Kinder- und Jugendarbeit / Kinder- und Jugendpolitik

Internationale Konferenz: Werte sind die Stärke des Jugendaustauschs

Junger Mann sitzt auf Dach und blickt über Großstadt
Bild: © kantver - Fotolia.com

Was wird bei einem Jugendaustausch gelernt und wie kann man es sichtbarer machen? Fast 80 Teilnehmer/-innen einer internationalen Konferenz sind am 23. Oktober in Berlin dieser Frage nachgegangen. Was haben sie herausgefunden und was schlagen sie vor?

Die Räume der Hauptstadtrepräsentanz der Robert Bosch Stiftung sind ein ungewöhnlicher Ort für eine Veranstaltung, die sich rund um die Internationale Jugendarbeit und die non-formale Bildung dreht. Dass die Stiftung ihre Räume zur Verfügung stellte und sich aktiv in das Tagungsgeschehen einbrachte ist ein schönes Zeichen von Anerkennung – und Anerkennung war das zentrale Thema der Konferenz „Lernort internationaler Jugendaustausch – Anerkennung der Potentiale für Individuum und Gesellschaft“.

„Wie kann ich meinen Kolleginnen und Kollegen erklären, dass ich mit meinen Jugendlichen nicht in Urlaub fahre?“ fragte ein Teilnehmer in der Kaffeepause. Hinter dem unterstellten Urlaub verbirgt sich die Annahme, in einem Jugendaustausch oder einer Jugendbegegnung werde nichts gelernt – folglich sei der Austausch ein nutzloser Luxus. Auch Moderatorin Helle Becker hatte bei der Eröffnung der Konferenz diesen Punkt angesprochen: „Wie können wir es erreichen, dass Internationale Jugendarbeit nicht als Luxusbereich verstanden wird?“ Und Anne Sorge-Farner, IJAB-Koordinatorin für das „Aktionsbündnis Anerkennung International“ stellte fest: „Internationale Jugendarbeit erhält nicht die Anerkennung, die ihrer politischen Bedeutung entspricht“.

Wissen ist keine Kompetenz

Was also kann bei einem Jugendaustausch gelernt werden und wie? Der Wissenschaftler und Publizist Prof. John Erpenbeck gab dazu inspirierende Einsichten unter dem Titel „Wissen ist keine Kompetenz“. „Das kennen Sie alle: hochqualifizierte Inkompetente“, sagte Erpenbeck. Kompetent zu sein, bedeute handlungsfähig zu sein und in ungewohnten Situationen kreativ und selbstorganisiert zu agieren. Das dafür nötige Wissen müsse mit Emotionen verbunden sein – Leidenschaft, Neugier, Begeisterung etwa. Handeln setze Entscheidungsfähigkeit voraus, dies sei nur auf Grundlage von Werten möglich. Hier sieht Erpenbeck die Stärke von Jugendaustausch: Er vermittle Werte und setze junge Menschen gleichzeitig bei Auslandsreisen anderen Wertesystemen aus, mit denen sie sich auseinandersetzen müssten. So entstehe Kompetenz.

Anerkennung durch wen und für wen?

Breiten Raum nahmen die Fachforen der Konferenz ein. In zwei Panels – Gesellschaftliche Anerkennung von internationalem Jugendaustausch sowie Anerkennung von non-formalen und informellen Kompetenzen – wurden die Einzelaspekte des Themas Anerkennung beleuchtet. Dabei wurden auch Themen einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht, die von Arbeitsgruppen des „Anerkennungsbündnisses“ im Zeitraum von eineinhalb Jahren entwickelt und erprobt worden waren. Dazu gehören beispielsweise Lobbys-Strategien, die ihren Niederschlag im Aktionstag International gefunden haben, bei dem Träger und Jugendlichen Bundestagsabgeordnete besuchten – begleitet von Social-Media-Aktivitäten und einem abschließenden Politik-BBQ. Es geht aber nicht nur um die Anerkennung durch Politik und Gesellschaft, es geht auch um die individuelle Anerkennung der Leistung von jungen Menschen. Sie wünschen sich oft Zertifikate, die ihnen bei ihrem beruflichen Werdegang hilfreich sein könnten – ein Wunsch, der in einem Spannungsverhältnis zum Prinzip der Freiwilligkeit steht, das Teil des Selbstverständnisses von Internationaler Jugendarbeit ist.

Poetry Slammerin Jesse James La Fleur bei der Internationalen Fachkonferenz                                                                 
Bild: Herrmann (CC BY) 

Mehr Austausch und Vernetzung

Moderatorin Helle Becker stand vor der Herausforderung, die vielen bunten Zettel mit Forderungen aus den Fachforen in eine übergreifende Ordnung zu bringen und sie in einer Diskussionsrunde weiter behandeln zu lassen. „Viele Anmerkungen sind Selbstvergewisserungen über das Arbeitsfeld selbst“, stellte sie fest. Damit waren unter anderem die Grenzen des Arbeitsfeldes – beispielsweise im Hinblick auf den schulischen Austausch oder die Berufsbildung – angesprochen. Manfred von Hebel von JUGEND für Europa wünschte sich, dass solche Auseinandersetzungen überwunden werden können. „Wir haben so viel geleistet“, sagte er, „wir sollten mit gesundem Selbstbewusstsein in Diskussionen gehen“. Ähnlich sah es IJAB-Koordinatorin Anne Sorge-Farner. Sie wünschte sich „weniger Abgrenzung und mehr gemeinsames Vorankommen“. Dafür bedürfe es einer gemeinsamen Sprache. Barbara Menke von Arbeit und Leben wünschte sich mehr Lobbyarbeit. Die parlamentarischen Abende und Frühstücke auf Bundesebene seien bekannt, sie müssten eine Entsprechung in Ländern und Kommunen finden. Deutlich wurde auch, wie sehr sich Träger der Internationalen Jugendarbeit mehr Vernetzung und Austausch wünschen – vor allem, was trägerübergreifende Qualifizierung und gemeinsame Außenwirkung betrifft.

Ein Highlight hatten sich die Organisatorinnen und Organisatoren der Konferenz für den Schluss aufgehoben: Jesse James La Fleur trug ausdrucksstark zwei ihrer Gedichte vor. Jesse ist Poetry Slammerin und weiß wovon sie spricht, wenn sie „grenzenlos“ sagt. „Ich bin mit 16 von Zuhause weg und hab mir Europa angeschaut, schon aus Trotz gegenüber allen, die mir immer gesagt haben, internationale Angebote und Austausch seien nicht für mich, ich sei nicht gut genug dafür“, erzählte sie. Im anschließenden Gespräch hielt sie auch einen Ratschlag für die Anwesenden parat: „Ihr macht echt tolle Arbeit, aber ich sehe hier kaum Gesichter von Migrantinnen und Migranten“. Vielleicht haben es diejenigen gehört, die sich mit Personalentwicklung beschäftigt hatten.

Hintergrund

Die internationale Konferenz „Lernort internationaler Jugendaustausch – Anerkennung der Potentiale für Individuum und Gesellschaft“ des Aktionsbündnisses Anerkennung International wurde von IJAB in Kooperation mit Arbeit und Leben DGB / VHS und JUGEND für Europa durchgeführt. Sie wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Erasmus+ JUGEND IN AKTION und der Robert Bosch Stiftung gefördert.

Weitere Informationen: www.buendnis-anerkennung.de

Quelle: IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Christian Herrmann

INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

Info-Pool