Position

Miteinander vielfältig sein!

Bunter Schriftzug „Miteinander vielfältig sein“
Bild: AGOT NRW

Die Arbeitsgemeinschaft Offene Türen Nordrhein-Westfalen e. V. (AGOT NRW) blickt auf fünf erfolgreiche Jahre im Projekt „Vielfalt – wir leben sie!“ zurück. Die Begriffe „Integration“ und „Inklusion“ sieht sie in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als teilweise problembesetzt an. In einer Position präsentiert die Arbeitsgemeinschaft nun den Ansatz der „Desintegration“ als Weiterentwicklung einer diversitätsreflektierten Offenen Kinder-und Jugendarbeit.

Die Arbeitsgemeinschaft Offene Türen Nordrhein-Westfalen e. V. (AGOT NRW) hat in den Jahren 2016 bis 2020 das Rahmenprojekt „Vielfalt – wir leben sie!“ (vormals Feuerwehrtopf) durchgeführt. In diesen fünf Jahren erreichte sie rund 60.000 Kinder und Jugendliche in 702 Einzelprojekten. In den dazugehörigen Projektdokumentationen wird die Entwicklung vom „niederschwelligen Projekt mit dem Charakter der Willkommenskultur“ zum „nachhaltigen inklusiven Projekt“ mit gesellschaftspolitischer Bedeutung – über die Offene Kinder- und Jugendarbeit hinaus – deutlich. Gleichberechtigte Teilhabe und ein „Miteinander vielfältig sein“ begreift AGOT NRW als elementare Grundhaltung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Eine Grundhaltung, die über ein integratives Verständnis hinaus geht…

Integration als paradoxer Begriff – warum wir eine Begriffsklärung benötigen

Der Begriff der „Integration“ wird zumeist im Zusammenhang von Menschen im Kontext von Flucht und Migration verwendet. Es ist insbesondere ein politisch-ideologisches Verständnis von Integration, das Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften in den Fokus rückt und damit eine Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Sie“ evoziert. Auch die Anerkennung von Vielfalt im Sinne von Integration erfolgt nach der Logik der Zuschreibungen durch die Mehrheitsgesellschaft: diese definiert, wann eine Anpassung in ihrem Sinne vollzogen und damit ein Integrationsprozess erfolgreich verlaufen ist. Der Integrationsprozess ist daher immer auch mit Erwartungshaltungen verbunden. Damit bestätigt sich die Annahme, dass Kinder- und Jugendliche sich in ein bereits bestehendes System integrieren sollen. Zuschreibungen und Prozesse des Othering hingegen wirken unserer Vorstellung eines „Miteinander vielfältig seins“ entgegen. Othering verdeutlicht sich durch die Abgrenzung „Wir“ und die (vermeintlich) „Anderen“. Es bedeutet, jemanden als „anders“ abzugrenzen und zum/zur Anderen zu machen. Das, was vor dieser Perspektive als „normal“ und „Normalität“ erachtet wird, wird aufgewertet. Othering birgt in diesem Sinne die Gefahr der Ausgrenzung und der Reproduktion von Vorurteilen.

Entsprechend wurde sich immer weiter von dem skizzierten Integrationsverständnis distanziert und in der stetigen Weiterentwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit erhielt der Begriff der „Inklusion“ verstärkt Einzug, mit dem Anspruch an ein gemeinsames System mit Kindern und Jugendlichen, ohne Ausgrenzung und Stigmatisierung: Alle Kinder und Jugendlichen werden von Beginn an miteinbezogen, Inklusion verstanden als eine selbstverständliche Zugehörigkeit.
Doch auch der Begriff der „Inklusion“ erscheint in diesem Kontext unzureichend, denn von „Inklusion“ wird in der Fachwelt der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, aber auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen gesprochen, wenn Menschen mit Behinderungen adressiert werden.

Im Zuge einer fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung des Arbeitskreises Vielfalt der AGOT NRW wurde deutlich, dass mit dem Begriff der Desintegration, wie durch den Politikwissenschaftler Max Czollek dargelegt, die Ziele, aber auch die Herausforderungen einer vielfältigen Offenen Kinderund Jugendarbeit eröffnet werden können. Desintegration nach Czollek richtet sich nicht direkt an die Fachwelt der Sozialen Arbeit oder der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, gibt aber eine Idee davon, was es heißt, in einer Gesellschaft gemeinsam verschieden zu sein. Das bedeutet in der Praxis der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, jeden Menschen mit seinen Fähigkeiten in den Mittelpunkt zu rücken und zu empowern.

Desintegration in der fachwissenschaftlichen Debatte als Auftrag für die Offene Kinder- und Jugendarbeit formulieren

Desintegration umfasst die Vorstellung eines gesellschaftlichen Miteinanders, das von jeher im Sinne der Vielfalt gedacht wird. Dies bedeutet, wie auch schon lange im Sinne einer rassismuskritischen Praxis gefordert, eine Offenlegung von Verhältnissen statt lediglich der Beschreibung von Zielgruppen. (vgl.: Czollek, Max: „Desintegriert euch!“, btb, München 2020). Es gilt für uns in diesem Zusammenhang auch, die eigene Haltung und Positionierung kritisch zu hinterfragen. Nur mit der Reflexion der eigenen Situiertheit wird „Miteinander vielfältig sein“ lebbar.
Wir verstehen Desintegration als ein „Miteinander vielfältig sein“, als einen Raum der Anerkennung, der Flexibilität und der Weiterentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in dessen Mittelpunkt die Selbstwirksamkeit steht. 

Für die Praxis der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bedeutet dies unter anderem:

  • Desintegration will Sicherheit für Alle und nicht nur für Manche.
  • Desintegration bedeutet, dass Alle mitgedacht werden und nicht nur Manche.
  • Desintegration bedeutet, dass Alle mitsprechen können und nicht nur Manche.
  • Desintegration zielt auf eine Gesellschaftspolitik für Alle und nicht nur für Manche.

Weitere Thesen und Ausführungen stellt die AGOT NRW in einem Onlinedokument vor.

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