Kinder- und Jugendschutz / Digitalisierung und Medien

Starke Persönlichkeiten sind auch stark im Netz – Jugendmedienschutz zwischen Empowerment und Prävention

Junge Frau macht Handyfoto von Mann
Bild: Death to Stock

Die flächendeckende Verbreitung von Smartphones hat den Alltag von Kindern und Jugendlichen rasant verändert. Mit Strategien des Erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes vermittelt ein zeitgemäßer Jugendmedienschutz Fachkräften wie Eltern Handlungssicherheit und Konzepte. Silke Knabenschuh dokumentiert in ihrem Fachbeitrag einen Workshop zu den digitalen Herausforderungen des Kinder- und Jugendschutzes im Rahmen der Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe".

Digitaler Alltag von Kindern und Jugendlichen

98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen sind über soziale Dienste wie WhatsApp, Instagram oder Snapchat miteinander vernetzt. Die flächendeckende Verbreitung von Smartphones hat den Alltag von Jugendlichen, und auch von Grundschulkindern, in den vergangenen fünf Jahren rasant verändert. Auch digitale Spiele werden - eher von Jungen als von Mädchen - mehrmals pro Woche gespielt. Derzeit beliebte Spiele sind laut der aktuellen JIM-Studie (2016) Minecraft, GTA oder Clash of Clans.

Für die oftmals exzessive Nutzung schon unter jungen Usern sucht die Medienfor-schung nach Gründen und beschreibt den sogenannten "FOMO"- Effekt (fear of missing out) als ein Motiv dafür. Die Angst zu verpassen, was z.B. in der WhatsApp-Gruppe geschrieben oder in den sozialen Netzwerken gepostet wird, führt dazu, praktisch den ganzen Tag über (immer wieder) online zu sein. (vgl. LfM-Studie 2015)

Obwohl dieser Zustand mitunter als Druck erlebt wird, ist es doch für die meisten Jugendlichen normal geworden, ständig miteinander in Verbindung zu sein. Ein Leben ohne Smartphone scheint den meisten allein wegen der Alltagsorganisation (Termine, Verabredungen, Hausaufgaben etc.) nicht mehr denkbar. Und auch Eltern haben sich daran gewöhnt, ihre Kinder permanent erreichen zu können.

Mit diesen vielen neuen Möglichkeiten und Erleichterungen im Alltag gehen auch neue Risiken und mitunter Gefahren einher. Hier sind nicht nur Eltern und Schule gefragt. Jugendmedienschutz, der sich am Erzieherischen Kinder- und Jugendschutz orientiert, gibt Fachkräften Konzepte zur Prävention an die Hand und will Eltern Handlungssicherheit im Medienalltag vermitteln.

Wie geht Jugendmedienschutz mit den Herausforderungen des digitalen Wandels um?

Jugendschutz, wie man ihn aus den klassischen Medien kennt, mit seinen altbewährten Instrumenten wie Sendezeitbeschränkungen oder Alterskennzeichen greift im Onlinebereich nicht mehr oder nur bedingt. Diskussionen um Gewaltdarstellungen und Pornographie weichen zunehmend der Frage, wie Heranwachsende mit der allzeit verfügbaren Bilderflut und der digitalen Vernetzung fertig werden sollen. So titelte etwa der WDR jüngst in einem Beitrag: "Cyber-Mobbing: Zahl der Opfer steigt stündlich"

So häufig wie Beleidigungen, Cyber-Mobbing oder Sexting (Versenden von freizügigen oder Nacktbildern per Handy) vorkommen, zeigt, dass (Handy-)Verbote durch Eltern/Schule oder Filterung von bestimmten Inhalten durch Technik oder gesetzliche Regulierung keine hinreichenden Maßnahmen zum Schutz zu sein scheinen. Vor allem häufige Fälle von Cyber-Mobbing lassen die Rufe nach Prävention und/oder Intervention lauter werden.

An dieser Stelle kann Erzieherischer Jugendschutz wirksam werden. So wie viele andere Einrichtungen der Jugendhilfe, arbeitet auch die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz nach dem Ansatz des "Empowerments" mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeit zu stärken: Junge Menschen sollen in ihrer Entwicklung so unterstützt und gefördert werden, dass sie zu selbstbestimmten, reflektierten und verantwortungsbewussten Persönlichkeiten heranwachsen können.

Dieser Ansatz findet sich im Sozialgesetzbuch wieder. Zu den Aufgaben des Erzieherischen Jugendschutzes gehört laut §14 SGB VIII:

(1) Jungen Menschen und Erziehungsberechtigten sollen Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes gemacht werden.

(2) Die Maßnahmen sollen

  1.  junge Menschen befähigen, sich vor gefährdenden Einflüssen zu schützen und sie zu Kritikfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit sowie zur Ver-antwortung gegenüber ihren Mitmenschen führen,
  2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte besser befähigen, Kinder und Jugendliche vor gefährdenden Einflüssen zu schützen.

Kinder- und Jugendliche schützen und befähigen

Ein zeitgemäßer Jugendmedienschutz kann an diese Aufgaben unmittelbar anknüpfen. Denn es geht heute um den Wunsch, Kinder und Jugendliche vor bestimmen Inhalten, suchtartiger Nutzung und Missbrauch zu schützen, sie aber gleichzeitig zu befähigen, mit den Anforderungen ihres komplexen medialen Alltags verantwortungsvoll für sich und andere umzugehen. Hier gilt es, eine gute Balance zu finden.

Jugendschützer und Jugendschützerinnen versuchen daher, so nah wie möglich an der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern dran zu sein, um daraus den notwendigen Unterstützungsbedarf abzuleiten, Stellung zu beziehen im stattfindenden Diskurs und Fachkräfte zu sensibilisieren. Sich zu positionieren ist zentrale Aufgabe von Fachkräften, die wiederum Jugendliche mit pädagogischen Methoden anleiten, sich aktiv mit ihrer eigenen Haltung auseinanderzusetzen und ihr Handeln (kritisch) zu reflektieren. (hier z.B. Umgang mit persönlichen Daten, Achtung der eigenen Privatsphäre und die der anderen.)

Für Pädagogen heißt das, sich für den Medienalltag der Jugendlichen vorurteilsfrei zu interessieren, ihn durch ihre "pädagogische Brille" zu betrachten und mit kreativen Methoden zu versuchen, Jugendliche zu erreichen. Nachfolgend eine Auswahl, die einen kleinen Eindruck der vielfältigen Herangehensweisen zeigt:

Prävention als Aufgabe des modernen Jugendschutzes

Die in den Zielen des Erzieherischen Jugendschutzes verankerte Stärkung der Per-sönlichkeit durch Aufklärung und Förderung von wertschätzender Haltung und Reflexionsvermögen sind also das Grundgerüst, welches Hilfe zum Selbstschutz sein kann. Oft genug fällt in diesem Zusammenhang auch der Begriff der Resilienz. Die Fachtagung "Resilienz als Schatzkiste" ging im vergangenen Jahr der Frage nach, wie die Widerstandsfähigkeit von Kindern gefördert werden kann. 

Resilienz meint die Fähigkeit, bei Konfliktlagen und Widerständen optimistisch zu bleiben und Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu haben, Krisen zu bewältigen und Dinge verändern zu können (Selbstwirksamkeit). Menschen, die über eine gute Resilienz verfügen, sehen sich nicht als Opfer der Umstände, sondern glauben daran, ihr Schicksal weitgehend selbst lenken zu können. Ein weiterer überaus wichtiger Faktor für Resilienz ist zudem ein funktionierendes soziales Netz, also Menschen, denen wir vertrauen und bei denen wir uns in Notlagen tatsächlich auch Hilfe holen und das nicht als Schwäche erleben! (vgl. z.B. Gesundheitsstadt Berlin)

Den Zusammenhang zwischen Online- und Offline-Verhalten zeigt unter anderem ein Ergebnis der EU-Kids Online Studie: Kinder mit Problemen in der analogen Welt (wie Umgang mit Emotionen oder Sozialverhalten) gehen eher passiv mit Online-Risiken um nach dem Motto „Das hört schon irgendwie auf“. Selbstbewusste Kinder hingegen wählen eher pro-aktive Strategien: Sie holen sich Hilfe oder blockieren Inhalte oder Personen, die belästigen oder beleidigen.*

Ziel von Prävention im Jugendmedienschutz ist also eine Online-Resilienz, denn starke Persönlichkeiten sind auch stark im Netz.

Zum Impulsvortrag der Autorin im Rahmen der Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" stehen die Präsentationsfolien (pdf 9,57 MB) online zur Verfügung.

Über die Autorin

Silke Knabenschuh ist Fachreferentin für Jugendmedienschutz bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) NRW e.V. Zuvor war sie als Jugendschutzbeauftragte bei werkenntwen.de und als Medienpädagogin bei Media Smart e.V. tätig. 

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe veranstaltete am 05./ 06. Dezember 2016 die Fachtagung "Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe" in Berlin. Die Veranstaltung thematisierte medienpädagogische, professions- und organisationsbezogene Fragestellungen genauso wie jugend-, bildungs- und netzpolitische Standpunkte.

Zentrale Aspekte der Diskussion werden in Form einer losen Abfolge von Fachbeiträgen unter  www.jugendhilfeportal.de/themenspecial dokumentiert und für die weitere fachliche Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt.

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