Kinder- und Jugendarbeit

Erfahrungen in der Stadt der fünf Sprachen - Junge Freiwillige bemühen sich um die Rettung eines jüdischen Friedhofs

Seine Ferien in einem internationalen Workcamp zu verbringen ist eine anspruchsvolle, oft anstrengende, aber auch bereichernde Erfahrung. Was erleben junge Freiwillige, was bewegt sie und was lernen sie dabei? Eindrücke von einem Workcamp auf dem jüdischen Friedhof von Czernowitz in der westlichen Ukraine.

Chernivtsi liegt im Westen der Ukraine unweit der rumänischen Grenze. Die Stadt hat etwa 220.000 Einwohner und ist das Zentrum der Region Bukowina. Bis zum Ende des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs hieß die Stadt Czernowitz – unter diesem Namen ist sie immer noch international bekannt.
Der jüdische Friedhof von Czernowitz ist eines der wenigen Bau- und Kulturdenkmäler, die in unversehrter Form noch heute an die Bedeutung der großen jüdischen Gemeinschaft der Stadt erinnern.
Der Friedhof umfasst eine Fläche von etwa 12 Hektar mit 40.000 Gräbern. Der größte Teil von ihnen ist durch wucherndes Gestrüpp unzugänglich. Vandalismus und Grabräuberei stellen ein weiteres Problem dar.

Freiwilligendienste, die Workcamps in Czernowitz anbieten:

SVIT-Ukraine
http://svit-ukraine.org
Das Workcamp von SVIT-Ukraine wurde durch das Programm memoria. der Batory-Stiftung gefördert.
http://www.memoria.org.pl
Besondere Unterstützung kam von SCI Deutschland.
http://www.sci-d.de

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
http://www.asf-ev.de

Freiwillige bei der Arbeit auf dem jüdischen Friedhof in Czernowitz

Lev Kleyman ist Bäcker in Chernivtsi, dem ehemaligen Czernowitz. Am späten Vormittag belädt er seinen Lieferwagen mit Lunch-Paketen und fährt zum jüdischen Friedhof hinaus, um sie einer Gruppe von Freiwilligen zu bringen, die dort arbeiten. Es ist Lev Kleymans Beitrag, die Freiwilligen zu unterstützen. Es macht ihm sichtlich Freude das zu tun und die jungen Leute nehmen seine Spende gerne an. Sie spüren, dass sie willkommen sind.

Das Workcamp, das zwischen dem 10. und 24. August von SVIT Ukraine, der lokalen Partnerorganisation von Service Civil International, durchgeführt wird, ist bereits das zweite in diesem Jahr. Vor den Freiwilligen von SVIT war bereits Aktion Sühnezeichen Friedensdienste aus Deutschland hier. Auch deren Freiwillige hat Lev Kleyman beliefert.

15 junge Leute hat SVIT nach Czernowitz gebracht. Sie kommen aus Polen, Deutschland, Österreich, Tschechien, Kroatien, der Ukraine, der Schweiz, Finnland und sogar aus den USA und Japan. Zwei weitere Freiwillige sollten aus Aserbaidschan kommen, ihnen wurde jedoch am Flughafen von Kiew ohne Nennung von Gründen die Einreise in die Ukraine verweigert. 40 Stunden wurden sie ohne Lebensmittel festgehalten und schließlich abgeschoben. Weder die Intervention von SVIT, noch die des aserbaidschanischen Botschafters konnten das verhindern. Julia Myasyshcheva, die Organisatorin von SVIT, ist wütend. Sie hat eine Online-Petition gegen diese Abschiebungen initiiert. Tatsächlich passt das Vorgehen der ukrainischen Behörden wenig zum Ort des Workcamps und zur internationalen Zusammensetzung der Freiwilligen. Czernowitz war eine multinationale Stadt, das gehört zu den ersten Dingen, die die Teilnehmer des Workcamps erfahren. Und dieser Gedanke hat einen Reiz für sie.

Juden, Rumänen, Deutsche, Polen, Ukrainer, Armenier und einige kleinere Minderheiten haben hier gelebt und ihre Spuren hinterlassen. „Wir schwiegen in fünf Sprachen“ schrieb die Dichterin Rose Ausländer über ihre Heimatstadt. Besonders eindringlich sind die Spuren der jüdischen Bevölkerungsgruppe, die mit 40 % die größte ethnische Gruppe in der Stadt war, bevor die deutsche und rumänische Besatzung im 2. Weltkrieg dem ein Ende machten. Die Balance zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten ist ein fragiles Gebilde. Die Spuren dessen, was geschieht, wenn sie zerbricht, sind in der Stadt überall sichtbar: Synagogen, jüdische Kultur- und Sozialeinrichtungen, die heute alle für andere Zwecke genutzt werden – als Kino, Schreinerei oder Boxclub. Die Freiwilligen sind nachdenklich beim Stadtrundgang.

Freiwillige auf dem jüdischen Friedhof in Czernowitz - Panoramaansicht


Dass die Verbindungen zwischen den heute in der Stadt lebenden Nationalitäten immer noch eng sind, das erfahren die Freiwilligen beim Besuch der Synagogen-Gemeinde. Rabbi Kofmanskis kleine Synagoge liegt am Rande der Altstadt verborgen hinter mehreren großen Wohnblocks. Ab 16 Uhr versammeln sich jeden Tag christliche Nachbarn im Warteraum der Synagoge. Es sind hauptsächlich ältere ukrainische Frauen, die mit ihren Wünschen zu Rabbi Kofmanski kommen. Sein Draht zu Gott gilt als direkter und effizienter als der seiner christlichen Kollegen.
Einen Japaner hat er jedoch noch nicht zu Gast in seiner Synagoge gehabt. „Aus Japan?“ wundert er sich, als ihm die Freiwilligen vorgestellt werden. Shu, der junge Japaner, lächelt verlegen unter seiner Kippa, der traditionellen Kopfbedeckung, die er in der Synagoge wie alle männlichen Besucher tragen muss.

Was zieht einen Japaner auf einen jüdischen Friedhof in der Ukraine? Er habe von der Schönheit der ukrainischen Frauen gehört, sagt Shu und lacht. Vielleicht gilt es in Japan als unhöflich neugierig zu sein. Denn Neugier auf Osteuropa und die Ukraine ist der häufigste Grund, den die Freiwilligen angeben, wenn man sie nach ihrem Motiv fragt. Und natürlich bietet ein Workcamp viele Chancen, ein Land tiefer und von innen kennen zu lernen, als wenn man es einfach nur bereist. Dass man dabei auch noch etwas Nützliches tut, indem man zum Erhalt eines jüdischen Friedhofs beiträgt, kommt hinzu.
Dass Shu jedoch mit seiner Vorstellung von ukrainischen Frauen nicht so weit von dem, was bei einem Workcamp geschehen kann, entfernt liegt, beweißt Peter. Er ist der älteste im Team und verbringt gerne seine Ferien mit Freiwilligenarbeit. Bei seinem ersten Workcamp in Berlin hat er sich in eine Norwegerin verliebt. Heute lebt er in Norwegen.
Katharina kommt aus Deutschland und ist nun schon das zweite Mal bei einem Workcamp auf dem jüdischen Friedhof dabei. Sie studiert Anthropologie und möchte ihre Abschlussarbeit über die Erinnerungskultur des Friedhofs schreiben. Eine besonders anspruchsvolle Art der „biografischen Veränderung“, die ein internationales Workcamp bewirken kann.
Pragmatischer sieht es Marina: Sie stammt aus Czernowitz und ist auch schon das zweite Mal dabei. Für sie ist das Workcamp auch eine Gelegenheit, Gleichaltrige aus anderen Ländern kennen zu lernen und ihre Sprachkenntnisse auszuprobieren. Als Einheimische kann sie zudem viel zum Gelingen beitragen.

Ein pures Vergnügen ist der Aufenthalt in Czernowitz jedoch nicht immer. Die Arbeit auf dem Friedhof ist anstrengend. Ein Gemeindearbeiter fällt die Bäume, die überall auf den Wegen, zwischen und auf Gräbern gewachsen sind. Die Freiwilligen tragen sie weg, reißen Efeu heraus und entfernen riesige Wacholdersträucher, die die Gräber unzugänglich machen.
Die Freiwilligen von SVIT arbeiten in einem Bereich rechts des Eingangs im Schatten der ehemaligen Leichenhalle. Lokale Prominenz ist hier begraben: Ehemalige Bürgermeister, Bierbrauer und Großgrundbesitzer. Aber schon ein Stück weiter liegen normale Bürger. In den Pausen erkunden die jungen Leute das weitläufige Gelände. Schritt für Schritt gibt der Friedhof seine Geheimnisse preis – das Grab des jiddischen Fabeldichters Eliezer Steinbarg, ein Massengrab, in dem 900 in den ersten Tagen der deutsch-rumänischen Besatzung ermordete Bürger liegen, das Grab von Dawid Fallik, der ermordet wurde, weil er gegen Diskriminierung jüdischer Studenten an der Universität protestierte, und das Grab des Sozialisten und Musikers Edi Wagner, der starb, als ihn die rumänische Polizei aus dem dritten Stock des Polizeireviers warf. Namen, an die die Freiwilligen sich erinnern werden.

der jüdische Friedhof in Czernowitz - Panoramaansicht


Die Unterkunft entschädigt nicht für die Anstrengungen der Arbeit: Ein spröder Bau der Chruschtschow-Zeit mit verstopften Abflüssen und einem mürrischen Drachen, der den Eingang bewacht. Die jungen Leute beklagen sich jedoch nicht. Wenn Mimi von ihrer Kindheit in Czernowitz erzählt sind alle widrigen Begleitumstände vergessen.

Mimi wurde als Miriam Reifer vor dem Krieg in Czernowitz geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann Milton in den USA. Vor eineinhalb Jahren hat sie angefangen Briefe zu schreiben: An den Bürgermeister von Czernowitz und an verschiedene Freiwilligendienste. Das Workcamp im vergangenen Jahr und die beiden Workcamps in diesem Jahr sind die Frucht dieser Bemühungen. Die ehemaligen jüdischen Czernowitzerinnen und Czernowitzer hat das ermutigt. Einige von ihnen haben etwas Geld zusammengeworfen und haben begonnen weitere Flächen auf dem Friedhof von Gestrüpp reinigen zu lassen. Organisiert werden diese Arbeiten von Dr. Bursuk, dem unermüdlichen Arzt vom jüdischen Wohlfahrtsverein Hesed-Shushana. Noch ein Verbündeter mehr im Kampf gegen die langsame Zerstörung des jüdischen Friedhofs. Und auch Bürgermeister Fedoruk lädt Julia Myasyshcheva vom Freiwilligendienst SVIT und Mimi zum Gedankenaustausch. Von einem besseren Schutz-Status für den Friedhof im Rahmen des ukrainischen Denkmalschutzes ist die Rede.

Die Einheimischen haben angefangen, zu den Freiwilligendiensten und denjenigen, die sie unterstützen, Vertrauen zu fassen. SVIT ist nun schon das zweite Mal hier. Aktion Sühnezeichen will wiederkommen. Man spürt die Beständigkeit und Ernsthaftigkeit der Beteiligten und merkt: Hier wird nicht einfach nur gefordert, es wird auch viel gegeben. Die Dinge sind in Bewegung gekommen und das ist vielleicht das ermutigendste Signal, das das Workcamp aussendet.

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