Jugendsozialarbeit / Im Fokus

"Die im Dunkeln sieht man nicht": Jugendliche in komplexen Problemlagen erreichen

Seitliches Portrait eines Jungen
Bild: Maddox74 / pixabay.com

Wie können junge Menschen, die innerhalb der bisherigen Hilfestrukturen schwer oder nicht erreichbar sind, aus dem "Dunkelfeld" geholt werden? Ein Fachvortrag auf der ConSozial 2015 diskutiert - auf Grundlage eines Forschungsprojektes der LAG Jugendsozialarbeit Bayern - Zugänge, Methoden und Praxisansätze.

Immer mehr Jugendliche sind nicht mehr im Erwerbs-, Bildungs- und Sozialsystem sichtbar. Sie sind "entkoppelt" und über klassische Hilfestrukturen schwer, kaum oder gar nicht mehr erreichbar. Komplexe Problemlagen führen dazu, dass sie gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Doch was führt dazu, dass junge Menschen in dieses "Dunkelfeld" geraten? Welche Wege gibt es, sie aus dem "Dunkelfeld" zu holen? Und welche Konsequenzen hat das für die Jugendsozialarbeit? Diesen Fragen ist ein Forschungsprojekt am Institut für Praxisforschung und Evaluation der Evangelischen Hochschule Nürnberg auf den Grund gegangen. In dem Fachvortrag "Die im Dunkeln sieht man nicht – Jugendliche in komplexen Problemlagen erreichen" auf der ConSozial wurden die zentralen Ergebnisse vorgestellt und diskutiert.

Die 10 zentralen Ergebnisse auf einen Blick:

  1. Über ein Drittel der befragten Jugendlichen fühlen sich nicht als Teil der Gesellschaft. Eine berufliche und soziale Integration ist erforderlich.
  2. Die Problemgruppe "entkoppelter" Jugendlicher wächst. Nach Schätzungen des Forschungsprojektes sind bundesweit 51.000 junge Menschen "im Dunkelfeld".
  3. Es bestehen massive Defizite im persönlichen und familiären Bereich, etwa instabile Familienverhältnisse oder erzieherische Defizite bei den Eltern. Es sind präventive, aufsuchende, familienunterstützende Angebote notwendig.
  4. Schule ist zunehmend mit erzieherischen Aufgaben konfrontiert. Präventive Angebote an Schulen müssen ausgebaut werden.
  5. Es bestehen kaum Vorbilder für die Jugendlichen, sie erleben diverse Beziehungsabbrüche. Damit kontinuierliche und verlässliche Beziehungen aufgebaut werden können, muss die Begleitung von Übergängen mit gleichbleibenden Ansprechpartnern realisiert werden.
  6. Es ist eine besondere Unterstützung bei der Lebensbewältigung (Wohnungssuche, Behördengänge, Arztbesuche etc.) erforderlich. Hier ist Unterstützung aus den sozialen Hilfesystemen gefragt.
  7. Non-formale Bildungsangebote können bei "ungünstigen Startbedingungen" und dem erlebten Mangel an Erfolgserlebnissen eine erfolgreiche Maßnahme sein. Zielgruppenspezifische Angebote sind notwendig.
  8. Eine Vernetzung der Zusammenarbeit unterstützt maßgeblich die "Wege raus aus dem Dunkelfeld". Rechtskreisübergreifende Arbeitsbereiche und die bereichsübergreifende Zusammenarbeit sind eine zentrale Empfehlung des Forschungsprojektes.
  9. Die Niedrigschwelligkeit der Angebote muss gewährleistet sein.
  10. Die Zugehörigkeit zum "Dunkelfeld" erscheint temporär. Dies betont noch mal, wie wichtig die kontinuierliche Begleitung Jugendlicher ist.

Risikofaktor Übergänge – Schutzfaktor kontinuierliche Beziehungsarbeit

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts der EH Nürnberg bestätigte auch Mathias Reuting, Referent für Jugendsozialarbeit im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche in Württemberg. Er verwies auf diverse Hilfesystem-Lücken – etwa Wohnungslosigkeit junger Volljähriger, junge Elternschaften oder riskantes Verhalten wie Glücksspiel oder Anabolika – und betonte noch mal die Notwendigkeit kontinuierlicher Begleitung. "Wir müssen Beziehungsabbrüche verhindern" so der Konsens in der Diskussion.

Doch obwohl eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit der Hilfesysteme einhellig als eine zentrale Maßnahme dafür gesehen wurde, Jugendliche "im Dunkelfeld" zu erreichen, war man sich auch einig, dass dies nicht leicht wird: "Fachkräfte ticken unterschiedlich" hieß es und unterschiedliche Förder- und Abrechnungslogiken seien zu berücksichtigen. Zudem müsse man darauf eingehen, dass gerade die Jugendlichen in komplexen Problemlagen in der Regel nicht in Beratungsstellen kommen. Sie müssen über die Peer-Group oder informelle Kontakte erreicht werden. Auch digitale Angebote können hier eine Möglichkeit sein.

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der LAG Jugendsozialarbeit Bayern.

Die Zwischenergebnisse aus Stufe I der Untersuchung (PDF 747 KB) sowie die Zusammenfassung der Ergebnisse aus Stufe II (PDF 2,13 MB) können heruntergeladen werden.

Weitere Informationen zur ConSozial unter: www.consozial.de

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