Jugendsozialarbeit / Andere Aufgaben

"Wuppertaler Appell" fordert qualifizierte Hilfen für männliche Opfer sexueller Gewalt

Vom 23. - 25.2010 fand in Wuppertal ein Vernetzungstreffen von Experten aus dem gesamten Bundesgebiet und Österreich statt, die männliche Opfer sexualisierter Gewalt begleiten, beraten und zum Thema forschen. Sie fordern mehr qualifizierte Hilfen.

Die Expertinnen und Experten warnen im Zusammenhang mit den Enthüllungen von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen in kirchlichen und anderen Institutionen vor einer qualitativ und quantitativ unzureichenden Versorgung insbesondere der männlichen Opfer. 

Es gibt im deutschsprachigen Raum nur eine Handvoll spezialisierter Beratungsstellen für männliche Opfer sexualisierter Gewalt. Diese Fachstellen leiden unter chronischer Unterfinanzierung und können den aktuell angestiegenen Hilfebedarf bei weitem nicht decken. 
In der Debatte wird aktuell kaum offengelegt, dass es sich bei den nun diskutierten Fällen mehrheitlich um Jungen bzw. Männer handelt und diese auch aktuell weiter Opfer sexueller Gewalt und Misshandlungen sind. Das Vernetzungstreffen forderte daher geschlechtsspezifische Aspekte bei der Ausgestaltung der Hilfs- und Beratungsangebote zu berücksichtigen, damit Jungen und Männer eine angemessenen Unterstützung und adäquate Ansprechpartner finden. Mit dem Wuppertaler Appell wenden sich die Expertinnen und Experten an den "Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch". 

ch 

Wuppertaler Appell an den "Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch" 

Das Dunkelfeld lichtet sich – und wer hilft jetzt? 

Experten fordern qualifizierte Hilfen für männliche Opfer sexueller Gewalt! 
„Männliche Opfer sexualisierter Gewalt erhalten nicht die Hilfe, die notwendig ist!“ Mit dieser dringenden Mahnung haben sich nun Experten aus Beratungsstellen, Kliniken und Wissenschaft in der aktuellen Diskussion um sexuellen Missbrauch und Kindesmisshandlung zu Wort gemeldet. 

Vom 23. bis 25.4.2010 fand in Wuppertal das dritte Vernetzungstreffen von Experten statt, die männliche Opfer sexualisierter Gewalt begleiten, beraten und zu diesem Thema forschen. 
An dem Fachforum nahmen Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet und Österreich teil. Vertreten waren u.a. Mitarbeiter des Bremer Jungenbüros, von Anstoß in Hannover, Zartbitter Köln und dem Projekt berliner jungs. Die Therapeuten, Psychologen, Sozialpädagogen und Geschlechterforscher waren nach Wuppertal gekommen, um über die bestmögliche Versorgung jener Menschen zu beraten, deren Schicksal nun endlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird: Jungen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind und Männer, die in ihrer Jugend missbraucht wurden. Die Experten weisen darauf hin, dass die Gefährdung von 
Jungen in kirchlichen Institutionen - insbesondere in Internaten und Heimen - aber auch in Vereinen, Schulen und Ferieneinrichtungen schon seit langem bekannt ist. Das wurde in der Vergangenheit allerdings fast immer ignoriert oder zumindest bagatellisiert. 

Durch die aktuellen Enthüllungen scheint das öffentliche Problembewusstsein zu wachsen, aber: „Aufdeckung und öffentliche Empörung allein reichen nicht aus“, sagt Peter Mosser, Psychologe in der Münchner Beratungsstelle kibs und Autor der Studie Wege aus dem Dunkelfeld. „Die Betroffenen benötigen jetzt spezialisierte Hilfsangebote, die ihrer Problematik gerecht werden.“ Dies bedeutet: Geschlechtsspezifische Konzepte, wie sie von den hier versammelten Fachkräften entwickelt wurden, müssen breitflächig umgesetzt werden. Dazu der Traumafachberater Thomas Schlingmann von Tauwetter Berlin: „Jungen reagieren auf sexuellen Missbrauch anders als Mädchen. Männer haben unter anderen Folgen zu leiden als Frauen. Wenn dies in der Ansprache der Betroffenen und der Unterstützung nicht berücksichtigt wird, läuft die Hilfe ins Leere“. 

Bislang gibt es kaum Forschungsergebnisse zu der verborgenen Gewalt an Jungen und Männern. Zwar wurde im Jahre 2001 unter der damaligen Familienministerin und jetzigen Bundesbeautragten zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, eine Pilotstudie durchgeführt. "Jetzt muss die Chance genutzt werden, dass die in Aussicht gestellte repräsentative deutschlandweite Befragung von Männern über die ihnen angetane Gewalt auch wirklich durchgeführt wird“, so der Freiburger Geschlechterforscher Hans-Joachim Lenz. 

Die Experten bemängeln, dass Hinweise von Jungen auf sexuelle Ausbeutung bis heute von der Umwelt kaum verstanden werden und auch eine krasse Unterversorgung an Selbsthilfe-, Beratungs- und Therapieangeboten für männliche Missbrauchsopfer besteht. Die Kommunen müssen ihrer Verantwortung für die Bereitstellung adäquater Angebote für männliche Opfer sexualisierter Gewalt nachkommen. Die Bundesregierung wird aufgefordert ein Bundesgesetz zu erlassen, das eine Verpflichtung der Kommunen festlegt, für ein entsprechendes Beratungsangebot für männliche Opfer sexualisierter Gewalt zu sorgen. 

Die wenigen spezialisierten Angebote sind finanziell schlecht ausgestattet und können den nun sprunghaft gestiegenen Bedarf nicht annähernd decken. Die Suche nach Hilfe kann nur auf Resonanz stoßen, wenn entsprechende Versorgungsangebote verfügbar sind. "Wir fürchten, dass betroffene Jungen und Männer sich nicht trauen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, oder wieder mutlos werden und im Dunkelfeld verschwinden, wenn sie keine adäquaten Ansprechpartner für sich und ihre Vertrauenspersonen finden. Deshalb müssen vorhandene spezialisierte Angebote rasch ausgebaut werden", so Matthias Nitsch von der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI e.V.). 

Und noch etwas betonen die Experten: Auch aktuell erleben Jungen tagtäglich sexualisierte Gewalt. Daher ist es besonders wichtig, Präventionsangebote geschlechtsspezifisch zu gestalten. Ein Modell dafür liefert Franz Gerd Ottemeier-Glücks, Pädagoge von mannigfaltig e.V. aus dem Kreis Minden-Lübbecke: „Seit Jahren sagen wir den Jungen: Auch ihr könnt Opfer werden. Und auch ihr habt das Recht auf Hilfe und Unterstützung!“ 

Unterzeichnende: 
Kim Bärmann, Münchener Informationszentrum für Männer, München. 
Ursula Enders, Zartbitter e.V., Köln. 
Georg Fiedeler, Beratungsstelle Anstoß – gegen sexualisierte Gewalt an Jungen und männlichen Jugendlichen / Männerbüro Hannover e.V. 
Diana Filzhäfer, kibs – Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt, München. 
Heinrich Fischer, Kinderschutzambulanz NEUE WEGE, Bochum. 
Hans-Joachim Lenz, Forsche Männer & Frauen – Büro für Beratung, Bildung und Forschung, Freiburg (i. Breisgau). 
Torsten Kettritz, Fachstelle "Ausweg", Magdeburg. 
Antonio Merchan, Tauwetter – Anlaufstelle für Männer, die als Junge sexuell missbraucht wurden, Berlin. 
Werner Meyer-Deters, Kinderschutzambulanz NEUE WEGE, Bochum. 
Volker Möhrchen, Bremer JungenBüro. 
Peter Mosser, kibs – Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt, München. 
Matthias Nitsch, Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI e.V.). 
Karsten Otte, Jugendwerk Rietberg. 
Franz Gerd Ottemeier-Glücks, Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an und von Jungen, mannigfaltig Minden-Lübbecke. 
Ursula Schele, PETZE – Institut für Gewaltprävention gGmbH, Kiel. 
Thomas Schlingmann, Tauwetter – Anlaufstelle für Männer, die als Junge sexuell missbraucht wurden, Berlin. 
Michael Schmalz, Gegenwind e.V., Bottrop. 
Sigurd Sedelies, Opferhilfe-Hamburg. 
Marek Spitczok von Brisinski, berliner jungs – Prävention von sexueller Gewalt an Jungen / HILFE-FÜR-JUNGS e.V., Berlin 
Hubert Steger, Männerberatung und Informationsstelle für Männer, Wien. 
Jimmy Weber, Beratungsstelle für Eltern und Jugendliche für die Stadt und den Landkreis Schweinfurt. 
Marcus Wojahn, Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an und von Jungen, mannigfaltig Minden-Lübbecke.

 

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