. Diese Standards müssen in der Praxis aber auch überall umgesetzt werden. Bund und Länder sollten den eingeschlagenen Weg der Investitionen in die Kita- und Ganztagsbetreuung weiterverfolgen und dabei einen Schwerpunkt auf Bedarfsdeckung und Qualität legen,“ sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.

Anspruch auf Elternzeit

Die Länder, die im internationalen Vergleich am besten abschneiden, investieren sowohl in die Qualität als auch die Erschwinglichkeit von Betreuungsangeboten. Gleichzeitig haben dort sowohl Mütter als auch Väter einen Anspruch auf längere, bezahlte Elternzeit.

Eine bezahlte Elternzeit vor und nach der Geburt ermöglicht es Eltern, eine enge Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, trägt zur gesunden Entwicklung des Kindes bei, hilft, das Risiko einer Wochenbettdepression zu senken und fördert die Geschlechtergleichheit. Laut dem aktuellen UNICEF-Report gewährleisten jedoch weniger als die Hälfte der OECD- und EU-Länder Müttern eine bezahlte Elternzeit von mindestens 32 Wochen. Väter, die einen Anspruch auf Elternzeit haben, nehmen diesen aus beruflichen oder gesellschaftlichen Gründen selten in Anspruch, wenngleich sich dieser Trend verändert.

Zugang zur Kindertagesbetreuung

Der Zugang zu bezahlbarer Kinderbetreuung wiederum ermöglicht es Eltern, eine Balance zwischen der Betreuung ihrer Kinder, ihrer Erwerbstätigkeit und ihrem eigenen Wohlergehen zu finden. Allerdings gibt es zwischen dem Ende der Elternzeit und dem Beginn einer bezahlten Kinderbetreuung häufig Betreuungslücken.

Laut dem Bericht sind fehlende bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten ein großes Hemmnis für Eltern und tragen dazu bei, bestehende sozio-ökonomische Ungleichheiten zu verschärfen. Haben in einkommensstarken Haushalten fast die Hälfte der Kinder unter drei Jahren Zugang zu frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten, gilt dies in einkommensschwachen Haushalten nur für eines von drei Kindern. Während die meisten wohlhabenden Länder die Kinderbetreuung für sozial schwache Familien stark subventionieren, müssen in der Slowakei, Zypern und den USA Alleinerziehende mit niedrigem Einkommen bis zur Hälfte ihres Einkommens für die Betreuung ihres Kindes ausgeben.

UNICEF setzt sich international für einen Rechtsanspruch auf bezahlte Elternzeit von mindestens sechs Monaten sowie bezahlbare, qualitativ hochwertige Betreuungsangebote für Kinder bis zum Beginn der Grundschule ein.

Die Studie nennt folgende Eckpunkte für eine familienfreundlichere Politik:

  • Eine Mischung aus bezahltem Mutterschutz, Vaterschaftsurlaub und Elternzeit vor der Geburt und im ersten Lebensjahr des Kindes;
  • Eine geschlechtersensible und -gerechte Verteilung der Elternzeit;
  • Elternzeit für alle Eltern, die in einem Arbeitsverhältnis stehen, ganz gleich, ob es sich um eine Voll- oder Teilzeitbeschäftigung handelt sowie Unterstützung für Geburtshilfe und bei der Betreuung für Eltern in besonderen Lebenssituationen, wie z.B. Nichtversicherte;
  • Eine bezahlbare Kinderbetreuung, die sofort nach Ende der Elternzeit beginnt, um Betreuungslücken zu vermeiden;
  • Zugängliche, flexible, erschwingliche und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung für alle Kinder, unabhängig von der sozialen Situation der Familien;
  • Staatliche Regelungen und Unterstützung, um den Zugang für Familien mit geringem Einkommen zu erleichtern und Betreuungsstandards zu gewährleisten;
  • Investitionen in kompetente Arbeitskräfte, ihre Qualifikation und ihre Arbeitsbedingungen, um bestmögliche Standards zu gewährleisten;
  • Anreize für Arbeitgeber, damit sie inklusive und geschlechtssensible bezahlte Urlaubsansprüche, flexible Arbeitsregelungen und Unterstützungssysteme für die Kinderbetreuung anbieten;
  • Abstimmung von Betreuungsmaßnahmen mit anderen familienpolitischen Leistungen, um bestehende Ungleichheiten von Kindern nicht auch in der Kinderbetreuung zu replizieren.

Der Bericht des UNICEF Forschungszentrums stützt sich auf statistische Daten von Eurostat, der OECD und der UNESCO aus den Jahren 2018, 2019 und 2020.

Quelle: UNICEF Deutschland vom 18.06.2021

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