Kinder- und Jugendarbeit / Inklusion

Inklusion – Was fordern Jugendliche?

Jugendliche
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17 Jugendliche aus ganz Deutschland haben am 18. März im Rahmen eines Jugendforums zehn Kernthesen zur Umsetzung der Inklusion in Deutschland entwickelt. Die Ergebnisse des Jugendforums hat Julia Emken, Studentin an der FH Köln, im folgenden Artikel zusammengeführt.

Mehr finanzielle Ressourcen, flexible Lehrpläne, die die Individualität aller Lernenden respektieren, Aufklärung darüber, was Inklusion überhaupt ist. – Die Forderungen der 17 Jugendlichen im Alter von 14-32 Jahren zeugen von großem Engagement für das Thema Inklusion in Deutschland. Auch viele Experten und Expertinnen zeigen sich positiv überrascht davon, wie viele junge Menschen Interesse zeigen und Ideen einbringen. Und die Ideen bleiben nicht ungehört: Sie wurden auf dem Inklusions-Gipfel von einer der Jugendlichen vor den rund 300 Teilnehmenden vorgetragen und vom Publikum mit viel Applaus angenommen.

Das dreigliedrige Schulsystem ist nicht inklusiv

Im Gespräch mit den Teilnehmenden des Forums, die sich aus Studierenden und Schüler/-innen zusammensetzten, die entweder selbst eine Förderschule oder eine inklusiv arbeitende Schule besuchen oder in diesem Bereich arbeiten möchten, werden verschiedene Positionen deutlich: Die meisten sind Verfechter der Inklusion und sehen die Probleme bei der Umsetzung vor allem in der Politik. Andere zeigen auch Grenzen auf und sind sich sicher: Förderschulen können ein sehr geeigneter Ort des Lernens sein und sollen denen, die es brauchen, als Möglichkeit erhaltenbleiben. Auch das dreigliedrige Schulsystem war immer wieder Thema. Wenn dieses nicht abgeschafft würde, so einige Stimmen unter den Jugendlichen, könne Inklusion auf lange Frist nicht funktionieren.

"Kann man Haltungen erlernen?"

Besonders in der Gruppe, die sich im Rahmen des Jugendforums mit dem Thema "Professionalisierung der Fachkräfte" beschäftigt hatte, kam schnell die Frage auf, wie zukünftige pädagogische Fachkräfte in ihrer Ausbildung auf eine inklusive Arbeit vorbereitet werden können. Sollten Module zum Thema Inklusion Pflicht in jedem pädagogischen Studiengang sein? Darüber waren sich die Teilnehmenden uneinig, denn: Die Frage um Inklusion ist eine Frage der Haltung, die tief sitzende Wertevorstellungen berührt. Können Haltungen überhaupt durch Bildung verändert werden? Und wenn ja, ist es dann tatsächlich ein produktiver Ansatz, Menschen dazu zu verpflichten? Unter den Jugendlichen blieb die Frage im Raum stehen, auch wenn die meisten durchaus für eine umfassende Vorbereitung von Fachkräften auf inklusive Arbeit sind.

Inklusion als Pflicht

Die UNESCO selbst bezog hierzu klar Stellung, indem sie die Problematik als Forderung in die am 20. März veröffentlichte "Bonner Erklärung zur Inklusiven Bildung in Deutschland" aufnahm:

"Die Teilnehmenden des Gipfels (…) fordern alle an der Umsetzung inklusiver Bildung Beteiligten auf, (…) inklusive Bildung als Leitidee in der Aus-, Fort- und Weiterbildung aller pädagogischen Berufe einschließlich aller Lehrämter und der entsprechenden Fachdidaktik zu verankern und mit Pflichtanteilen auszugestalten sowie auf ein verändertes Professionalitätsverständnis der Fachkräfte in der Inklusion hinzuwirken, das auf Vernetzung, Austausch und Reflexion sowie Einbindung externer Kompetenzen setzt"

Jugendliche als Multiplikator(inn)en für den inklusiven Gedanken

Das Jugendforum hat vor allem bei den Teilnehmern und Teilnehmerinnen viel in Gang gesetzt: Einige Jugendliche engagieren sich bereits auf weiteren Veranstaltungen als Multiplikator(inn)en zum Thema Inklusion und nutzen dazu die  Kernthesen als Ansatzpunkt. Es gibt außerdem Pläne, auch in Zukunft untereinander in Kontakt zu bleiben und sich gemeinsam für die Umsetzung der Inklusion in Deutschland stark zu machen. Mit Sicherheit macht es Mut, zu sehen, dass es so viel Interesse bei jungen Menschen mit und ohne Behinderung gibt, endlich flächendeckend gemeinsames Lernen durchzusetzen.

Der einzige Wehmutstropfen: Zwar war die Gruppe der Jugendlichen relativ heterogen, was Alter, Geschlecht, Behinderung und Nicht-Behinderung betrifft, es dominierte jedoch deutlich die Gruppe der Studierenden aus dem sozialen Bereich. Das ist auch die Gruppe, die sich ohnehin mit Themen der Inklusion auseinandersetzt. Schön wäre es zu sehen, was Menschen aus anderen Studienrichtungen oder Schüler/-innen aus nicht-inklusiven Einrichtungen zu dem Thema zu sagen haben und was ihre Forderungen sind. Schließlich werden in Zukunft alle Menschen mit der Inklusion konfrontiert und nicht nur die, die in pädagogischen Einrichtungen arbeiten.

Verschiedene Formen des Austauschs unter den Jugendlichen

Es hatten sich im Vorfeld Bewerber/-innen aus ganz Deutschland gemeldet, um bei dem Jugendforum mitzuwirken. Die 17, die letztlich ausgewählt wurden, haben im Zeitraum von ca. anderthalb Monaten in einem Online-Forum diskutiert und Positionspapiere zu verschiedenen Bereichen der Inklusion erstellt. Am 18. März trafen sich die Teilnehmenden dann zu ersten Mal "real" und haben im angeregten Gespräch einen Tag lang gemeinsam mit den Positionspapieren gearbeitet, Fotos und ein Video erstellt und die Kernthesen ausformuliert. Hintergrund waren die Workshop-Themen, die auf dem Gipfel selbst unter professioneller Anleitung auch von allen anderen Gipfel-Teilnehmern bearbeitet wurden.

Die zehn Kernthesen der Jugendlichen:

  • mehr finanzielle Ressourcen
  • eine Kultur des Ermöglichens
  • ein Personal- und Ressourcenschlüssel, der nicht an Defizite gekoppelt ist
  • eine eindeutige Verantwortlichkeit für die Gesetzeslage bei Bund, Ländern und Kommunen
  • Unterstützung inklusiv arbeitender Institutionen
  • gemeinsamer Raum für den Austausch aller Fachkräfte
  • flexible Lehrpläne
  • Offenheit bei allen Verantwortlichen
  • Aufklärung
  • Vielfalt kennen und schätzen lernen

Der Gipfel "Inklusion – die Zukunft der Bildung" wurde von der UNESCO-Kommission organisiert und sollte als Bestandsaufnahme der inklusiven Arbeit in Deutschland dienen. Er schloss ab mit der Verabschiedung der "Bonner Erklärung" am 20. März.

Alle Ergebnisse des Jugendforums und des Gipfels sind im Internet zu finden unter: www.unesco.de/gipfel_inklusion_ergebnisse.html

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Köln im Studiengang Pädagogik der Kindheit und Familienbildung entstanden.

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