Jugendsozialarbeit

Brücken bauen – Perspektiven ändern: Ein Gespräch mit Olad Aden von Gangway e.V. in Berlin

Olad Aden von Gangway e.V.
Bild: Olad Aden Olad Aden, Streetworker bei Gangway e.V. in Berlin

Das Fachkräfteportal hat mit Olad Aden, Streetworker für den Verein Gangway in Berlin, darüber gesprochen, wie man Hiphop nutzen kann, um "benachteiligte" Jugendliche anzusprechen und zu fördern.

Auf dem 4. Bundesfachkongress interkultur Divercity, der vom 24. bis 26. Oktober 2012 in Hamburg stattfand ging es um Chancen und Herausforderungen eines konstruktiven Diversitäts-Management auch und gerade in Bezug auf städtische Umfelder und kulturelle Lebensräume. Zahlreiche Vertreter von Migrantenorganisationen, aus Kinder- und Jugendhilfe, Kultur und Politik kamen zusammen, um an unterschiedlichen Orten in der lebendigen Hafenmetropole über die Herstellung von Chancengleichheit für alle und die offensive Bekämpfung von Diskriminierung, Rassismus und Nationalismus zu diskutieren.
Ein wichtiger Fokus lag dabei auf der Vorstellung von Good-Praxis-Beispielen, die anschaulich deutlich machten, welche Potenziale in einem diversitätsorientieren  Ansatz liegen.

Olad Aden kam als Repräsentant von Gangway e.V. auf die Tagung. Gangway e.V. macht seit 20 Jahren Straßensozialarbeit in Berlin und hat eine Reihe von Projekten mit jungen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen initiiert, die ihre Hip-Hop- Kultur als alternative Bildungsmethode erschließen.  Untermalt von lebendigen Videoclips stellte Olad Aden einige dieser Projekte vor. Das Jugend-Austauschprojekt „BronxBerlin Connection“ ermöglicht transatlantische Begegnungen in Harlem und Neukölln. Das Projekt „Street College“ versteht sich als alternatives  Bildungsnetzwerk und arbeitet mit Menschen aus Kultur und Wirtschaft, Schule und Sozialarbeit. Verbindende Klammer ist die Musik als Brücke zu den Jugendlichen.

Das Fachkräfteportal hat mit Olad Aden gesprochen:

Fachkräfteportal:
Warum eignet sich Musik besonders um sogenannte „benachteiligte“ Jugendliche anzusprechen und zu aktivieren?

Olad Aden:
Hip Hop ist die heute mit Abstand populärste und gleichzeitig fehlverstandenste Jugendkultur der Welt. Ob Kleinstadt oder Metropole: man trifft ihn überall an und er scheint sich besonders da breit zu machen, wo soziale Ungerechtigkeit herrscht. So auch im Berliner Wedding. Was einst in den Ruinen der South Bronx begann, hat sich über die ganze Welt verbreitet und ist zum globalen Phänomen geworden.
 
Die Vielseitigkeit der verschiedenen Elemente, die Hip Hop ausmachen, bietet die Chance diverse Projektangebote zu ermöglichen - ob Breakdance, Graffiti oder Beatboxen - die dann aber doch wieder eng miteinander verknüpft sind. Bei aller Beliebtheit wird Hip Hop von der Gesellschaft immer wieder als gewaltbereites, homophobes und/oder frauenfeindliches Genre eingestuft. Natürlich gibt es Gründe dafür, die allerdings zu komplex sind, um sie hier weiter auszuführen. Ich beschränke mich darauf zu sagen, dass diese Fehleinschätzung mit den Marketing Strategien der Mainstream Musik Industrie zu tun hat, die die lukrative Seite dieser Kultur erkannt hat.

Junge Menschen, die wir im Rahmen unserer Arbeit auf den Straßen Berlins antreffen, begrenzen sich durch das, was ihnen in den Medien serviert wird, in ihren Vorstellungen und Texten häufig auf nackte Frauen und tolle Autos. In den immer wiederkehrenden Gesprächen dazu konnten wir dem  sofort einsetzenden Reflex, den Zeigefinger zu heben, widerstehen. Stattdessen entschlossen wir uns,  Jugendlichen Projekte anzubieten, die sie da abholen, wo sie sich gerade befinden, um ihnen in der Folge wichtige Informationen zu vermitteln.

Wir verstehen unsere Arbeit im Kontext von Hip Hop Kultur als Bildungsangebot. Durch die über 40-jährige Geschichte der Kultur, der unmittelbaren Verbindung zu der US Bürgerrechtsbewegung der 60´er Jahre, Jazz, Blues und vielen anderen Dingen reden wir in Workshops über Themen, die weit über „das Rappen“ hinausgehen. Bei Themenfindung in Textschreibworkshops werden neue Signale gesetzt. Jugendliche, die sich zum Teil zum ersten Mal dazu entscheiden, authentische, realitätsbezogene Texte zu schreiben, recherchieren mit der Motivation Musik zu machen diverse Themen und beginnen, sich für die Themeninhalte zu interessieren....der Stein kommt ins Rollen.

Fachkräfteportal:
In einem ihrer Videoclips erzählt ein junger Libanese, dass er durch den Rap sein Sprachrohr gefunden hat. Wen erreicht er mit diesem Sprachrohr und gibt es auch Feedback?

Olad Aden:
Eine Faszination der Hip Hop Kultur liegt darin, dass sich viele junge Menschen mit Migrationshintergrund aus sozial benachteiligten Zusammenhängen in einer ähnlichen Rolle empfinden, wie die schwarzen und braunen Menschen auf der anderen Seite des Atlantiks vor über 50 Jahren. Nein, sie müssen nicht im hinteren Teil des Busses sitzen, aber viele fühlen sich unerwünscht und nicht dazu gehörig.

Der besagte junge Mann hat seine ersten 20 Lebensjahre in diesem Land, welches ja eigentlich sein Heimatland ist, so erlebt. Heute hat er einen dreijährigen Aufenthalt genehmigt bekommen. Er hat nach wie vor große Probleme, einige davon voll und ganz selbst verschuldet, bei anderen ist es nicht so. Zusammen mit seinen besten Freunden hat er eine Rap Crew gegründet, die sich auf lokaler Ebene bereits einer kleinen Gefolgschaft erfreuen darf. So Rappen die Jungs „für sich und ihren Kiez“. Wir arbeiten bereits seit fünf Jahren zusammen und es ist erstaunlich zu beobachten, wie politisch die drei geworden sind. Sie erreichen viele junge Leute aus ihrer Gegend. Gerade kürzlich erhielt ich einen Anruf von einem Sozialarbeiter einer Kindereinrichtung, der davon erzählte, dass Kinder dort davon „träumen würden die Drei kennen zu lernen“.
 
Fachkräfteportal:
Sie haben mit einer Gruppe von jugendlichen Rappern amerikanische Rapper in New York besucht. Welche Idee und Ziele standen hinter so einer ja nicht unaufwändigen Reise und hat sie sich bezahlt gemacht?

Olad Aden:
Der Jugendaustausch nennt sich BronxBerlinConnection. Animiert wurde er, wie alle anderen Projekte, durch Gespräche mit Jugendlichen. New York hat durch seine  Funktion als Geburtsstätte der Hip Hop Kultur einen besonderen Stellenwert für die Jugendlichen. Fragt man eine junge Person, welches die ersten drei Begriffe seien, die sie mit der South Bronx in Verbindung bringen würde, so lauten diese fast immer „Drogen“, „Prostitution“ und „Knarren“. Aussagen wie „ich hätte auch gerne mal ´ne Knarre und wäre Drogendealer“ sind nichts Außergewöhnliches. So fragten wir uns vor knapp fünf Jahren, wie wir es vielleicht schaffen könnten, mit hiesigen Jugendlichen nach New York zu fahren, um uns das gemeinsam anzugucken.

Unterstützt durch das Goethe Institut, das Deutsche Konsulat in New York, die US-Amerikanische Botschaft in Berlin, die Kreuzberger Kinderstiftung, den Paritätischen Wohlfahrtsverband und eine individuelle Spende einer Person, die ungenannt bleiben möchte, kamen wir in die Lage, einen Jugendaustausch zu etablieren. Zusammen mit den Organisationen „Hip Hop ReEducation“ und der „CUNYPREP“, einer Schule für Schulabbrecher in der South Bronx, besuchen wir uns seitdem mit immer neu gemischtgeschlechtlich und multikulturell besetzen Gruppen gegenseitig in unseren Städten, um mit und voneinander zu lernen.

Die Ziele sind auf Grund der Verschiedenheiten der jeweiligen Systeme auf beiden Seiten unterschiedlich. Auf New Yorker Seite geht es darum, Jugendlichen, die sich gerade in dem Prozess des Wiedereinstiges in das Bildungssystem befinden, neue Chancen aufzuzeigen. Jugendliche, die zum Teil noch nie die Bronx verlassen haben, erleben Berlin. Die Aussagen, die sie dabei treffen, wie „ich fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben sicher“, „ich habe sonst nie Ruhe in meinem Leben“, „immer geht irgendein Alarm los“, „immer fallen irgendwo Schüsse“ hauen selbst die erfahrensten Sozialarbeiter um. Und so kommen sie „anders zurück“, träumen anders, „vielleicht kann auch ich mal in Paris leben“, „eine Weltreise machen“.....Die Bildungsfortschritte, der bisher Involvierten sprechen Bände.

Auf Berliner Seite geht es nicht darum, Jugendlichen zu vermitteln, dass sie „froh sein sollen in Deutschland zu leben“. Trotzdem sollen auch sie ihr Leben aus einer anderen Perspektive betrachten. In New York angekommen treffen sie auf junge Menschen, die oft nicht krankenversichert sind, junge Menschen, die teilweise Erfahrung mit Obdachlosigkeit haben, es vielleicht sogar noch sind. Sie gehen in Gegenden von Harlem wo die Lebenserwartung bei 48 Jahren unter der vom Sudan liegt. Wir setzen uns intensiv mit den Themen der Waffengewalt und der Armut auseinander. Natürlich besuchen wir auch die Freiheitsstatue, aber den Hauptteil unserer Zeit verbringen wir in der Bronx, Harlem und der Lebenswelt der Jugendlichen vor Ort. Und so sehen sie alle ihr Dasein in Deutschland in einem neuen Licht. Sie erkennen Vor- und Nachteile und erkennen Privilegien. Natürlich muss man dafür nicht nach New York fahren. Armut gibt es auch in unmittelbarer Nähe, aber da die Hip Hop Kultur Plattform des Gesamtprojektes ist, kommt nur eine Stadt in Frage: New York
 
Fachkräfteportal:
Mit dem Projekt „Street College“ wollen Sie Jugendlichen ohne Schulabschluss eine zweite Chance geben? Wie soll das genau funktionieren?

Olad Aden:
Viele der jungen Menschen mit denen wir arbeiten, haben Fehler gemacht. Besonders die älteren Jugendlichen, die an der Straßenecke „chillen“, stehen oft ganz ohne Perspektiven da. Manche von ihnen kommen gerade aus der Haft, andere laufen akute Gefahr, bald in Haft zu gehen. In Sprechstunden quer durch die Stadt sagen alle von ihnen das Gleiche. „Hätte ich nochmal eine Chance......“.

So ist das Street College eine Reaktion auf einen Bedarf, den wir schon lange erkannt haben. Nach dem Motto „jeder kann lernen“ konzentriert es sich auf junge Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, im oder am herkömmlichen Bildungssystem gescheitert sind. Das College soll „alternative Bildungsmethoden“ beinhalten, ob Theater, Tanz, Filmschnitt oder Hip Hop. Es soll ein freiwilliges Angebot sein aber auch denjenigen Perspektiven bieten, die sich Schwerpunkte setzen und Berufsfelder entdecken wollen. Das Projekt befindet sich gerade in der Entwicklungsphase und das erste Semester soll im April 2013 beginnen. Das Street College soll ständig neue Trends und Bedarfe erkennen, das Kurrikulum kontinuierlich anpassen und geeignete Dozenten finden. Menschen, die Kurse absolvieren, sollen ein Zertifikat dafür bekommen. Da, wo es sich anbietet und gelingt, will das College Brücken bauen zu weiteren Bildungseinrichtungen und zu potentiellen Arbeitgebern. Gespräche mit Partnern aus der Bildung und der Wirtschaft laufen bereits und jeder, der sich auf dem Laufenden halten will, kann dies auf www.gangway.de tun.

Fachkräfteportal:
Was würden Sie sich an Unterstützung von der Jugendpolitik auf Bundes- und auf kommunaler Ebene wünschen?

Olad Aden:
Jeglicher Versuch diese Frage elegant zu beantworten, ist mir bisher nicht gelungen und so komme ich direkt zu dem maßgeblichen Punkt: Wir brauchen das nötige Geld. Dabei sind Menschen auf politischen Ebenen als Entscheidungsträger besonders wichtig. Auch einzelne Menschen oder Stiftungen, die Spenden möchten, sind eine große Unterstützung für uns und können dies hier tun: http://www.betterplace.org/de/projects/8485
Kommunal brauchen wir Leute, die sich ehrenamtlich für das Projekt einsetzen möchten - ob als Dozent oder in anderen Kontexten.

Fachkräfteportal:
Vielen Dank für das Gespräch!

Videoclips, die eindrucksvoll die Arbeit von Gangway e.V. und von Olad Aden dokumentieren, können Sie auf Youtube abrufen:

Info-Pool