Kinder- und Jugendschutz / Kinderschutz

Mehr Aufklärung bei sexuellem Kindesmissbrauch

Jugendliche sitzt in einer Zimmerecke und hält sich einen Arm vor ihr Gesicht
Bild: © Karel Miragaya - Fotolia.com

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat ihr Arbeitsprogramm für die kommenden Jahre vorgestellt. Im Zentrum der Tätigkeit stehen Anhörungen, ab sofort können sich Betroffene und Zeitzeugen hierfür bei der Kommission melden.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs wurde vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch Johannes-Wilhelm Rörig am 26. Januar 2016 einberufen, das FKP berichtete. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, insbesondere in der Familie und in Institutionen, aber beispielsweise auch im Kontext von organisierter sexueller Ausbeutung.

Anhörung von Betroffenen und Zeitzeugen 

Um Ausmaß, Art, Ursachen und Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufzuzeigen, steht im Zentrum der Kommissionsarbeit die Anhörung von Betroffenen. Außerdem sollen weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen wie zum Beispiel Eltern und andere Verwandte, Lehrerinnen und Lehrer. Die Kommission wird zudem Forschungsthemen identifizieren und Eckpunkte einer gelingenden Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch modellhaft für Einrichtungen und Organisationen entwickeln.

Anerkennung des Unrechts und Leids von Betroffenen 

Die Vorsitzende der Kommission, Prof. Dr. Sabine Andresen sagte in der Auftaktpressekonferenz am 03.05.2016: "Die Einrichtung einer Kommission ist zentral für die Anerkennung des Unrechts und Leids von Betroffenen auf gesellschaftlicher und institutioneller Ebene. Betroffenen wurde selten zugehört und oft nicht geglaubt. Wir müssen das strukturelle Versagen des Kinderschutzes aufdecken und uns dem Verschweigen und Wegschauen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR schonungslos stellen.“

Gemeinsam mit den ständigen Gästen der Kommission, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, und den Mitgliedern des Betroffenenrates beim Unabhängigen Beauftragten, Tamara Luding und Matthias Katsch, stellte sie das Arbeitsprogramm der Kommission 2016–2019 vor. 

Wegsehen, Schweigen, Bagatellisieren - zentrale Gründe für zu wenig Schutz und Hilfen 

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig sagte in diesem Zusammenhang: "Wir müssen uns als Gesellschaft damit auseinandersetzen, dass wir in der Vergangenheit bei sexuellem Kindesmissbrauch zu oft weggesehen und geschwiegen haben. Wegsehen, Schweigen und Bagatellisieren sind auch heute noch die zentralen Gründe, warum sich im Bereich von Schutz und Hilfen bei sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen zu wenig bewegt. Das Investment in Prävention und Hilfen steht bis heute in keinem Verhältnis zum Ausmaß dieser Verbrechen! Die neue Kommission wird dazu beitragen, dass Verantwortliche in Politik und Gesellschaft eine größere Vorstellung davon bekommen, welches enorme Leid und welche schweren Folgen sexueller Kindesmissbrauch im Leben von Menschen – und damit auch in unserer Gesellschaft – anrichtet. Wir dürfen Kindern nicht länger den Schutz vorenthalten, den wir ihnen schon längst geben könnten! Nur durch konsequent politisches und gesellschaftliches Handeln kann der tausendfache Missbrauch beendet werden!“

Strukturen aufdecken, Forschung initiieren, Eckpunkte entwickeln

Die Kommission wird Missbrauch in Institutionen und in weiteren Kontexten wie beispielsweise in der Familie, durch Fremdtäter/ -innen oder durch rituelle Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR untersuchen. Sie wird Strukturen aufdecken, die Missbrauch in der Vergangenheit ermöglicht und Aufarbeitung verhindert haben, Forschung initiieren und Eckpunkte einer gelingenden Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch modellhaft für Einrichtungen und Organisationen entwickeln.

Hierzu wird die Kommission bundesweit Betroffenen das Sprechen in vertraulichen und öffentlichen Anhörungen ermöglichen. Zudem wird sie schriftliche Berichte von Betroffenen auswerten, Zeitzeugengespräche, Werkstattgespräche und Fachveranstaltungen durchführen, Archivrecherche und Dokumentenanalyse betreiben und vorliegende Aufarbeitungs-berichte auswerten. International ist die Aufarbeitungskommission die erste Kommission, die Missbrauch in institutionellen Einrichtungen und in weiteren Kontexten in den Fokus nehmen wird.

Geschützte Räume des Sprechens

Prof. Andresen: „Die Anhörungen von Betroffenen sind der Kern unserer Arbeit. Wir wollen Betroffenen geschützte Räume des Sprechens ermöglichen. Wir hoffen, dass sich Betroffene aus vielen verschiedenen Kontexten und jeden Alters, beispielsweise auch junge Erwachsene, bei uns melden. Es ist wichtig, dass wir den Blick auch auf Bereiche richten, die wir möglicherweise heute noch nicht ausreichend im Fokus haben oder uns neu erschließen müssen. Wir sind sehr gespannt, wie sich der Prozess der Aufarbeitung in Deutschland entwickeln wird.“

Sexueller Missbrauch ist ein gesellschaftlicher Skandal

Katsch: „Wir haben als Betroffene lange für eine unabhängige Aufarbeitung gekämpft, weil sexueller Missbrauch kein privates Schicksal, sondern ein institutioneller und gesellschaftlicher Skandal ist! Wir müssen endlich strukturelle Ursachen und Verantwortlichkeiten in den Blick nehmen. Deshalb fordere ich Betroffene auf, sich mit ihrer Geschichte an die Kommission zu wenden“.

Luding: „Wir erleben einen historisch einzigartigen Moment. Diese Kommission ist weltweit die erste, die sich auch um Opfer sexueller Gewalt in der Familie kümmert. Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen sich zu Wort melden. Die Geschichten der Betroffenen zählen. Sie werden etwas bewirken. Sie werden dazu beitragen, dass die Menschen aus Politik und Gesellschaft begreifen, was es wirklich bedeutet, missbraucht zu werden. Nur so können wir etwas verändern, auch im Interesse der heutigen Kinder und Jugendlichen.“

Anhörungen und nächste Schritte

Die Anhörungen finden bundesweit und dezentral statt. Sie werden von Mitgliedern der Kommission und ihrem erweiterten Anhörungsteam (Anwältinnen/Anwälten und Psychologinnen/Psychologen) durchgeführt. Die Anhörungen beginnen im Herbst. Ein erstes öffentliches Hearing soll Ende 2016 stattfinden. Der Zwischenbericht soll 2017, ein weiterer Bericht im März 2019, erscheinen.

Ab heute sind Betroffene und Zeitzeugen eingeladen, sich kostenfrei und anonym bei der Kommission zu melden, um sich vertraulich über die Anhörungen zu informieren und/ oder Interesse an einer Teilnahme zu bekunden. 

Das Infotelefon Aufarbeitung 0800 4030040 (anonym und kostenfrei) und die Website www.aufarbeitungskommission.de informieren über die Arbeit der Kommission und den Ablauf der Anhörungen.

Quelle: Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz vom 03.05.2016

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