Kinder- und Jugendarbeit / Sozialforschung

Vor einem Perspektivenwechsel? Zugänge und Barrieren zum internationalen Jugendaustausch

Junger Mann blickt auf Abflugtafel an Flughafen
Bild: © Sergey Furtaev - Fotolia.com

Auslandserfahrungen sollten eine selbstverständliche Erfahrung für junge Menschen sein. Aber verschiedene Gruppen sind deutlich unterrepräsentiert. Woran das liegt, hat das Forschungsprojekt „Warum nicht? Studie zum Internationalen Jugendaustausch“ in den Jahren 2016 bis 2018 untersucht. Die Ergebnisse der sog. Zugangsstudie wurden nun der Fachöffentlichkeit vorgestellt.

Am 7./8. Juni 2018 fand in Bensberg die Fachkonferenz „Ergebnisse der Zugangsstudie“ statt. Vor über 80 Expertinnen und Experten, die Austausch- und Begegnungsorganisationen, Verbände der Jugendarbeit, Stiftungen sowie Ministerien auf Landes- und Bundesebene repräsentierten, stellte ein Forscherkonsortium die Ergebnisse einer gemeinsam vom Bundesjugendministerium und der Robert Bosch Stiftung finanzierten großen Studie vor, die seit 2016 Zugänge und Barrieren zu internationalen Austauschmaßnahmen untersucht. 

Die vier Forschungspartner präsentierten ihre Einzelstudien und die daraus gemeinsam entwickelten Ergebnisse. Dr. Silke Borgstedt vom SINUS-Institut, Dipl. Psych. Heike Abt vom Institut für Kommunikationsmanagement (IKO) Regensburg, Zijad Naddaf M.A. und Prof. Dr. Andreas Thimmel vom Forschungsschwerpunkt Non-formale Bildung der TH Köln sowie Prof. Dr. Wolfgang Ilg (Projekt Freizeitenevaluation) von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg erläuterten die Forschungsteile und die Ergebnisse des mehrjährigen Forschungsprozesses. Die teilnehmenden Expertinnen und Experten aus der Internationalen Jugendarbeit diskutieren im Anschluss in Gruppen und im Plenum lebhaft die Erkenntnisse, zogen Schlussfolgerungen für die eigene Praxis und gaben Anregungen für künftige Weiterentwicklungen.

Quelle: transfer e.V. | Marian Hirschfeld

Studie zum Internationalen Jugendaustausch

Alle vier verfolgen unterschiedliche methodische Ansätze: Sinus und das Forschungsprojekt Freizeitenevaluation wandten empirisch-quantitative Methoden an, die TH Köln und das IKO-Institut stützten sich auf empirisch-qualitative Methoden. Die repräsentative Studie bezieht sich auf die beiden Altersgruppen der Jugendlichen (14- bis 17-jährige) und der jungen Volljährigen (18- bis 26-jährige). Übergeordnete Fragestellung des Forschungsprojekts „Warum nicht? Studie zum Internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“ waren:

  • Wie hoch ist der Anteil der Jugendlichen tatsächlich, die an internationalen Austauschmaßnahmen teilnehmen,
  • welche Jugendlichen werden vom Angebot nicht erreicht,
  • welche Faktoren beeinflussen ihre Entscheidung und welche Hürden gibt es?

Ziel ist es, darauf aufbauend Handlungsempfehlungen für den Abbau von Mobilitätshemmnissen zu formulieren, um möglichst vielen Jugendlichen den Zugang zu internationalen Austauschmaßnahmen zu ermöglichen.

Aus der Fülle der auf der Tagung präsentierten Ergebnisse kann in diesem Rahmen nur ein Teilausschnitt der wichtigen Erkenntnisse angerissen und vorgestellt werden. Hervorzuheben sind an dieser Stelle vor allem die Sinus-Ergebnisse, die auf Basis einer repräsentativen Befragung von 2.380 Jugendlichen erstmals einen Gesamtüberblick im Sinne der oben genannten Fragestellungen zulassen und eine quantitative Einordnung ermöglichen. Hier sollen einige Ergebnisse schlaglichtartig vorgestellt werden.

Teilnahme am internationalen Jugendaustausch

Sinus fragte die Jugendlichen nach ihrer Teilnahme an und der Bekanntheit von organisierten Auslandsaufenthalten. Im non-formalen Kontext, also weitgehend außerschulisch, sind die verschiedenen Gruppenaustauschformate nur teilweise bekannt. An internationalen Jugendbegegnungen und Workcamps im Ausland haben nur 6% bzw. 2% der Befragten teilgenommen, immerhin gaben aber 49% bzw. 54% der Jugendlichen an, von diesen gehört zu haben. Für 45% bzw. 44% waren also beide Formate unbekannt. Mindestens ein Format im formalen Bereich nutzten 57% der Befragten (worunter die Schulfahrt mit der Klasse ins Ausland den größten Anteil ausmacht), dagegen im Bereich der non-formalen Bildung lediglich 16%.

Über organisierte Auslandsaufenthalte informieren sich Jugendliche am häufigsten über ihr soziales Umfeld (63% geben Freunde und Familie an) und die Schule (60%), aber auch mediale Quellen (außer Internet 52%) und das Internet (43%) spielen noch vor „Verband, Verein, Kirche“ (33%) eine Rolle.

Zielgruppen des internationalen Jugendaustauschs

Bei der Frage nach potenziellen Zielgruppen der Internationalen Jugendarbeit unterscheidet das Institut drei zentrale Zielgruppen:

  1. Austauscherfahrene, die im formalen oder non-formalen Bereich bereits eines der Austauschformate (jenseits von Urlaubserfahrungen) genutzt haben und als potenzielle Gruppe für weitere Aktivitäten von Interesse sind: das sind 26% der befragten Jugendlichen;
     
  2. Jugendliche mit Erfahrung an organisierten Auslandsaufenthalten, die aber an noch keinem Format des internationalen Jugendaustauschs teilgenommen haben und interessiert sind: das sind 41% der befragten Jugendlichen;
     
  3. Auslandsunerfahrene, die jedoch an den Formaten des internationalen Jugendaustauschs interessiert sind: das sind 11% der befragten Jugendlichen.

Die verbliebenen 37% der Jugendlichen zeigen kein Interesse am internationalen Jugendaustausch.

Diese Ergebnisse bedeuten, dass die gängige Annahme, dass sich viele Jugendliche nicht für den internationalen Jugendaustausch interessieren, widerlegt wird. Gut zwei Drittel aller Jugendlichen bilden ein erhebliches Potenzial, das Erfahrungen mit organisierten Auslandsaufenthalten oder ein Interesse daran geäußert haben.

Kaum sozialkulturelle Milieuunterschiede

Als weiterer Aspekt rückt die Milieufrage in die Mittelpunkt der Untersuchung. Das Sinus-Institut arbeitet mit einem Milieu-Konzept, das sieben sozialkulturelle Milieus kennt: a) konservativ-bürgerlich, b) sozialökologisch, c) adaptiv-pragmatisch, d) expeditive, e) experimentell-hedonistisch, f) materialistisch-hedonistisch und g) prekäres Milieu.

Schlüsselt man die drei o.g. Zielgruppen nach der Milieuzusammensetzung auf, so gibt es interessanterweise kaum gravierende und signifikante Unterschiede bei den drei Zielgruppen. Und auch der Blick auf jene 37 Prozent, die gar nicht mitmachen wollen, zeigt, dass diese aus allen Sozialmilieus kommen.

Wie Heike Abt mit der IKO-Studie zeigte, sind die Gründe für das Desinteresse vielfältig und stark biografisch bestimmt. Die IKO-Studie untersuchte die Perspektive der Nicht-Teilnehmenden und wertete über 40 Interviews aus. Für das Desinteresse spielen laut IKO meist mehrere strukturelle und individuelle Gründe eine Rolle. Wichtig: Als Grund kann keine „Benachteiligungssystematik“ aus den Interviews abgeleitet werden (Milieu, Migrationshintergrund, Geschlecht etc.). Die Hinderungsgründe stehen oft in Zusammenhang mit den Programmformaten (auch Kosten), sind fehlende Informationen zu passenden Angeboten, ebenso spielen bei den Unmotivierten Bindungen eine bedeutsame Rolle.

Hindernisse

Wie auf der Webseite  www.zugangsstudie.de bereits zusammenfassend formuliert, bestätigt der Blick auf die Hindernisse, „dass die Anbieter und Förderorganisationen in der Internationalen Jugendarbeit ihre Perspektive wechseln müssen: Weg von der Vorstellung, man müsse Jugendliche für die vorhandenen Formate interessieren, hin zu dem Bemühen, die Angebote und Formate mehr mit den Jugendlichen nach deren Bedarfen und Interessen zu gestalten – ohne dass der hohe Standard in der Zusammenarbeit mit auswärtigen Partnerorganisationen verlorengeht“ und als weiteres Hindernis „wurde das Bild von Internationaler Jugendarbeit als ‚Luxus‘ und die Dominanz von organisatorischen und finanziellen Erfordernissen erkannt, die bewältigt werden müssen, bevor eine Gruppenbegegnung geplant und durchgeführt werden kann. Nicht zuletzt scheitert der Zugang zu internationalen Maßnahmen für viele Jugendliche an der Ressourcenknappheit der Jugendarbeit vor Ort.“

Weitere konkrete Barrieren für eine Teilnahme können aus der Vielzahl der Ergebnisse des Forscherkonsortiums abgeleitet werden: Prof. Andreas Thimmel (Technische Hochschule Köln) verweist etwa in seiner Zusammenfassung auf die Fremdsprachenproblematik: „Die fremde Sprache (Haupt-Befürchtung) stellt sich als kleineres Problem dar als angenommen (41 % hatten dies befürchtet, aber nur 28% erlebt). ABER den Jugendlichen fehlte die Familie deutlich mehr als erwartet (21% hatten das befürchtet, aber 43% haben sie vermisst).“

Welche Konsequenzen sind zu ziehen?

Die Akteure der Internationalen Jugendarbeit werden eine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit dem „Benachteiligtendiskurs“ führen müssen. Das zeigte auch die lebhafte Diskussion in Bensberg. Es kann nicht mehr nur danach gefragt werden, warum sozial- und bildungsbenachteiligte junge Menschen nicht an Internationaler Jugendarbeit teilnehmen (wollen). Vielmehr muss danach fragen, wie es gelingen kann, allen jungen Menschen unabhängig von ihren sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen, ihrem Bildungshintergrund oder ihrer Herkunft Zugänge zu Internationaler Jugendarbeit zu eröffnen.

Des Weiteren wird auch über die Rolle und Bedeutung von Jugendarbeit zu sprechen sein. Ob es sich dann um die Entwicklung neuer Formate handelt, damit Angebote besser an die Lebenswelten Jugendlicher andocken, oder um die Frage, wie Jugendarbeit gestärkt werden kann - die Debatte kann nun wesentlich differenzierter und mit einer neuen Qualität geführt werden. Die Diskussion darüber dürfte mit dieser Fachkonferenz gerade begonnen haben.

Was allerdings unabhängig davon erhalten bleibt ist das Thema der Finanzierung. Denn ohne eine deutliche Erhöhung der Mittel werden aller Diskussionen, Anstrengungen und Projekte zum Trotz weiterhin nur ein kleiner Teil der Jugendlichen in den Genuss einer pädagogisch begleiteten internationalen Erfahrung kommen.

Ausführliche Informationen zum Projekt mit Hintergrundinformationen und Ergebnissen aus den Teilprojekten stehen online zur Verfügung:  www.zugangsstudie.de

Weitere Informationen aus der Forschung zur Internationalen Jugendarbeit finden sich in der Forschungsdatenbank von IJAB und dem Forscher-Praktiker-Dialog Internationale Jugendarbeit. 

Quelle: IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Dr. Dirk Hänisch, Claudia Mierzowski

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