Kinder- und Jugendarbeit / Inklusion

"Inklusive Praxis gibt es in unseren Jugendverbänden schon lange"

Kathrin Prassel, Referentin für Grundsatzfragen beim Landesjugendring NRW
Bild: Landesjugendring NRW Kathrin Prassel, Referentin für Grundsatzfragen beim Landesjugendring NRW

Das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe hat Kathrin Prassel, Referentin für Grundsatzfragen beim Landesjugendring NRW, dazu befragt, wie die Jugendverbandsarbeit in Nordrhein-Westfalen zur Inklusion steht, welche Chancen und Herausforderungen sie sieht.

Fachkräfteportal: Das Thema Inklusion ist in aller Munde und mittlerweile auch in der Jugendverbandsarbeit angekommen. Ist es dort ganz neu oder gibt es bereits nennenswerte inklusive Ansätze?

Kathrin Prassel: Inklusive Arbeit gehört zum Selbstverständnis vieler Jugendverbände. Angebote, die auch für behinderte Kinder und Jugendliche  zugänglich und interessant sind, wurden schon lange Jahre unter dem Stichwort der Integration geführt, ohne dass diese Arbeit gebührend anerkannt oder gewürdigt worden wäre. Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland gibt es einen neuen gesellschaftlichen Diskurs, der natürlich auch in den Jugendverbänden geführt wird. Einige Verbände setzen sich heute bewusst das Ziel, behinderte Kinder und Jugendliche nicht nur in ausgewählte Angebote zu integrieren, sondern die Strukturen und Zugangsmöglichkeiten im Verband inklusiver zu machen und z.B. durch Kooperationen neue Zielgruppen anzusprechen, die nicht selbstverständlich an den Angeboten der Jugendverbandsarbeit teilhaben.
Als Arbeitsgemeinschaft der landesweit tätigen Jugendverbände in NRW versteht der Landesjugendring es als seine Aufgabe, die bestehende gut funktionierende Praxis unserer Mitglieder bekannter zu machen, auszuweiten und durch gute Beispiele  auch diejenigen zu motivieren, die sich auf den Weg machen wollen.

Fachkräfteportal: Nach dem SGB VIII ist die Kinder- und Jugendhilfe grundsätzlich für ALLE jungen Menschen zuständig. Warum bedarf es dennoch besonderer Anstrengungen, um Mädchen und Jungen mit Behinderungen in die Angebote der Jugendhilfe zu integrieren?

Kathrin Prassel: Natürlich ist die Jugendhilfe grundsätzlich für alle jungen Menschen zuständig,  allerdings gibt es auch in diesem breiten Tätigkeitsfeld der Kinder-, Jugend, und Jugendsozialarbeit eine Differenzierung nach Zielgruppen, d.h. es gibt ein Spektrum an Zuständigkeiten bzw. an unterschiedlichen Ausrichtungen der Angebote für junge Menschen anhand von bestimmten Lebenslagen. Die Breite und Vielfalt der Aktivitäten, die von der Jugendverbandsarbeit sowie von den anderen Trägern der Jugendhilfe organisiert werden, soll allen Kindern und Jugendlichen eine Teilnahme entlang ihren Interessen und Bedürfnisse ermöglichen.

Die Jugendhilfe ist zudem auch nicht oder höchstens sehr eingeschränkt im Bereich der Schule zuständig. Die notwendige Kooperation wird gerade erst langsam auf den Weg gebracht. Bezogen auf junge Menschen mit Behinderungen gilt dies umso mehr. Die hochdifferenzierten Systeme von Zuständigkeiten und Ressourcen müssen im Interesse der Inklusion zusammengeführt werden.

Dessen ungeachtet ist die Zuständigkeit für alle Jugendlichen unser Anspruch und gesellschaftlicher Auftrag. Die Jugendverbandsarbeit beruht dennoch auf den Prinzipien der Selbstorganisation und der freiwilligen Teilnahme. Kinder und Jugendliche kommen in der Regel über ihre Familie, ihre Freunde oder Schulkamerad/innen zu den Aktivitäten der Jugendverbände und sind dort oft bis ins Erwachsenenalter aktiv. Sind diese direkten Kontakte nicht vorhanden, fehlt das Wissen über bestehende Angebote, über ihre Attraktivität und die Zugangsmöglichkeiten. Durch das viergliedrige Schulsystem in Deutschland haben behinderte und nichtbehinderte junge Menschen im Alltag nach wie vor wenige Begegnungsmöglichkeiten.

Hinzu kommt, dass eine individuelle Unterstützung durch persönliche Assistenzen oder Fahrtdienste für Kinder und Jugendliche mit Einschränkungen vom SGB VIII in der Regel nicht abgedeckt wird. Die nötigen Ressourcen und Kompetenzen, die es braucht, um angemessene Vorkehrungen für junge Menschen mit einem höheren Unterstützungsbedarf treffen zu können, sind in der Jugendhilfe bislang lediglich in geringem Umfang vorhanden. Der Wille der Jugendverbände, ihre Arbeit inklusiver zu gestalten, steht getrennten Leistungssystemen gegenüber: die Jugendhilfe im SGB VIII und die Eingliederungshilfe im SGB XII. Demnach stellt die Finanzierung von Inklusion im Freizeitbereich noch eine große Herausforderung für die praktische Umsetzung dar.

Fachkräfteportal: Wo sehen Sie in der Kinder- und Jugendarbeit die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung von inklusiven Ansätzen?

Kathrin Prassel: Wenn die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen für inklusive Angebote stimmen und die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen der Jugendhilfe sich kompetent fühlen, stellen sie fast immer fest, dass die praktische Arbeit nicht wesentlich schwieriger ist als sonst auch.
Eine Herausforderung liegt aber z.B. darin, für Angebote zu werben, ohne junge Menschen mit Einschränkungen zu stigmatisieren und dabei trotzdem deutlich zu kommunizieren, dass sie gleichberechtigt teilhaben können.

Fachkräfteportal: Was würden Sie sich zum Thema Inklusion von der neuen Familienministerin Manuela Schwesig wünschen?

Kathrin Prassel: Von der neuen Bundesregierung würde ich mir wünschen, dass sie sich in allen Bereichen, die Kinder und Jugendliche betreffen, stärker vernetzt und koordiniert. Die Zusammenführung von Ressourcen und Kompetenzen sollte im Sinne aller jungen Menschen und nicht im Sinne der Finanzen geschehen. Ministerin Schwesig könnte die Rolle der Anwältin für ressortübergreifende Belange der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übernehmen.