Kinder- und Jugendschutz / Kinderschutz

Bremer Schriften zur Sozialen Arbeit: Texte zur 4. Sommerhochschule Kinderschutz

Vom 18. bis 20. September 2019 fand an der Hochschule Bremen die 4. Sommerhochschule Kinderschutz unter dem Leitthema „Diversität im Kinderschutz gestalten“ statt. Veranstaltet wurde sie von der Bundesarbeitsgemeinschaft Die Kinderschutz-Zentren e.V. in Kooperation mit dem Kinderschutz-Zentrum des DKSB Bremen und der Hochschule Bremen. Drei Tage beschäftigten sich 160 Studierende der Sozialen Arbeit und anderer Fachrichtungen in Fachvorträgen, Workshops, Forschungskolloquien und Praxisbesuchen mit der Frage wie Kinderschutz in einer Gesellschaft der Vielfat gestaltet werden kann.

Der Begriff  „Diversität“ kann als einer der zentralen Termini aktueller Diskurse zur Beschreibung der Verschiedenheit unserer Gesellschaft angesehen werden. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe spielt die Verschiedenheit in Lebensbedingungen, Milieus, Kulturen, Altersgruppen, sozialen Schichten, Geschlechtern und sexuellen Orientierungen eine zunehmend zentrale Rolle.

Diversität im Kinderschutz gestalten

Die Sommerhochschule 2019 bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, einen Einblick in die Vielfalt des Arbeitsfeldes Kinderschutzes und seine aktuellen politischen, strukturellen, konzeptionellen und professionellen Debatten zu gewinnen. In  Vorträgen, Workshops, Seminaren und Praxisbesuchen wurde Kinderschutz unter dem Aspekt gesellschaftlicher und sozialer Diversität kritisch reflektiert und diskutiert.

Die Texte der 4. Sommerhochschule Kinderschutz (PDF, 3,2 MB, 59 Seiten) geben einen fundierten Ein- und Überblick in die Inhalte der Sommerhochschule, die Reihenfolge der Beiträge in der Dokumentation orientiert sich am Programmablauf der 4. Sommerhochschule Kinderschutz die vom 18. bis 20. September 2019 unter der Überschrift "Diversität im Kinderschutz gestalten" in Bremen stattfand.

Die Sommerhochschule Kinderschutz: Neue Wege zwischen Hochschule und Praxis gehen

Der Beitrag von Stefan Heinitz, Bundesgeschäftsführer Die Kinderschutz-Zentren, Köln:

Idee und Entwicklung

Die Idee zur Entwicklung der Sommerhochschule Kinderschutz entstand in der fachverbandlichen Diskussion der Kinderschutz- Zentren. Angesichts eines hohen bundespolitischen Reformeifers und einer stetig fortschreitenden fachlichen Weiterentwicklung und Differenzierung des Arbeitsfeldes steigen auch die Erwartungen an (künftige) Fach- und Leitungskräfte. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen wurde in den letzten Jahren so zu einem zentralen fachpolitischen Thema und zu einem wichtigen Motor der Professionalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe, in der frühkindlichen Bildung und Erziehung sowie dem Gesundheitswesen. Aber wie können künftige Fach- und Leitungskräfte auf ihr Arbeitsfeld – auf den Schutz von Kindern und die Hilfe für Familien im Kontext von Gewalt – vorbereitet werden?

Diese Ausgangsfrage lag dem Format einer mehrtägigen, bundesweit ausgeschriebenen „Sommerhochschule Kinderschutz“ zugrunde, die zum ersten Mal im Jahr 2013 in enger Kooperation mit der Hochschule Münster, Abteilung Sozialwesen stattfand. Dort konnte erstmals der besondere Charakter der Veranstaltung entwickelt und erprobt werden. In der Kombination aus wissenschaftlichen Vorträgen, fachmethodischen Workshops und handlungsfeldspezifischen Praxisbesuchen gewannen Studierende von Hochschulen und Universitäten und aus unterschiedlichen Studiengängen wichtige Einblicke in das Diskurs- und Handlungsfeld Kinderschutz sowie in wissenschaftliche Grundlagen und methodisches Handwerkszeug. In Kombination mit konkreten Einblicken in die Praxis fügte sich so für die Teilnehmenden ein Gesamtbild zusammen, das ansatzweise zeigt, was es heißt, im Kinderschutz zu arbeiten. Dieser ersten Veranstaltung folgten zu unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten weitere Sommerhochschulen, so an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin (2015) und an der Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg (2017).

Unter dem Thema „Diversität im Kinderschutz gestalten“ fand im September 2019 in Kooperation mit der Hochschule Bremen und dem Kinderschutz-Zentrum des DKSB Bremen die vierte Sommerhochschule Kinderschutz statt. Diese Veranstaltung zeigte wiederum, wie lebendig, anregend und kritisch Kinderschutz im Kontext hochschulübergreifender Veranstaltungen diskutiert werden.

Die Studierenden der Sozialen Arbeit wurden dabei von Beginn an der Organisation und Durchführung der Veranstaltung beteiligt. Im gemeinsamen Austausch konnten sie aber vor allem eines: ihre Zugänge, Kenntnisse und Haltungen reflektieren und gemeinsam darüber nachdenken, wie Kinderschutzarbeit gelingen kann und überhaupt erst möglich wird.

Kinderschutz als professionelles Arbeitsfeld: Einblicke und Handlungsbedarfe

Die vielfältigen Aufgaben des Kinderschutzes haben in den letzten Jahren in vielen Berufsfeldern an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewonnen. Insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe wurden die immer schon zentral geltenden Paradigmen von Schutz und Hilfe weiter rechtlich normiert und durch fachlich-professionelle Standards ergänzt. Fach- und Leitungskräfte haben sich in der Prozessbegleitung wie in der Arbeit mit Kindern und Familien im Kinderschutz qualifiziert. Dennoch stellt das Arbeitsfeld vielfältige und wachsende Herausforderungen an professionelles Handeln. Gerade junge Fachkräfte und Berufseinsteiger/-innen bekommen dies in ihrer täglichen Arbeit zu spüren. Insofern stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage des Stellenwertes des Kinderschutzes im Studium an Hochschulen und Universitäten in besonderer Weise. Darüber hinaus scheint es wichtig, auch darüber nachzudenken, wie Fachkräfte nach dem Studium gut in das Arbeitsfeld finden und wie sie zu Beginn ihrer Berufspraxis unterstützt werden können. Denn aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Handlungsfeld verweisen deutlich auf den Handlungsbedarf zur Entwicklung geeigneter und tragfähiger Konzepte gerade an dieser sensiblen Passage professioneller Praxis. In der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere in Jugendämtern herrscht einer Fachkräftestudie aus Baden-Württemberg nach (Kindler 2019) eine hohe Fluktuation und damit eine relativ kurze Verweildauer „on the job“ (ebd.).Fachkräfte fühlen sich im Studium nur ungenügend vorbereitet auf das Arbeitsfeld Kinderschutz (ebd.), während eine überwiegende Mehrheit „gern“ im Kinderschutz tätig wäre (ebd.).

Die Angst vor Fehlern und ein ungenügender institutioneller Schutz (ebd.) sind ebenfalls wichtige Hinweise darauf, dass Rahmenbedingungen in der Praxis nachjustiert, aber auch, dass künftige Fachkräfte bereits früh für ihr Handlungsfeld gestärkt werden müssen. Darüber hinaus gibt es trotz gesteigerter Qualifizierungsangebote für die Praxis immer noch Defizite in der fachlichen Begleitung sowie Fort- und Weiterbildung (ebd.). Spezialisiertes Kinderschutzwissen und Möglichkeiten spezialisierter Beratung sind nicht in ausreichendem Maße verfügbar, Handlungskonzepte zu wenig zugeschnitten auf die Arbeit z.B. in Vernachlässigungsfamilien (ebd.). Kinderschutz ist somit ein Feld kontinuierlicher Qualifizierung und des gemeinsamen Lernens.

In den letzten Jahren haben sich einige Hochschulen (und Universitäten) auf den Weg gemacht und das Thema Kinderschutz im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit, der Erziehungswissenschaften, der frühen Erziehung und Bildung, der Medizin und anderer Disziplinen aufgegriffen. Für das Handlungsfeld der „Sexuelle(n) Gewalt in pädagogischen Kontexten“ gab es bspw. eine Förderlinie mit fünf Juniorprofessor*innen, die ein Basis-Curriculum entwickelten und damit wichtige Impulse für die Lehre lieferten, die aber bislang kaum zum Aufbau einer vertiefenden und flächendeckenden Verortung in der hochschulischen Ausbildung geführt haben (vgl. Waclawik 2018).

Die curriculare Ausgestaltung des Themas Kinderschutz zeigt weiterhin eine große methodische wie thematische Differenzierung. Das Angebot reicht von der klassischen Vorlesung über die Aufnahme in die Modulhandbücher bis hin zu einem eigenen Studiengang an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin(für eine Übersicht aktueller Angebote: Waclawik 2018)7. Inhaltlich finden sich dabei aber immer nur einzelne thematische Ausschnitte: als Thema in Rechtsmodulen, in der fallarbeitsbezogenen Auseinandersetzung oder bspw. in der Frage des Schutzes von Kindern und Jugendlichen in Institutionen. Das Handlungsfeld Kinderschutz als ein gewachsenes, professionell organisiertes, multiprofessionelles Diskurs- und Handlungsfeld wird allerdings meist ebenso fragmentarisch behandelt wie die Spezifika unterschiedlicher Beratungs- und Arbeitsformen, die Anforderungen unterschiedlicher Gewaltdynamiken (bspw. bei Vernachlässigung oder sexueller Gewalt) oder die Frage der Reflexion und Kritik grundlegender Verständnisse von Gewalt an Kindern und Kinderschutz und ihrem gesellschaftshistorischen Wandel (vgl. Heinitz i.E.).

Trotz der steigenden Aufmerksamkeit für das Feld ist es diesen kursorischen Befunden nach bislang nur ansatzweise gelungen, das Thema Kinderschutz systematisch in den grundständigen humanwissenschaftlichen Studiengängen zu verankern und damit angemessene und vergleichbare Berufseinstiegsbedingungen für Nachwuchsfachkräfte zu gestalten. In der Hochschullandschaft wird das Thema nun zunehmend integriert, es bleibt aber oftmals an engagierten Professor*innen, es grundsätzlich curricular zu verankern. Kinderschutz muss allerdings zu einem Thema grundständiger Studiengänge werden, denn auch Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen und Gesundheitsfachkräfte sind wichtige Verantwortungsträger im Kinderschutz. Daher muss das Thema in vielen Studiengängen breit verankert sein. Dort kann die Basis gelegt werden, auf die man dann mit den Erfahrungen der Fallarbeitspraxis rekurrieren kann. Ohne diese Basis aber wird der Start in die Berufspraxis zu einem Sprung in eiskaltes Wasser, denn Kinderschutzprozesse sind vielfältig, voller Überraschungen, aber auch konflikthaft und emotional fordernd.

Aus den bisherigen Erfahrungen der Sommerhochschule Kinderschutz lassen sich kursorisch und als eine grobe Orientierung insbesondere drei professionelle Eckpfeiler herausstellen, die zu einem gelingenden Kinderschutz beitragen (vgl. Heinitz / Schone 2013) und daher im Studium gewürdigt werden sollten:

Dies sind nur einige der Facetten professionellen Kinderschutzes, die bereits im Studium angelegt werden sollten, um die künftigen Aufgaben in diesem wichtigen Handlungsfeld bewältigen und damit Kinder zu schützen und Familien helfen zu können (vgl. weiterführend Biesel / Urban 2018).

Die Sommerhochschule ist ein Ort des Austauschs und des Lernens, und damit ein Weg zwischen Hochschule und Praxis. Sie ist aber auch Anlass und Chance, über eine Vertiefung des Themas in der Hochschulausbildung und der Verknüpfung mit dem Praxiseinstieg nachzudenken. Denn gelingender Kinderschutz braucht vor allem eines: engagierte, kritisch-reflektierte und gut ausgebildete professionelle Fachkräfte!

Die Bestellung einer Printversion der Texte der 4. Sommerhochschule Kinderschutz (PDF, 3,2 MB) ist per E-Mail an die@DontReadMekinderschutz-zentren.org möglich.

Quelle: Die Kinderschutzzentren e.V.

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