Kinder- und Jugendarbeit / Kinder- und Jugendpolitik

Netzwerktag Nordafrika: Der Austausch soll inhaltlich an Tiefe gewinnen

IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber in einer Diskussionsrunde mit Teilnehmenden des Netzwerktages.
Bild: © Christian Herrmann   Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0

Die Aktiven im Jugendaustausch zwischen Deutschland, Tunesien, Marokko und Ägypten wollen eine engere Vernetzung und mehr Austausch über ihre Arbeit – auch auf nationaler Ebene. Das war eine der zentralen Erkenntnisse der Konferenz „Dialogue Me To Network“ 2017 in Tunis. Am 8. November 2018 traf sich ein Kreis von Aktiven in Königswinter, um an diesen Themen weiter zu arbeiten.

Wie können die Träger der internationalen Jugendarbeit in Deutschland und Nordafrika zusammengebracht werden und wie können die bestehenden Beziehungen ausgebaut und unterstützt werden? Das waren Fragen, als IJAB sich 2011 daran machte die jugendpolitischen Beziehungen mit Nordafrika neu zu beleben. Seitdem konnte mit zivilgesellschaftlichen Organisationen aus Marokko, Tunesien und Ägypten ein tragfähiges Netzwerk für den Jugend- und Fachkräfteaustausch gebildet werden. Ein Schlüsselfaktor dabei: 2012 stieg das Auswärtige Amt in die Förderung des Jugendaustauschs zwischen Deutschland und Nordafrika ein und stellte Mittel aus den „Transformationspartnerschaften“ zur Verfügung.

Seither ist vieles in Bewegung gekommen. Der Jugend- und Fachkräfteaustausch hat signifikant zugenommen, Partner auf beiden Seiten des Mittelmeeres konnten langfristige Bindungen entwickeln. 2015 lud IJAB erstmals wichtige Akteure aus allen beteiligten Ländern zu einer Netzwerktagung nach Bonn ein, 2017 folgte eine weitere Tagung in Tunis. Ein wichtiges Element dabei: Die Akteure müssen über ihre Erfahrungen miteinander sprechen können und Empfehlungen für die zukünftige Förderung formulieren können. Eine weitere Schlussfolgerung: Die Träger wollen auch die nationale Vernetzung stärken, um miteinander in Kontakt zu bleiben, Erfahrungen austauschen und die eigene Arbeit weiterzuentwickeln.

Was machen die nordafrikanischen Partner im Jugendaustausch?

IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber und IJAB-Referentin Christiane Reinholz-Asolli erinnerten während ihrer Begrüßung der etwa 30 Trägervertreter/-innen an diese Entwicklungsgeschichte des deutsch-nordafrikanischen Austauschs in den vergangenen Jahren. Anwesend waren als Gäste auch die Partner von IJAB aus Tunesien und Ägypten. Sami Essid vom Club Culturel Ali Belhouane konnte von Fortschritten bei der Akzeptanz Internationaler Jugendarbeit in Tunesien berichten. Die Konferenz zum Jugendaustausch 2017 habe bei den politischen Entscheidungsträgern in Tunesien Wirkung gezeigt und das Standing der zivilgesellschaftlichen Akteure verbessert. Jugendaustausch werde nun als wichtiges Mittel zur aktiven Beteiligung der Jugend betrachtet. In den internationalen Aktivitäten seiner eigenen Organisation sieht Essid vor allem Schwerpunkte bei Active Citizenship und dem Entgegenwirken gegen Radikalisierung.

Die Entsprechungen zum Netzwerktag in Königswinter haben in Tunesien und Marokko noch nicht stattgefunden, in Ägypten hingegen bereits im Oktober. Ahmed Hassan berichtete von dieser nationalen Konferenz, die – wie die Konferenz in Tunis 2017 – unter dem Titel Dialogue Me To Network stattfand. Hassan möchte diesen Titel zu einer eigenständigen Marke ausbauen. Themen in Kairo waren unter anderem Corporate Social Responsibility, Empowerment von Frauen und Civic Education. Hassan setzt Hoffnungen in die geplante Lockerung des ägyptischen NGO-Gesetzes. Andere Teilnehmende vermochten diese Erwartung nicht zu teilen und sehen eher schrumpfende zivilgesellschaftliche Gestaltungsräume.

Mehr Kooperation der Netzwerke

Ein Novum in der Runde der Teilnehmenden war die Präsenz weiterer deutsch-nordafrikanischer Netzwerke. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat über Jahre erfolgreich das Netzwerk NACE - Networking Arab Civic Education - aufgebaut. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit führt in Kooperation mit dem ägyptischen Jugendministerium ein Projekt gegen sexuelle Belästigung durch. Das Goethe-Institut in Kairo arbeitet mit einer Vielzahl von Partnern in der Region zusammen und bietet in Kooperation mit Youth for Understanding Germany unter anderem Stipendienprogramme an. Das Deutsch-Französische Jugendwerk pflegt bereits seit langem Austauschprojekte mit den Magreb-Staaten. Alle Netzwerke haben ihren eigenen Fokus, aber sie haben auch eine Gemeinsamkeit: Am Ende geht es um junge Menschen und ihre Zukunft. Dafür ist es gut, zu wissen, was der jeweils andere tut, Gemeinsamkeiten auszuloten und gegebenenfalls auch gemeinsam aktiv zu werden.

Was sind Erfolgsfaktoren für gelungene Austausche und was sind die Herausforderungen? Welche Wünsche gibt es für die Zukunft? Im Plenum und in Arbeitsgruppen wurde an diesen Fragen gearbeitet. Nicht alle Antworten sind spezifisch für den Austausch mit Nordafrika. So leiden viele Träger unter der Visa-Vergabepraxis deutscher Konsulate und Botschaften, der mangelnden Bekanntheit ihrer Angebote oder der geringen Akzeptanz non-formaler Bildungsangebote.

Ungleichheit bewusst machen

Immer wieder wurde der Austausch „auf  Augenhöhe“ beschworen, der im beschriebenen Kontext nicht selbstverständlich ist. Die Finanzierung für den deutsch-nordafrikanischen Austausch kommt zu einem großen Teil aus Deutschland und schafft damit ein Ungleichgewicht zwischen den Trägern. Und während die deutschen Träger auf Strukturen und Organisationen mit Hauptamtlichen zurückgreifen können, sind es in Nordafrika häufig Ehrenamtler/-innen, die die Aktivität aufrechterhalten. „Wir müssen uns Ungleichheit immer wieder von neuem bewusst machen“, forderte eine Teilnehmerin. Eine wichtige Voraussetzung sei, langfristige Partnerschaften aufzubauen. Nur dann sei man in der Lage, den Partner zu verstehen und Vertrauen aufzubauen.

Das Thema Ungleichheit möchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der nächsten gemeinsamen Konferenz im kommenden Jahr in Marokko diskutiert sehen. „Ich habe noch mehr Themen herausgehört“, sagte Christiane Reinholz-Asolli zum Abschluss. Dazu gehören unter anderem die gemeinsamen Interessen im Bereich Umwelt und Natur, Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyarbeit um Projekte und ihren Nutzen bekannter zu machen, Radikalisierung und Extremismus, digitale Tools für den Austausch, die Anstrengungen in allen beteiligten Ländern, Jugendpolitik weiterzuentwickeln sowie das Thema Sprache – „meinen wir eigentlich dasselbe, wenn wir einen bestimmten Begriff benutzen?“, hatte ein Teilnehmer gefragt. Damit ist die Themenfindung für Marokko 2019 natürlich noch nicht abgeschlossen, denn auch die Bedürfnisse und Themenschwerpunkte der nordafrikanischen Partner werden hier einfließen. Die bisherige Diskussion lässt aber hoffen: Die von allen gewünschte inhaltliche Vertiefung des Austauschs könnte vorankommen.

Weitere informationen zum Austausch mit Nordafrika finden sich bei IJAB: www.ijab.de/nordafrika. Zur Konferenz „Dialogue Me To Network“ steht eine umfangreiche Dokumentation zur Verfügung. 

Quelle: IJAB Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Christian Herrmann  

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