Kinder- und Jugendarbeit / Kinder- und Jugendschutz

Pflegende Kinder: Zum Lernen fehlt ihnen die Zeit

Zebrastreifen mit Schatten
Bild: © Renáta Sedmáková - fotolia.com

In Deutschland pflegen etwa 225.000 Kinder und Jugendliche einen oder beide Elternteile. Sie helfen im Haushalt, kümmern sich um Geschwister oder pflegen den betroffen Elternteil direkt – häufig ohne Hilfe von außen. Die Belastung zeigt sich in schlechten Schulnoten und manchmal auch in einem frühzeitigen Schulabbruch.

Nach der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf gleiche Chancen im Bildungssys-tem. Um auf dieses Recht aufmerksam zu machen, ist der diesjährige Weltkindertag dem Motto „Chancen für Kinder“ gewidmet. Auch pflegenden Kindern und Jugendlichen muss in Deutschland eine Chance auf Bildung ermöglicht werden. Denn betroffene Kinder und Jugendliche leiden häufig an Erschöpfung, Schlafmangel und Schlafstörungen. Die daraus resultierende Müdigkeit führt dazu, dass sie sich in der Schule nur schwer konzentrieren können. Schlechte Schulnoten und ein frühzeitiger Schulabbruch sind nicht selten die Folge.

Viel Zeit für die Pflege

Pflegende Kinder, auch Young Carers genannt, haben zudem kaum Zeit für ihr Privatleben, vernachlässigen soziale Kontakte und andere Freizeitaktivitäten. Die Forschungseinrichtung „Young Carers Research Group“ der Loughborough University in England hat belegt, dass jeweils zwei Prozent der Young Carers mehr als vierzig oder sogar mehr als fünfzig Stunden die Woche für pflegerische Tätigkeiten aufwenden. Ein Drittel der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist in der Woche zwischen sechs bis zehn Stunden, ein weiteres Drittel zwischen elf bis zwanzig Stunden unterstützend tätig. Weitere vierzehn Prozent sind wöchentlich zwanzig bis vierzig Stunden mit der Pflege eines Elternteils beschäftigt. Die Zeit, die für die Pflege aufgewendet wird, steigt mit dem Alter der Young Carers.

Wenig Zeit für die Schule

Das Deutsche Kinderhilfswerk und UNICEF Deutschland beobachten, dass der Leistungsdruck auf Schülerinnen und Schüler hierzulande steigt. Die hochgesteckten Lernziele zu erreichen, ist für viele oft nur mit Hilfe der Eltern und bezahltem Nachhilfeunterricht möglich. Diese Entwicklung benachteiligt Schüler mit Lernschwierigkeiten, Kinder aus bildungsfernen oder sozial schlechter gestellten Haushalten – und Young Carers. UNICEF und Deutsches Kinderhilfswerk weisen darauf hin, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland im Schnitt mehr als 38,5 Stunden pro Woche in oder für die Schule arbeiten. Mit zunehmendem Alter wird die Arbeitsbelastung mehr, in den Jahrgängen der 9. bis 13. Klasse steigt das Stundenkontingent auf bis zu 45 Stunden. Im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Young Carers Research Group wird deutlich, dass es für pflegende Kinder und Jugendliche fast unmöglich ist, die schulischen Leistungsansprüche zu erfüllen.

Fachtagung „Wenn Kinder pflegen…“

Um Politik, Wissenschaft, aber hauptsächlich die Praxis der Sozialen Arbeit und der Pflege auf die bisher kaum beachtete Gruppe der pflegenden Kinder und ihrer Eltern aufmerksam zu machen, veranstaltet das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. die Fachtagung „Wenn Kinder pflegen“ am 7. November 2013 in Frankfurt am Main. Die Fachtagung wirft einen Blick auf den aktuellen Forschungsstand. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie es dazu kommt, dass Kinder pflegerische Tätigkeiten übernehmen, welche Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten sind und welche Unterstützungsangebote betroffene Familien brauchen. Außerdem werden Praxisprojekte präsentiert, die sich auf die besonderen Bedürfnisse von pflegenden Kindern und betroffenen Familien spezialisiert haben.

Weitere Informationen zur Fachtagung finden sich unter: www.iss-ffm.de/?id=650

INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0