Jugendsozialarbeit

Internationale Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit fordert dazu auf, Jugendliche wieder stärker in den Blick zu nehmen

Die internationale Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit hat sich in einer Presseerklärung zu den Ursachen für Gewaltbereitschaft und extremistische Orientierungen unter jungen Menschen positioniert.

"Gewaltbereitschaft und extremistische Orientierungen unter jungen Menschen sind in Deutschland und in Europa schon lange keine Einzelerscheinungen mehr. Bereits 1991 titelte eine Schlagzeile „Hoyerswerda ist überall“. Polizei, Staatsschutzorgane und Politik waren damals aufgeschreckt und sind es heute angesichts der aktuellen neonazistischen Mordserie wieder. Gibt es also gegenwärtig eine neue steigende rechtsextremistische Orientierung unter Jugendlichen in Deutschland? Wenn ja, woher kommt sie? Aus dem Kern unserer Gesellschaft oder nur von den Rändern her?

‚Das Recht ist eine Gewalt, die der Gewalt das Recht streitig macht‘ (Kudszus). Es geht also zuerst um Rechtssicherheit, um die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien. Dies ist für die ca. 3.500 Streetworker und Mobile Jugendarbeiter in Deutschland keine Frage.

Was sie darüber hinaus aber brennend interessiert ist:

  • Welche ursachenorientierten Antworten fördert die Jugendpolitik, die Jugendhilfe der Kommunen, der Landkreise, der Länder und des Bundes?
  • Warum und wie entstehen extremistische Orientierungen unter jungen Menschen in Deutschland?
  • Wie können diese auf dem oft langen Weg zumüberzeugten Neonazi und Extremisten verhindert werden?

Unsere formalen und nichtformalen Bildungsangebote in Deutschland, in Europa entscheiden darüber!

Die Internationalen Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit (ISMO) hat bei ihrer Mitgliederversammlung am 21.11.2011 in Stuttgart in Abstimmung mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit e.V. und der Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit Baden-Württemberg e.V. folgendes festgestellt:
Der öffentliche Blick auf die Lebensphase Jugend der 14 bis 27-jährigen droht gegenwärtig durch die berechtigte Förderung der Familien- und kinderbezogenen Angebote verloren zu gehen. Einsparungen oder Nicht-Investitionen im Bereich der nicht formalen Bildung, der Jugendzentren, der Offenen Jugendarbeit, der Mobilen Jugendarbeit und Streetwork belegen diese verhängnisvolle Entwicklung.
Die Lebensphase Jugend wird weniger als Chance und mehr als Risiko begriffen, der man bei Störungen verstärkt durch Kontrollmaßnahmen wie private Sicherheitsdienste, Polizei, Verfassungsschutz, V-Leute und durch Modellprojekte beizukommen versucht.
Die Innovationspotentiale Jugendlicher im Denken, Handeln und im Problemlösen aus den Bereichen Orientierungssuche, gekonntes Riskieren, Verantwortung übernehmen und Solidarität leben, demokratische Alltagskultur, europäisches Denken und internationale Netzwerke werden viel zu wenig jugendpolitisch erkannt und gefördert.

Diese Ziele können jedoch nur langfristig und im Rahmen von auf Vertrauen
basierender Beziehungsarbeit im Alltag von Jugendlichen und zusammen mit ihnen im außerschulischen Kontext erreicht werden, wie es Mobile Jugendarbeiter/innen tagtäglich praktizieren. Jugend- und Sozialarbeiter wissen, dass jugendliche Gewalttaten für den Handelnden eine Funktion haben: Sie steigern sein schwaches Ego in der Gruppe, in der „Kameradschaft“ auf negative Weise und verschaffen dem Handelnden Anerkennung und vermeintlichen Respekt bei dem Gegenüber, bei dem „Gegner“ und natürlich in der eigenen Bezugsgruppe. Die Streetworker hingegen inszenieren zusammen mit den Jugendlichen dazu konkurrierende attraktive Aktivitäten, die auf legale Weise diese Funktionen erfüllen, also positive Anerkennung und Respekt im Alltag sicherstellen und dabei niemand verletzen, demütigen und Gesetze brechen. Eine Wirkungsstudie der Universität Tübingen, G. Stumpp u.a.
(Institut für Erziehungswissenschaft, 2009), zur überwiegend positiven Nachhaltigkeit der Mobilen Jugendarbeit spricht eindeutig für die Stärkung und den qualitativen Auf-und Ausbau lebensweltorientierter lokaler Jugendarbeit und Jugendhilfeangebote.

Politiker unter öffentlichem Druck und ängstliche gesellschaftliche Kräfte suchen fast immer nach schnellen, effektiven und kosten-sparenden Lösungen. Nach einer nun über 40jährigen Geschichte von Streetwork und Mobiler Jugendarbeit in Deutschland und in Europa ist man bei ISMO heute mehr denn je davon überzeugt, dass kurzzeitpädagogische, aktionistische und legitimatorische antirassistische Modellprojekte meist keine nachhaltigen Wirkungen erzielen können. Die dafür bereitgestellten Finanzmittel müssen stattdessen zur Stärkung und qualitativen Verbesserung der lokalen sozialen Infrastrukturen verwendet werden. Die jugendpolitischen Forderungen von ISMO lauten daher:
Zur Prävention und Behandlung von rechtsextremistischen Orientierungen unter jungen Menschen und daraus entstehender Fremdenfeindlichkeit und Gewalt braucht es neben einer guten formalen Schulbildung vor allem die flächendeckende Förderung der Jugendsozialarbeit und der außerschulische Jugendbildung im Bereich der Offenen Jugendarbeit, der Jugendberufshilfe und der Mobilen Jugendarbeit. Nur so kann verhindert werden, dass Rechtsextremisten ganz gezielt dem alleine gelassenen jungen Menschen fragwürdige Beziehungsangebote machen, um ihn für sich und ihre Ideologie zu gewinnen und zu missbrauchen."

Quelle: Prof. Dr. Walther Specht, ISMO Vorsitzender und ehemaliger Sprecher der Nationalen Armutskonferenz 1997 – 2001

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