Kinder- und Jugendarbeit / Nachhaltigkeit

Perspektiven global erweitern: Die Zuversicht, die Welt verändern zu können

Eine Jugendlicher im Kapuzenpullover springt vor einer Wand mit einem Graffiti hoch.
Bild: © ra2 studio - fotolia.com

Jugendarbeit hat in Deutschland Strukturen, auf die man stolz ist. Doch Strukturen können auch trennen, denn sie sind an unterschiedliche Bildungsziele, Zielgruppen und fördernde Institutionen gebunden. Was ist es, wenn junge Menschen aus Deutschland mit Altersgenossen in Benin ein Theaterstück entwickeln, das sich mit nachhaltigen Entwicklungszielen beschäftigt? Kulturelle Bildung, entwicklungspolitische Bildung oder Internationale Jugendarbeit? Eine Tagung in Köln machte sich für Gemeinsamkeiten stark.

Seit 2017 haben Mitglieder der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) mit Partnern in Südafrika, Tansania, Benin und weiteren Ländern des Globalen Südens im Rahmen einer strategischen Partnerschaft von BKJ und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Kulturprojekte durchgeführt. Jugendbegegnungen mit Tanz, Theater, Musik, Film und Zirkus sind dabei entstanden – immer angelehnt an eins der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Die 2016 vom BMZ geschaffene und von Engagement Global gGmbH – Service für Entwicklungsinitiativen umgesetzte Förderlinie weltwärts Begegnungen ermöglicht den außerschulischen entwicklungspolitischen Austausch von Gruppen und ergänzt so die individuellen Freiwilligendienste des weltwärts-Programms.

Durch die Zusammenarbeit mit der BKJ sollen Jugendgruppen der kulturellen Bildung gezielt fördern werden, um dadurch Zielgruppen zu erreichen, die bisher nicht oder nur wenig Berührung mit entwicklungspolitischen Themen hatten. Während einer Tagung im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum haben sich BKJ und IJAB am 30. und 31. Oktober unter dem Titel „Perspektiven global erweitern“ die Frage gestellt wie durch Bildungsangebote ein gesellschaftliches Bewusstsein für globale Herausforderungen wie Umwelt- und Klimaschutz, gerechtere Lebensbedingungen, weniger Armut und besserer Zugang zu Bildung gefördert werden kann. Wie können die drei Bereiche Internationale Jugendarbeit, entwicklungspolitische Bildungsarbeit und Kulturelle Bildung dabei zusammenwirken?

Bild: Christian Herrmann (CC-BY)

Nachdenken über Ungleichheit

Es sind die Strukturen, die schnell in den Mittelpunkt der Diskussion rücken. Bei der BKJ wurde eine Servicestelle eingerichtet, die Akteuregder kulturellen Bildung zur Antragstellung für weltwärts Begegnungen bei Engagement Global berät. Die anwesenden Projektpartner werden nicht müde, diese Unterstützung zu loben. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Anträge können nur deutsche Organisationen stellen und sie müssen auch die Mittel ihrer Partner aus dem Globalen Süden abrechnen. „Wir zwingen unseren Partnern ein deutsches Verwendungsrecht auf, das sie in ihren ehrenamtlichen Strukturen kaum bewältigen können“, klagt eine deutsche Teilnehmerin. Die Folge ist eine strukturelle Ungleichheit, die immer wieder bewusst gemacht werden muss. Alternativen gibt es – aber eben nur hypothetisch. Gäbe es bilaterale Abkommen, die eine Finanzierung der Projektpartner durch beide Regierungen der beteiligten Länder vorsehen, könnte die oft beschworene „Augenhöhe“ hergestellt werden. Von solchen Vereinbarungen ist man jedoch meilenweit entfernt.

Ein weiteres strukturelles Hindernis stellt die Visavergabepraxis deutscher Botschaften und Konsulate dar. Rückbegegnungen in Deutschland scheitern immer wieder an nicht erteilten Visa. Begegnung ist einerseits politisch gewünscht und wird zugleich behindert. „Die Visavergabepraxis hat sich seit 2015 verschlechtert“, sagt Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB, in einer Podiumsdiskussion.

Das Unsichtbare sehen lernen

Es ist die Schönheit der Projekte und die künstlerische Kraft ihrer Akteure, die den Charme der Konferenz ausmachen. In Workshops kann man erfahren, wie in Tunis ein Garten entstand, in Tansania ein Zirkusprojekt auf die Beine gestellt wurde, in Ghana ein Theaterstück entwickelt wurde. Auf der Bühne gibt es „Spoken Word“ und Musik zum Mitsingen. „Ich habe gelernt, Dinge zu sehen, für die ich vorher blind war“, sagt ein junger Mann, über seine Austauscherfahrung. „Wir brauchen die Zuversicht junger Menschen, die Welt verändern zu können“, meint Rolf Witte, Leiter für Internationales bei der BKJ.

Es mangelt aber auch nicht am analytischen Blick. „Was bewegt junge Menschen in Südafrika?“, fragt Yvette Hardie, Direktorin von ASSITEJ Südafrika – einer internationalen Vereinigung von Kinder- und Jugendtheatern –, und gibt eine eindrucksvolle Antwort auf diese Frage. Es sind zunächst die Dinge, die vielen als Erstes in den Sinn kommen, wenn es um den globalen Süden geht: Armut, Jugendarbeitslosigkeit, geringe Perspektiven. Hardie bricht dieses Klischee jedoch sofort. Von Südafrika bis Hongkong beobachtet sie vorwiegend von Jugendlichen getragene Proteste. Für den Globalen Süden besonders wichtig: Es geht um den Zugang zu Bildung. Das betrifft das Schulsystem mit seinen oft ausgrenzenden Strukturen. Es betrifft aber auch den außerschulischen Sektor mit seinen vielen NGOs und lokalen Initiativen. Hier sieht Hardie ein weites Lernfeld, das es jungen Menschen ermöglicht, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und an Projekten teilzuhaben, die es ihnen ermöglichen, das Lernen zu lernen – selbstbestimmt und entlang ihrer eigenen Vorstellungen und Wünsche. Es ist wohl vor allem dies, was junge Menschen in Jugendaustauschprojekten eint – egal wo ihre Heimat ist.

Was sind die Perspektiven nach zwei Jahren Projektarbeit? Die Teilnehmenden sind sich einig, dass Partnerschaften dann Erfolg versprechen, wenn sie langfristig angelegt sind. „Vertrauen braucht Zeit“, betonen sie immer wieder und meinen damit auch die unterschiedlichen Bedingungen unter denen Vereine und NGOs in Deutschland und dem Globalen Süden arbeiten. Die Förderer sind wohl bereit, ihnen diese Zeit zu geben.

Weitere Informationen zur Veranstaltung stehen auch bei der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) e.V. zur Verfügung.

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.,Christian Herrmann 

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