Kinder- und Jugendarbeit / Inklusion

Kunterbuntes Juppi-Programm im Mülheimer Stadtgarten – ein Angebot für alle

Kinder und ihre Familien spielen im Mühlheimer Stadtgarten
Bild: © Bernadette Vivier Kinder und ihre Familien spielen im Mühlheimer Stadtgarten.

Alljährlich öffnet das Spielmobil Juppi die Türen im Mülheimer Stadtgarten und bietet damit ein inklusives Angebot für Familien mit Kindern im Veedel. Bernadette Vivier, Studierende an der FH Köln, hat das Juppi-Programm besucht und sieht darin ein besonders gelungenes Beispiel für Inklusion.

Es ist Hochsommer in Köln und die Temperaturen liegen um die 26 Grad Celsius. Die Hitze staut sich in den Straßen und die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem der überfüllten Freibäder von Köln stellt mit Kindern eine Herausforderung dar, die viele Familien nicht auf sich nehmen können und wollen. Der Kölner Stadtteil Mülheim ist geprägt von großen Mehrfamilienhäusern und nur die Wenigsten haben das Glück, einen Garten nutzen zu können. Zudem sind Freizeitangebote für kinderreiche Familien oft relativ kostspielig. Beispielsweise kostet allein der Eintritt in ein Freibad für eine 5-köpfige Familie 38,70 Euro, dazu kommen meist noch Eis und Anderes. Selbst Familien die zu den besser verdienenden gehören, werden sich eine solche Aktivität nicht jeden Tag leisten können oder wollen.

Freizeitangebote - kostenfrei und ohne Anmeldung

Der Mülheimer Stadtgarten bietet eine gute Alternative, doch auch hier wollen Kinder unterhalten werden. Spielangebote werden von überhitzten Eltern in den Park geschleppt und eine Abkühlung in Form von Wasser ist nur mit enormen Aufwand zu bieten. Viele Freunde haben die stickige Großstadt hinter sich gelassen und die in Köln gebliebenen Kinder vermissen schmerzlich ihre Spielpartner. Im Bewusstsein um diese Problematik bietet die Abteilung Kinderinteressen und Jugendförderung des Amtes für Kinder, Jugend und Familie ein Angebot für Kinder und ihre Familien in verschieden Stadtteilen an, die zu dem "sozialen Brennpunkten" von Köln gezählt werden.

Vom 21. Juli bis zum 1. August bietet die Stadt Köln in Kooperation mit der Spielewerkstatt Köln e.V. in diesem Sommer mobile Spielangebote im Mülheimer Stadtgarten an. Täglich, außer an den Wochenenden, sind von 13 bis 18 Uhr sieben ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort, die mit vielen Ideen und Material zum Spielen einladen. Das Angebot ist kostenfrei und ohne Anmeldung. Jedes Kind darf mitmachen.

Spielparadies für Kinder

Und plötzlich ist alles anders – Der Mülheimer Stadtgarten verwandelt sich in ein großes Spielparadies. Im Schatten der alten Bäume tummeln sich Kinder mit ihren Familien. Diverse Planschbecken versprechen Abkühlung für die kleineren Kinder, eine lange Wasserrutschfläche mit Schlauch lädt die größeren zu wilden Rutschpartien über die Wiese ein. Organisierte und betreute Bewegungsspiele wie Brennball, Fußball und Schatzsuchen mit Bewegungsparcours werden jeden Nachmittag angeboten.


Der Mülheimer Stadtgarten wird zur großen Spielwiese
Bild: © Bernadette Vivier

Täglich locken neue Attraktionen, wie eine Hüpfburg oder eine Hüpfschlange. Wer sich bei dem warmen Wetter lieber ruhiger beschäftigt, kann eines der vielen Kreativangebote wahrnehmen. Im Schatten stehen Staffeleien und Farben für die Kinder bereit, es gibt Bastelangebote und auf bequemen Matten wird Kindern vorgelesen. Die Eltern können auf Decken und Kissen unter den Bäumen entspannen oder gemeinsam mit ihren Kindern die Angebote entdecken.

Beliebtes Programm seit über 16 Jahren

"Wie Sie sehen, wird das Angebot unglaublich gut angenommen", erzählt eine Mitarbeiterin der Kölner Spielewerkstatt. Je nach Wetterlage kommen täglich bis zu 80 Kinder mit ihren Familien und nehmen an den Angeboten teil. Es findet hier eine bunte Mischung an Kindern zusammen und darüber kommen auch die Eltern miteinander ins Gespräch. "Unser Angebot hier im Mülheimer Stadtgarten gibt es nun schon seit über 16 Jahren und selbst an Regentagen finden immer Kinder zu uns." Die Frage, ob sie eine spezielle Zielgruppe für ihr Angebot habe, verneint sie. "Das Angebot ist für alle Kinder hier im Stadtteil."

Erfolgreiches Programm - aus gutem Grund

Die ausgesprochen gute Nutzung des Angebotes lässt sich auf verschiedene Gründe zurückführen.

  • Der Mülheimer Stadtgarten ist zentral im Stadtteil gelegen und die meisten Familien nutzen ihn ohnehin regelmäßig. Es müssen somit keine weiteren Wege auf sich genommen werden und auch Familien, die sich in Köln nicht gut auskennen finden den Park und das Angebot ohne Weiteres.
  • Zudem ist der gesamte Park für Rollstuhlfahrer barrierefrei zugänglich und ein Teil der Mitarbeiter hat Schulungen erhalten, um die Angebote auch für Kinder mit Behinderungen attraktiv zu gestalten. Das gesamte Programm ist kostenfrei und bietet so tatsächlich allen Menschen die Möglichkeit teilzunehmen.
  • Auch dass keine Anmeldung für das Angebot nötig ist, trägt einiges zu seiner Attraktivität bei. Dies spricht zum einen die Menschen an, die ihre Tage eher spontan planen wollen oder müssen. Aber auch die, die Hemmungen verspüren sich namentlich in Anmeldelisten einzutragen – sei es weil sie der Sprache oder des Schreibens nicht mächtig sind oder weil ihr Aufenthaltsstatus evtl. nicht geklärt ist.
  • Besonders wertvoll ist aber die Freundlichkeit, mit der die Mitarbeiter allen Kindern und Eltern begegnen. Allen Menschen wird das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Kinder und Eltern werden freundlich angesprochen und zum Mitmachen aufgefordert. Jedem Beobachter wird deutlich, dass die Arbeit den Veranstaltern Spaß macht.

Die befragten Familien äußern sich durchweg positiv zu dem Angebot. Viele können es kaum glauben, dass ihre Kinder einfach so teilnehmen können. Immer wieder kommen Fragen nach dem Preis und wo sich die Kinder anmelden können. "Ich finde es einfach herrlich, hier im Schatten zu liegen und den Kindern beim Spielen zuzuschauen", sagt mir eine Mutter und streicht sich über ihren hochschwangeren Bauch. Die Frage, ob sie sich denn schon vor diesem Angebot kannten, verneint eine Gruppe von Eltern, die um ein Planschbecken stehen und sich unterhalten. "Man kommt halt ins Gespräch, wenn die Kinder miteinander Spielen..."


Im Schatten der Bäume können Kinder kreativen Arbeiten nachgehen
Bild: © Bernadette Vivier

Forderung nach inklusiven Angeboten

Inklusion ist zurzeit in aller Munde und nicht nur Institutionen sollen inklusiv gestaltet werden, sondern auch Stadtteile und Kommunen sollen inklusiver werden. Viele Menschen sind von den Werten und Ideen dieser gesamtgesellschaftlichen Bewegung überzeugt, doch geht es an die Umsetzung, macht sich oft Ratlosigkeit breit. Und so verstecken sich hinter vielen inklusiv ausgeschriebenen Angeboten für Kinder weiterhin alte Strukturen. Oft wird versucht eine spezielle Gruppe – meist Kinder mit Behinderung – in eine bestehende Gruppe zu integrieren, anstatt das Angebot für alle zugänglich zu machen. Kritische Stimmen sagen oft, dass es nicht möglich ist, ein Angebot für alle Menschen zugänglich zu machen. Das, wenn überhaupt, dafür große Veränderungen und noch mehr Geld benötigt würde.

Best Practice im Mühlheimer Stadtgarten

Hier wurde jedoch ein alt bewehrtes Angebot gefunden, das inklusiver kaum sein könnte. Dabei ist es weder inklusiv ausgeschrieben, noch ausgestattet mit zusätzlichen Geldern. Und vielleicht ist dieses  Angebot gerade weil es nicht das Aushängeschild „inklusiv“ vor sich herträgt, besonders inklusiv. Hier wird  keiner ausgegrenzt oder zu etwas besonderem gemacht, sondern das gemeinsame Miteinander wird einfach gelebt. Ein Angebot, dass über so viele Jahre eine große Besucherzahl lockt und alle Beteiligten so ausgesprochen zufrieden stellt, spricht für sich.

Um eine inklusive Gesellschaft zu werden, braucht es sicherlich in vielen Bereichen Veränderungen und auch Gelder. Dies muss jedoch nicht immer bedeuten, alles anders und somit vermeintlich besser als bisher zu machen, sondern vielmehr bereits erprobte inklusive Strukturen zu erkennen und daraus für die Zukunft zu lernen.

Bernadette Vivier ist Studierende des 6. Semesters Pädagogik der Kindheit und Familienbildung an der Fachhochschule Köln

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Köln im Studiengang Pädagogik der Kindheit und Familienbildung entstanden.

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