Hilfen zur Erziehung

Wanderausstellung zur DDR-Heimerziehung in Torgau eröffnet

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat gestern gemeinsam mit der Sächsischen Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, Christine Clauß, die erste Wanderausstellung mit dem Titel „Ziel: Umerziehung“ zur Geschichte repressiver Heimerziehung in der DDR in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau eröffnet.

„Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist eine wichtige Voraussetzung, um die Zukunft zu gestalten“, sagte Rörig anlässlich seines Besuchs in Torgau, „die Ausstellung zeigt in eindrücklicher Weise das unfassbare Ausmaß seelischer und körperlicher Misshandlungen, denen die ehemaligen DDR-Heimkinder rund um die Uhr hilflos ausgeliefert waren.“ Die Willkür, mit der Kinder separiert, arrestiert, geschlagen, missbraucht und ohne jede Zuwendung unter haftähnlichen Bedingungen weggesperrt wurden, mache deutlich, wie ernst die Forderung von Betroffenen nach einer systematischen, umfassenden und unabhängigen Aufarbeitung auch der DDR-Heimerziehung und nach Unterstützung und Hilfen zur Bewältigung des Erlebten genommen werden müsse.

Vor drei Wochen haben der Bund und die neuen Länder einen umfassenden Bericht zur Heimerziehung in der ehemaligen DDR in den Jahren 1949 bis 1990 vorgelegt. Die Ausstellung ist ein weiterer wichtiger Schritt bei der Aufarbeitung der Geschehnisse. Bereits am gestrigen Vormittag hatte das Sächsische Kabinett dem Entschädigungsfonds der ostdeutschen Bundesländer und des Bundes zugestimmt. Damit stellt Sachsen in den nächsten fünf Jahren fast sechs Millionen Euro zur Verfügung. Dieses Geld werde unter anderem für ergänzende Hilfen und für eine Anlauf- und Beratungsstelle genutzt, die beim Kommunalen Sozialverband Sachsen angesiedelt und ab 1. Juli 2012 ihre Arbeit aufnehmen wird.
Die Torgauer Gedenkstätte hat einen erheblichen Anteil an der Aufarbeitung der Geschichte der repressiven DDR-Heimerziehung, denn hier habe man den Finger bereits »sehr früh in die Wunde gelegt und auf die Bedeutung einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der DDR-Heimerziehung gedrungen«, unterstrich Clauß. Den Torgauer Aktivitäten sei es zu verdanken, dass die Aufarbeitung der DDR-Jugendhilfe in Sachsen so weit vorangekommen sei, aber auch, dass die Heimkinderdebatte in Deutschland überhaupt ins Rollen kam. »Denn noch vor den wichtigen Veröffentlichungen der westdeutschen Heimkinder waren es vor allem die Stimmen aus Torgau, die erheblich dazu beigetragen haben, dass in unserer Gesellschaft Sensibilität und Aufmerksamkeit gegenüber der Vergangenheit in ostdeutschen und in westdeutschen Heimen gewachsen sind«, sagte Ministerin Clauß.

Das Thema Aufarbeitung war bereits eines der zentralen Themen auf dem ersten Jour Fixe des Unabhängigen Beauftragten mit Betroffeneninitiativen im Januar 2012, an dem auch die Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau teilgenommen hatte. Zum Thema Aufarbeitung hat sich auf der ersten Sitzung des Fachbeirats beim Unabhängigen Beauftragten im März 2012, dem auch vier Betroffene angehören, eine eigene Konzeptgruppe gebildet, in der auch die ehemalige Beauftragte Dr. Christine Bergmann mitarbeitet. Die Konzeptgruppe wird die Anliegen und Fragen zur Thematik – insbesondere auch zur DDR-Heimerziehung – vertiefend diskutieren und auch eine Expertenanhörung zum Thema durchführen. Auf dieser Basis wird der Unabhängige Beauftragte im Sommer 2013 eine Empfehlung abgeben, wie eine umfassende, systematische und unabhängige Aufarbeitung aussehen könnte.

Der Unabhängige Beauftragte begrüßt, dass ab 1. Juli 2012 auch der Fonds für Hilfen für DDR-Heimkinder den Betroffenen zur Verfügung stehen soll. Es dürfe dabei aber nicht übersehen werden, dass dies alleine als Hilfsangebot nicht ausreiche. Dringend erforderlich sei der Ausbau spezialisierter Beratungsstellen, damit Betroffene, die die Beratung nun vielerorts ehrenamtlich übernommen hätten, entlastest würden und Betroffene professionelle Unterstützung in der Verarbeitung des Erlebten erhielten. Ein weiteres wichtiges Anliegen für die persönliche Verarbeitung des Erlebten sei die Gewährung der Akteneinsicht für Betroffene.


Quellen: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz / 

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