Kinder- und Jugendarbeit / Junge Flüchtlinge

Jugendarbeit und Flucht: Pädagog(inn)en sehen junge Geflüchtete in Jugendtreffs als „die Anderen“

Eine Gruppe lachender Jugendlicher unterschiedlicher Herkunft steht als Team zusammen und hält die Hände übereinanden
Bild: © Daniel Ernst - fotolia.com

(Sozial-)Pädagogische Fachkräfte in Jugendzentren und sonstigen Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit begegnen Geflüchteten häufig „kulturalisierend“ und voreingenommen. Sie grenzen sie damit als „die Anderen“ ab. Die jungen Geflüchteten ihrerseits suchen in den Jugendtreffs nichts anderes als die gleichaltrigen Jugendlichen: Spiel, Sport, Musik, Kontakte und Gespräche, Ausflüge, Freunde – Normalität statt Flucht. Diese Erkenntnis geht aus einer systematischen Untersuchung an der Universität Siegen hervor.

Das erziehungswissenschaftliche Forschungsteam der Universität Siegen lud zu einer ganztägigen Fachtagung mit etwa 70 Teilnehmer(inne)n unter dem Titel „Die Anderen? Jugendarbeit und Flucht. Empirische und theoretische Perspektiven“ in die Goethe-Universität Frankfurt ein, um die Ergebnisse zu diskutieren. Sechs Wissenschaftler(innen) beteiligten sich im Rahmen der Tagung am 9. November 2018 mit eigenen Fachvorträgen.

Die Stiftung Ravensburger Verlag, die die Pilotstudie und die Fachtagung förderte, erwartet, dass die Ergebnisse nicht nur dem Forschungsdialog dienen, sondern Handlungsorientierungen für die praktische Jugendarbeit bieten.

Weißer Fleck in der Forschungslandschaft

Offene Jugendarbeit richtet sich an alle Kinder und Jugendlichen einer Gemeinde oder eines Wohnumfelds, also auch an die zahlreichen minderjährigen und sehr jungen Menschen, die aus Krisengebieten nach Deutschland geflüchtet sind, die nun einen neuen Alltag gestalten und ihren eigenen Weg finden müssen. Alle – (Sozial)Pädagog(inn)en und sonstige Betreuer(innen), die Geflüchteten* selbst und die anderen Jugendlichen, die Jugendzentren frequentieren – müssen mit der Situation umgehen. Über das Thema „Jugendarbeit und Flucht“ existieren bislang ganz wenige empirische Forschungsergebnisse.

Mehr als 100 Interviews mit Pädagog(inn)en und jungen Geflüchteten

Mit Förderung der Stiftung Ravensburger Verlag erarbeitete ein Team von Erziehungswissenschaftler(inne)n der Universität Siegen unter Leitung von Professor Dr. Thomas Coelen und Dr. des. Jennifer Buchna (Fachgebiet Jugendbildung, Sozialisation, Lebenslauf) im Verlauf von zwei Jahren eine Pilotstudie mit folgenden Ausgangsfragen:

  • Wie nutzen Minderjährige und junge Erwachsene mit einer Fluchtgeschichte die Angebote der Jugendarbeit?
  • Wie nehmen sie diese wahr, welche Bedeutung hat Jugendarbeit für ihre Lebenswelt?
  • Welche Sicht haben (sozial-)pädagogische Fachkräfte auf die Situation der geflüchteten jungen Menschen?

Befragt wurden 70 Fachkräfte in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (repräsentative Erhebung), weiterhin 26 Geflüchtete in problemzentrierten, ausführlichen, erzählenden Interviews, teils mit Dolmetscherhilfe (qualitative Erhebung).

Handlungsorientierung für die praktische Jugendarbeit nötig

„Die Ergebnisse der Pilotstudie sollen nicht nur dem Forschungsdialog dienen, sondern Handlungsorientierung für die praktische Jugendarbeit bieten“, erläuterte Johannes Hauenstein, Vorstand der Stiftung Ravensburger Verlag das Engagement der Stiftung. „Wie die Auswertungen der Interviews zeigen, hat die Offene Jugendarbeit, in der Jugendliche Kontakt zu Gleichaltrigen knüpfen können, eine integrative und identitätsbildende Bedeutung, die nicht hoch genug bewertet werden kann.“

Mitmachen: Sport, Spiel und Spaß haben

Jugendliche mit einer Fluchtgeschichte, die aus eigenem Antrieb regelmäßig Jugendtreffs aufsuchen, hatten meist von Freunden und Gleichaltrigen, Jugend- und Sozialarbeiter(inne)n davon erfahren. Sie reagierten positiv auf Sport- und Spielangebote wie Fußball, Basketball, Volleyball, Tischtennis, Badminton, Kicker, Billard, Playstation, ebenso auf gemeinsames Kochen und Essen, „Spaß haben“, im Internet surfen und Gruppenausflüge. Zugleich erkennen sie die Chance, praktische Hilfe in sprachlichen Alltagsdingen, beim Ausfüllen von Formularen und behördlichen Fragen oder in allgemeinen Gesprächen zu finden. Manche der Geflüchteten übernehmen auch ehrenamtliche Tätigkeiten und Verantwortung, zum Beispiel als Dolmetscher oder als Turnhallenwart.

Normalität statt Flucht

„Wenn sie das Jugendzentrum als ‚zweite Wohnung‘ betrachten, unterscheiden sie sich nicht von anderen Jugendlichen, die in Deutschland geboren wurden oder schon länger hier leben und die ihre Freunde lieber nicht im häuslich-familiären Umfeld treffen möchten, sondern in einem öffentlichen Raum“, erklärt Projektleiter Professor Dr. Thomas Coelen. Ein Ergebnis der Interviews mit Geflüchteten sei es, dass ihnen Jugendarbeit „Ermöglichungsräume“ erschafft. „Jugendliche brauchen Gelegenheiten, ihre Interessen zu entfalten, ihre Identität zu entwickeln, ein Lebensgefühl zu erspüren, das ihnen die alltäglichen Lebensräume Schule und Familie nicht ermöglichen können. Darin unterscheiden sich geflüchtete und hier groß gewordene Kinder und Jugendliche nicht.“ Manche der Interviewten waren in den Jugendtreffs auch mit Diskriminierung konfrontiert, grundsätzlich aber erlebten die meisten die Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit als diskriminierungsärmer.

Warum besuchen weniger Mädchen die Jugendtreffs?

Der Anteil an Geflüchteten in Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit beträgt 10 bis 40 Prozent, sie sind zwischen 11 und 27 Jahre alt, mehrheitlich kommen Jungen und junge Männer. Diese Geschlechterverteilung wird von den meisten (sozial)pädagogischen Fachkräften auf eine vermeintliche Kultur oder Herkunft und damit verbundenen Verhaltensweisen zurückgeführt, die den Jugendlichen und ihren Familien zugeschrieben werden. So sagten sie in den Interviews zum Beispiel: Mädchen würde es von den Familien verboten, in ein Jugendzentrum zu gehen, oder sie trauten sich selbst nicht. „Nur wenige Fachkräfte erklären die geringeren Besuchszahlen von Mädchen anders, zum Beispiel, dass diese lieber alternative Angebote in der Umgebung wahrnähmen, zum Beispiel Tanzkurse, oder dass Mädchen ohnehin seltener Jugendtreffs aufsuchten als Jungen“, berichtete Dr. des. Jennifer Buchna. „Nicht die Besucherinnen selbst, sondern ihr angenommenes kulturelles Umfeld steht im Vordergrund.“

Sind geflüchtete Jugendliche „anders“ oder „normal“?

Die Siegener Erziehungswissenschaftlerin führt die oft „kulturalisierende“ Sichtweise vieler Fachkräfte – mit tradierten Vorstellungen und Erklärungen auf die Jugendlichen zuzugehen – auf die „Wirkungsmacht des negativen öffentlichen Diskurses“ zurück. Die öffentliche Sprache von Politiker(innen), Bürger(innen) und Medien sei von negativen Begriffen wie „anders“, „fremd“, „Flüchtlingswelle“, „sich anpassen“, „Flüchtlingsproblem“ geprägt. Niemand, auch kein(e) Pädagog(in), bliebe davon unbeeinflusst. An dieser Stelle gelte es, Fachkräfte für die reale Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sensibilisieren.

* Der Begriff „Geflüchtete“ wird in diesem Forschungsprojekt bewusst verwendet, um sich vom oft negativ besetzten „Flüchtling“ abzugrenzen, auch im Sinne einer gendergerechten Formulierung.

Quelle: Stiftung Ravensburger Verlag vom 09.11.2018

Info-Pool