Jugendsozialarbeit / Sozialforschung

Blinde Flecken im Sozialsystem schließen – Projekt "Rückenwind" zieht Erfolgsbilanz

Geldbörse mit Kleingeld
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Unterstützung in krisenhaften Lebenssituationen, eine wertgeschätzte Tätigkeit, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Nicht für alle Menschen sind diese Dinge selbstverständlich. Ein im November 2014 in Halle/Saale gestartetes Kooperationsprojekt der Jugendwerkstatt "Frohe Zukunft" und des Deutschen Jugendinstituts hatte sich zum Ziel gesetzt, hier gegenzusteuern.

Die beteiligten Akteure des Projekts "Rückenwind – Begleitende Lebenshilfen für junge Familien mit Benachteiligungshintergrund" zogen zum Ende der Laufzeit eine positive Bilanz.

Vor dem Hintergrund, dass jedes dritte Kind bzw. jeder dritte Jugendliche in Halle in einer Hartz-IV-Familie aufwächst, wandte sich das Projekt insbesondere Familien im SGBII-Leistungsbezug zu. Für diese Kinder und Teenager ist die materielle Mangelsituation eine prägende Alltagserfahrung. Eltern, die von Sozialtransfers abhängig sind, fühlen sich nicht nur in ihrer Rolle als Versorger ihrer Kinder gescheitert, sondern oft auch durch finanzielle Knappheit in soziale Isolation gedrängt.

Mangel als prägende Alltagserfahrung 

Für die Dauer eines Jahres wurde in drei verschiedenen Bereichen unkompliziert Hilfestellung geleistet, die im Rahmen der gesetzlichen Sozialleistungen unmöglich gewesen wären und trotzdem ein Stück weit selbstverständlich sein sollten.

Krisenmittel: Die jungen Familien wurden in schwierigen Lebenssituationen durch einmalige Anschaffungen bzw. Kostenübernahmen unterstützt. In den meisten Fällen ging es um überschaubare Beträge z. B. für einen Wecker, einen Elektroherd oder einen Kinder-CD-Spieler, die jedoch für die Familien ein großes Plus an Lebensqualität bedeuteten.

Ideelle und materielle Wertschätzung 

Wertschätzende Tätigkeitsgelegenheiten: Ein weiterer Projektschwerpunkt bestand im Angebot, unverbindlich angeleitete Tätigkeiten zu übernehmen, bei denen die Teilnehmer/innen eine ideelle und materielle Wertschätzung erfuhren. Die Erfolgserlebnisse durch die sinnstiftende Mitwirkung führten vielfach zu neuer Motivation und in einigen Fällen auch zu einem neuen Zutrauen in die Fähigkeit, das eigene Leben selbst gestalten zu können.

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Schließlich wurden auch Teilhabeerfahrungen aus den Projektmitteln ermöglicht, die sonst für die Familien unerschwinglich gewesen wären: z.B. ein Kinobesuch mit Freunden zum Kindergeburtstag, ein Familienbummel über den Weihnachtsmarkt, ein Deutschkurs für eine Flüchtlingsfamilie. Erfreulicherweise können die wertschätzenden Tätigkeitsgelegenheiten und einige Angebote zur gesellschaftlichen Teilhabe über Spendengelder auch nach Projektende fortgeführt werden.

Blinde Flecken des Sozialsystems 

Die Erfahrungen, die im Rahmen des Projekts "Rückenwind" gemacht wurden, weisen auf verschiedene "blinde Flecken" des deutschen Sozialsystems hin. So konnten manche junge Menschen erst durch dieses Projekt bestimmte "Teufelskreise" durchbrechen, die im Sozialsystem sowie in der Logik sich selbstverstärkender sozialer Isolation angelegt sind. Beispielsweise kann ein abgelaufener Personalausweis deshalb ein gravierendes Problem sein, weil ohne gültigen Ausweis keine Sozialleistungen beantragt werden können und ohne Bearbeitungsgebühr von mindestens 30 Euro keine Beantragung möglich ist.

Auch kann Armut dazu führen, dass sich die Betroffenen sozial zurückziehen und es dann kaum noch schaffen, sich aus eigener Kraft aus der Armutslage zu befreien. Insgesamt war festzustellen, dass für Familien mit Benachteiligungshintergrund viele essenzielle Dinge des Alltags im Leistungskatalog der SGBII-Institutionen nicht vorgesehen sind.

Hintergrund 

Das Mikro-Projekt "Rückenwind – Begleitende Lebenshilfen für junge Familien mit Benachteiligungshintergrund" wurde gemeinsam vom S.C.H.I.R.M.-Projekt der Jugendwerkstatt "Frohe Zukunft" und dem Forschungsschwerpunkt "Übergänge im Jugendalter" des Deutschen Jugendinstituts e.V. konzipiert, das diesen Familien unbürokratische Unterstützung ermöglichen sollte.

Das Deutsche Jugendinstitut als Initiator forscht seit vielen Jahren zu Exklusionsprozessen bei jungen Menschen und Familien; das S.C.H.I.R.M.-Projekt als Träger macht sozial benachteiligten jungen Menschen und heimatlosen Jugendlichen seit langem niedrigschwellige Angebote. Finanziell abgesichert waren Projekt und wissenschaftliche Begleitung durch den mit 6.000 Euro dotierten Forschungspreis der Pädagogischen Stiftung Cassianeum, der dem DJI-Forschungsschwerpunkt 2014 verliehen wurde.

Weitere Informationen stehen bei Frank Tillmann, Deutsches Jugendinstitut in Halle -Forschungsschwerpunkt Übergänge im Jugendalter zur Verfügung. 

Auskünfte zum Projekt erteilt Anna Manser bei der Jugendwerkstatt Frohe Zukunft

Quelle: Deutsches Jugendinstitut vom 19.09.2016

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