Jugendsozialarbeit / Kinder- und Jugendschutz

Sprach- und Integrationsmittler räumen Verständigungsbarrieren aus dem Weg

Im Zuge der interkulturellen Öffnung der Kinder- und Jugendhilfe ist der Einsatz von Sprach- und Integrationsmittlerinnen und -mittlern (SprInt) ein adäquates Mittel, um Verständigungsbarrieren zwischen den Fachkräften der Sozialen Arbeit und Zuwandererfamilien aus dem Weg zu räumen. Der Artikel informiert über dieses neue Berufsbild, nennt Praxisbeispiele und geht auf Finanzierungsmodelle ein.

Miguel TamayoMiguel Tamayo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Transferzentrums Sprach- und Integrationsmittlung (Sprint-Transfer) der Diakonie Wuppertal.


Kontakt:
SprInt-Transfer
Diakonie Wuppertal, Migrationsdienste Ludwigstr. 22
42105 Wuppertal
Tel. 0202 97444-724

Der Erfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Schule und Beruf rückt immer mehr ins Blickfeld von Politik und Gesellschaft. In der öffentlichen Diskussion wird dieses Thema oft verknüpft mit der demografischen Tatsache, dass der Anteil erwerbsfähiger Personen an der Bevölkerung sinkt. 

„Wir müssen jedem Kind, unabhängig von der Herkunft, den Aufstieg ermöglichen und dürfen kein Kind verloren geben”, forderte jüngst NRW-Integrationsminister Armin Laschet1.
Allerdings sind Migrantenfamilien bei der Wahrnehmung bestehender Angebote immer noch unterrepräsentiert.
Aktuelle Zahlen aus dem Ländermonitor der Bertelsmann-Stiftung belegen z.B., dass Familien mit Migrationshintergrund seltener Kitas in Anspruch nehmen.
In NRW beträgt die Teilhabequote immerhin 88% (gegenüber 92% bei Kindern ohne Migrationshintergrund), in Bayern 75% (gegenüber 95% in der Vergleichsgruppe)2. Zugangsbarrieren bewirken hier verpasste Chancen auf Sprachförderung für die Kinder.

Jugendhilfe muss reagieren
Unter Fachleuten besteht Konsens, dass die Jugendhilfe interkulturell geöffnet werden muss, um Benachteiligungen von Zuwandererfamilien entgegen zu wirken. Das ergibt sich schon aus dem gesetzlichen Auftrag, Mitwirkung und Mitbestimmung zu gewährleisten (§§ 5, 8 und vor allem 36 SGB VIII). Im Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe heißt es dazu: „Die Beteiligung der betroffenen Kinder, Jugendlichen und ihrer Familie ist ein Qualitätsmerkmal der Kinder- und Jugendhilfe, weil sie eine elementare Voraussetzung für das Fallverstehen und das Gelingen der Hilfe darstellt.“3
Diese Grundvoraussetzung kann aber nur erfüllt werden, wenn die Verständigung zwischen Fachkräften und Betroffenen funktioniert. Bei ernsthaften sprachlichen oder kulturellen Hürden laufen die Methoden der Sozialen Arbeit ins Leere.
Die Forderung nach mehr muttersprachlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Jugendhilfe trägt diesem Problem Rechnung. Es wäre jedoch nicht sinnvoll, allein auf diese Karte zu setzen. Zum einen ist es nicht möglich, für jede Sprachgruppe eine Stelle zu schaffen, zum anderen lässt die derzeitige Praxis der Stellenbesetzung nicht erwarten, dass sich mittelfristig etwas an der wenig interkulturellen Zusammensetzung des Mitarbeiterstabes ändern wird. Hier ist der Einsatz von Sprach- und Integrationsmittlern eine gute Möglichkeit, trotz fehlender Einstellungsmöglichkeiten interkulturelle Kompetenz in die Jugendhilfe zu holen.

Screenshot des Web-Auftrittes von SprInt-Transfer
sprint-transfer.de, das Portal für Sprach- und Integrationsmittlung

Sprach- und Integrationsmittlung füllt eine Lücke im Angebotsspektrum
Der Begriff der „Sprach- und Integrationsmittlung“ (SprInt) bedarf einer näheren Erläuterung: Das Angebot von Qualifizierungen für das Dolmetschen im sozialen Bereich reicht von wenigen Unterrichtsstunden bis zu mehrjährigen Ausbildungen. Deshalb haben sich verschiedene Träger hochwertiger Qualifizierungen zu einer bundesweiten Arbeitsgruppe zur Berufsbildentwicklung zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist, Standards für die Qualifizierung zu etablieren und damit mehr Transparenz der neuen Dienstleistung herzustellen._4_
Nach diesen Standards umfasst Sprach- und Integrationsmittlung drei Funktionen:

  • Dolmetschen unter Berücksichtigung kultureller Aspekte
  • interkulturelle Vermittlung im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen
  • Assistenz für Fachkräfte der Sozialen Arbeit

Die 12- bis 18-monatige Qualifizierung vermittelt Fachterminologie und Orientierungswissen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Soziales. Konkret heißt das für die Jugendhilfe: SprInt kennen sich mit dem Grundvokabular, den Hilfsangeboten und den Abläufen aus. Während der Ausbildung haben sie typische Fallkonstellationen in Rollenspielen und Reflexionen kennengelernt. Weitere Unterrichtsfächer sind z.B. Dolmetschtechniken, interkulturelle Kommunikation und Ausländerrecht.
Die Mittlerinnen und Mittler wahren strikte Neutralität, haften in ihren Einsätzen für korrektes Dolmetschen und unterliegen der Schweigepflicht. Sie sind schnell und zuverlässig verfügbar. Das hebt sie von Laiendolmetschern ab, die gegenwärtig meist als „Helfer in der Not“ zum Einsatz kommen. In unkomplizierten Fällen reicht solche „einfache“ Sprachmittlung aus. Es gibt aber viele Situationen, in denen Laien die Vermittlerrolle nicht zugemutet werden sollte. Insbesondere das Heranziehen von Jugendlichen als Dolmetscher für ihre Familien ist kritisch zu betrachten._5_
Keinesfalls sollen die SprInt selbst sozialarbeiterisch oder therapeutisch tätig werden. Ihre Rolle ist die des „Sprachrohrs“ für beide Seiten. Manchmal müssen sie intervenieren, um auf unerkannte Missverständnisse aufmerksam zu machen. In ihrer Funktion als Integrationsassistenten führen sie einzelne Aufgaben im Auftrag der Fachkraft der Jugendhilfe aus, z.B. Begleitung einer Familie bei Behördengängen oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen.

Einsatzfelder, mögliche Wirkungen, Praxisbeispiele
Die Einsatzfelder der SprInt spiegeln die Vielfalt der Jugendhilfe wider: Sie wirken mit im Hilfeplanverfahren, stellen Kontakte zwischen Zuwandererfamilien und Beratungsstellen her, begleiten sozialpädagogische Familienhilfen etc. Vor allem Erstkontakte können weniger zeitaufwändig und erfolgreicher gestaltet werden. Dass die Menschen in einer für sie verständlichen Sprache informiert werden, erhöht die Chancen auf den raschen Aufbau einer Vertrauensbasis.
Im Sinne der interkulturellen Öffnung der Jugendhilfe ergibt sich ein interessanter Nebeneffekt: Sprach- und Integrationsmittler berichten aus der Praxis, dass die regelmäßige Zusammenarbeit das interkulturelle Lernen in den Organisationen der Auftraggeber förderte.
Zukünftige Anbieter von Sprach- und Integrationsmittlung können von den Erfahrungen bestehender Konzepte _6_ profitieren: Der Gemeindedolmetschdienst in Berlin bedient seit 2003 Behörden, freie Träger und den Gesundheitsbereich. Dank einer Landesförderung können seit 2006 auch Schulen, Kitas und soziale Beratungsstellen die Dienstleistung zu subventionierten Preisen in Anspruch nehmen. In Wuppertal vermittelt die Diakonie Sprach- und Integrationsmittler. Sie arbeiten u.a. für die RAA und verschiedene Beratungsstellen.
Nicht alle Absolventen der Qualifizierungen arbeiten als Honorarkräfte, mancherorts werden sie eher als Projektmitarbeiter im Integrationsbereich eingestellt. In Darmstadt moderieren SprInt als Integrationsassistenten z.B. Gesprächskreise von Eltern mit Fachkräften aus Schulen bzw. Kitas. Sie wirken dabei als „Türöffner“ nach beiden Seiten.

Finanzierungsmöglichkeiten
Es gibt noch keine Standards für die Finanzierung der Einsätze, wie es z.B. im Gerichtswesen der Fall ist. Vielerorts ist es schwierig, die Leistung überhaupt finanziert zu bekommen. Um eine Innovation zu verwirklichen, die mittelfristig und ressortübergreifend Geld spart anstatt sofort im eigenen Etat zu Entlastungen zu führen, bedarf es der Mobilisierung des politischen Willens in der Kommune. Sind die Entscheidungsträger erst einmal vom Nutzen überzeugt, eröffnen sich vielfältige Wege, den Einsatz und die Vermittlung der SprInt zu finanzieren.
Argumentativ könnte man an der Individualität der Leistungen ansetzen, die das Gesetz vorschreibt. Nicht in jedem Fall sind SprInt erforderlich, aber gerade bei folgenreichen Entscheidungen oder sensiblen Themen wäre es absurd, mit dem Hinweis auf Finanzierungsprobleme auf Sprach- und Integrationsmittlung zu verzichten. Im Geiste des SGB VIII wäre die zusätzliche Bestellung eines SprInt korrekt, da für diesen Einzelfall ein besonderer zusätzlicher Bedarf besteht. In der durch leere Kassen geprägten Praxis sind auch Vereinbarungen denkbar, die eine „gemischte“ Leistung aus Fachkraftstunden und dem (preisgünstigeren) Mittlereinsatz anbieten. Es hängt nicht zuletzt vom Argumentations- und Verhandlungsgeschick der Träger ab, wie umfangreich das Leistungspaket sein wird.

Finanzierung der Einsatzstrukturen nicht allein Aufgabe der Jugendhilfe
Je mehr Partner sich zusammenschließen, desto niedriger ist der Kraftaufwand einzelner Behörden oder Träger. Wie so oft im Innovationsbereich ist die Projektförderung ein gangbarer Weg, um die Dienstleistung vor Ort zu etablieren. Solange der Service noch nicht bekannt ist, werden Einsätze öffentlich finanziert. Steigen die Nutzerzahlen, sinkt entsprechend der Zuschussbedarf durch die öffentliche Hand.
Dass Maßnahmen für eine verbesserte Integration handfeste fiskalische Vorteile bringen, haben Fritschi und Jann in ihrer Modellrechnung zu den Kosten unzureichender Integration7 nachgewiesen. Demnach geben Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen zwischen 11,8 und 15,6 Mrd € pro Jahr aus, die sich bei Ausschöpfung des vorhandenen Integrationspotenzials (verbesserte Sprachkenntnisse, Bildung, soziale Integration) einsparen ließen. Angesichts solcher Summen erscheint das Einrichten eines Dolmetscheretats nicht als unerreichbarer Luxus, sondern – neben den genannten Aspekten der Qualitätssicherung – auch aus finanzieller Sicht vernünftig.

Bundesweites Transferzentrum
Das Transferzentrum der Diakonie Wuppertal informiert und berät die Fachöffentlichkeit über die neue Dienstleistung. Dazu betreibt es das Internetportal sprint-transfer.de, organisiert Workshops und veröffentlicht Fachartikel zum Thema. Ferner unterstützt das Transferzentrum bundesweit Kooperationspartner bei der Durchführung der Qualifizierung und dem Aufbau von lokalen Vermittlungspools.

Miguel Tamayo


1 Der Westen, Nachricht vom 3.1.2010 „Laschet will kein Zuwanderer-Kind verloren geben“

2 Bertelsmann Stiftung, Pressemitteilung vom 4.1.2010

3 Regina Rätz-Heinisch / Wolfgang Schröer / Mechthild Wolff (2009): Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, Perspektiven. Weinheim u. München, S. 222.

4 Mehr Informationen zum Berufsbild unter www.sprint-transfer.de/berufsbild

5 Maria Kurka (2009): Community Interpreting: Einsatz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder von eigens geschulten Dolmetschern und Übersetzern? Bachelorarbeit, Hochschule für angewandte Sprachen, München.

6 www.gemeindedolmetschdienstberlin.de, www.sprint-wuppertal.de, www.ikb-darmstadt.de

7 Tobias Fritschi / Ben Jann (2008): Gesellschaftliche Kosten unzureichender Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern in Deutschland. Projektbericht. Quelle: http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_23656_23671_2.pdf, Stand: 28.10.2010.

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