Kinder- und Jugendarbeit / Junge Flüchtlinge

Was kann Jugendarbeit für junge Geflüchtete tun?

Eine Gruppe von jungen Menschen ist in der Natur, zwei jugen Männer unterschiedlicher Hautfarbe schlagen freudig ihre Hände aneinander
Bild: rawpixel.com

Das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz gGmbH und die Stiftung Ravensburger Verlag haben einen Vertrag zum Thema „Junge Geflüchtete in den Angeboten der Jugendarbeit“ geschlossen. Ziel ist ein Praxisleitfaden für Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit in Städten und Gemeinden. An drei Standorten – in Stuttgart, Weingarten und im Landkreis Kusel – finden Workshops mit Jugendarbeiter(innen) statt, deren Erfahrungen in die Handreichung einfließen sollen. Das Projekt fußt auf den empirischen Ergebnissen einer von der Stiftung geförderten Pilotstudie der Universität Siegen über „Junge Geflüchtete in der Jugendarbeit“.

64 Prozent aller Asylanträge des Jahres 2017 wurden von unter 25-jährigen Geflüchteten gestellt (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), darunter auch unbegleitete Minderjährige. Sie müssen sich in einem fremden Land mit seinen Werten, sozialen und politischen Regeln zurechtfinden. Zugleich müssen sie die Umstände ihrer Flucht und den Verlust ihrer früheren Lebenswelt mit vertrauten Menschen bewältigen. Außerdem sind junge Geflüchtete genau wie ihre Altersgenossen auf Identitätssuche. Auf diesem Weg zu einem selbstbestimmten Leben kann die institutionelle Offene Jugendarbeit einen besonderen Beitrag leisten. Sie bietet ein Lernfeld, in dem junge Menschen verschiedene Positionen und Lebensmodelle kennen lernen und sich aneignen, Verantwortung übernehmen und Demokratie erleben können. Dies ist eine Herausforderung für die Fachkräfte in der Kinder- und Jugendarbeit.

Offene Kinder- und Jugendarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Wie nutzen Minderjährige und junge Erwachsene mit einer Fluchtgeschichte die Angebote der Offenen Jugendarbeit? Wie nehmen sie diese wahr, und welche Sicht haben (sozial-)pädagogische Fachkräfte auf die Situation der Geflüchteten? Dies waren die Kernfragen einer zweijährigen qualitativen Pilotstudie mit problemzentrierten Interviews in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die ein Team von Erziehungswissenschaftler(innen) der Universität Siegen unter Leitung von Professor Dr. Thomas Coelen und Dr. Jennifer Buchna mit Förderung der Stiftung Ravensburger Verlag untersucht haben.

Geflüchtete wollen keine „Opfer“ sein, sondern „normal“

Ein Ergebnis der systematischen Untersuchung lautet: Jugendliche und junge Erwachsene, die aus Krisengebieten nach Deutschland geflüchtet sind, wollen in Jugendzentren und anderen Angeboten der Jugendarbeit nicht als „Opfer“ in die Kategorie Flucht und nicht als „Die Anderen“ eingeordnet werden. Generell formulieren 16- bis 22-jährige Geflüchtete „normale“ Ansprüche an Jugendhäuser. Sie möchten Freundschaften schließen, Fußball, Basketball oder Billard spielen, Spaß haben und Ablenkung von Langeweile finden, aber auch die deutsche Sprache trainieren und potenzielle Hilfe bei Behördenkontakten finden. Die Fachkräfte hingegen haben nicht selten „kulturalisierende“ Vorstellungen, die sie daran hindern könnten, den Jugendlichen unvoreingenommen zu begegnen.

Workshops in Kusel, Stuttgart, Weingarten

Das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz gemeinnützige GmbH wird bis Ende des Jahres 2019 im Rahmen von Workshops an drei ausgewählten Standorten praxisorientiert und bezogen auf konkrete Strukturen und Erfahrungen der (sozial)pädagogischen Fachkräfte Gelingensfaktoren, Herausforderungen und Hinweise auf geeignete Handlungsstrategien sammeln und diskutieren.

„Dies ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten“, erklärt Stiftungsvorstand Johannes Hauenstein. „Davon profitieren Fachpraxis, Praxisforschung und empirische Wissenschaft gleichermaßen für ihre jeweiligen Aufgaben, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten.“

Praxisleitfaden und Fachtag in 2020

Die Stiftung Ravensburger Verlag fördert das Transferprojekt mit 30.000 Euro. Folgende Standortpartner beteiligen sich: Landkreis Kusel (Rheinland-Pfalz) / Jugendhilfeträger eva – Evangelische Gesellschaft Stuttgart e. V. (Baden-Württemberg) / Stadt Weingarten (Baden-Württemberg).

Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in einen Praxisleitfaden für Fachkräfte der Jugendarbeit und einen Fachtag für Interessierte ein, der am 17. März 2020 in Mainz stattfindet.

Die Ergebnisse des Pilotprojektes der Universität Siegen zu den Sichtweisen der jungen Geflüchteten auf Jugendarbeit sind in folgender Publikation nachzulesen:

Thomas Coelen, Jennifer Buchna, Moritz Schumacher: Möglichkeiten und Verunmöglichungen. Subjektive Raumkonstruktionen von Jugendarbeit durch geflüchtete Besucher/innen. In: Ulrich Deinet (Hrsg.): Herausforderung angenommen. Offene Kinder- und Jugendarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Weinheim (Beltz Juventa) 2019. S. 94-105.

Quelle: Stiftung Ravensburger Verlag vom 15.07.2019

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