Hilfen zur Erziehung / Qualifizierung

Systemische Arbeitsansätze im Kontext der Jugendhilfe

Eine junge Frau wird beraten
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In den letzten fünfzig Jahren haben systemische Forschung und Praxis eine große Vielfalt systemischer Arbeitsansätze entwickelt, die sich in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern bewährt haben. Einige Leitideen, an denen sich inzwischen systemische Praktiker orientieren werden vom Systemischen Institut für Achtsamkeit vorgestellt.

Kommunikation im Fokus

Der systemisch-konstruktivistische Arbeitsansatz fokussiert besonders auf Kommunikation. Sie unterscheidet sich grundlegend von anderen Ansätzen in ihrem Verständnis von "Problemen", "Störungen“ und „psychischen Auffälligkeiten“. Psychische Prozesse sind nur indirekt Folge ihrer Intervention, und durch den Fokus auf Kommunikation wird Symptomverhalten nicht allein als individuelles Phänomen, sondern grundsätzlich im Kontext von Beziehungen gesehen. Denken und (Symptom) Verhalten von Klienten sind in dieser Sicht individuelle Lösungsstrategien/ -versuche bzw. spezifische Anpassungsleistungen innerhalb einer Beziehungsdynamik. Sie werden in ihrer kommunikativen und beziehungsgestaltenden Funktion begriffen.

Systemische Beratung/ Therapie fokussiert nicht ausschließlich auf individuelle Änderungen, sondern bezieht in einer erweiterten Perspektive die kommunikativen Muster zwischen den Individuen in ihre Arbeit mit ein.Der Hilfekontext wird dadurch auch als Beziehungsgeschehen betrachtet bzw. als Interaktionssystem verstanden, in dem Therapeuten/Berater Beeinflussende und Beeinflusste zugleich sind und in einem kooperativen und co-kreativen Prozess zusammen mit den Klienten neue Wirklichkeiten konstruieren.

Durch diesen Fokus auf Kommunikation hat sich die systemische Therapie/ Beratung historisch auf Mehrpersonensettings , z.B. in der Jugendhilfearbeit, spezialisiert und außerordentlich viel Erfahrung mit der Auswahl und dem Wechseln zwischen verschiedenen Settings (Einzel-, Mehrpersonen-, Gruppen- oder Netzwerksetting) im Therapie-/Beratungsverlauf gesammelt.

Erkundung des Umfelds

Systemisch arbeitende Berater/ Therapeuten widmen der Erkundung und der Nutzung nicht nur des häuslichen, sondern auch des professionellen Umfelds eines Klienten bzw. Familie (oder der Vorbehandler, Mitbehandler, Überweiser etc.) besonders viel Aufmerksamkeit. Die Kontext- und Auftragsklärung nimmt daher einen besonders hohen Stellenwert ein.

Eine wesentliche Bedeutung hat im systemischen Modell die Achtung vor der Autonomie und damit der Verantwortung des Systems, mit dem gearbeitet wird. So wird eher mit freibleibenden Angeboten operiert, die Wirklichkeit anders und neu zu sehen und möglichst genau darauf zu achten, dass das "Ratsuchende System" nicht unter Druck gerät und etwa eine Sichtweise –die des Therapeuten/Beraters– als die dominierende, richtige Sicht wahrnimmt.

Ressourcen- und Zukunftsorientierung 

Die Ressourcenorientierung ist ein Grundpfeiler systemischen Arbeitens: Für alle Beteiligten einer therapeutischen/ beraterischen Kooperation sollen wertschätzende Beschreibungen gefunden werden. Also auch hinter scheinbar destruktivem Verhalten wird nach dem potenziell konstruktiven Beitrag gesucht. Lösungen haben nur dann Bestand, wenn alle gewinnen.

Durch eine Lösungs- und Zukunftsorientierung wird betont, was möglicherweise sein könnte, gegenüber dem, was wirklich ist. Die systemische Praxis interessiert sich besonders für noch nicht realisierte, dennoch aber mögliche Lebens- und Beziehungsentwürfe, manchmal mehr als für das, was ist und warum es so ist.

Die systemisch-konstruktivistische Praxis zeichnet sich einerseits durch einen starken Veränderungsimpuls und den Glauben an Chancen zur unerwarteten Veränderung aus. Andererseits definiert sie Nichtveränderung als aktive sinnvolle Leistung. Diese Kombination des Glaubens an Veränderung mit der positiven Konnotation der Nichtveränderung macht sie in Arbeiten mit „chronifizierten“ Klienten/ Systemen besonders attraktiv.

Systemische Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe

Im Arbeitskontext der Jugendhilfe bedeutet dies, daß in einer systemisch geprägten Praxis die Herkunftsfamilie als Schlüssel zum Verständnis kindlichen Verhaltens und Erlebens betrachtet wird. Ein wesentlicher „Klimafaktor“ der menschlichen Reifung ist die Art und Weise, wie Kontakt in Beziehungen reguliert wird. In jedem System bilden sich eigene, für das Beziehungsgeflecht geltende Muster aus. Solche Muster, die u.a. zeigen, wie Nähe und Distanz reguliert wird, in welcher Art und Weise innerhalb und außerhalb der Familie kommuniziert wird und welche Werte, Normen und Bedeutungen gültig sind. Die Erfüllung von Grundbedürfnissen von Heranwachsenden (Bindung, Orientierung/ Kontrolle, Selbstwertschutz/ -erhöhung, Lustgewinn/ Unlustvermeidung) können dabei versagt bzw. frustriert werden und zur Entwicklung von dysfunktionalen sozial auffälligen Verhaltensbereitschaften führen.

Aus einer systemischen Perspektive werden „Verhaltensstörungen“ als Signal und Hinweis betrachtet, dass sich ein Familienmitglied mit Mustern auseinandersetzt, die seine Entwicklung hemmen. Sie werden als gescheiterte "Lösungsversuche" verstanden.

Auffällige Verhaltensmuster und deren subjektiver Sinn werden dann im Kontext der Beziehungsmuster betrachtet und erkundet. Durch eine Lösungs- wie Ressourcenorientierung richtet sich pädagogisch-therapeutisch-beraterisches Handeln dann weniger am defizitären Charakter sogenannter „Symptome“ aus. Sie orientiert sich vielmehr daran, den Sinnzusammenhang im Beziehungskontext zu verstehen und den oft belastenden Charakter solcher Bedeutungen für die beteiligten Akteure bewusst zu machen. Sie eröffnen damit einen Möglichkeitsraum, um Wachstum, Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und deren Familien auf einer wertschätzenden Basis zu fördern, so dass sie sich selbst (wieder) als kompetent erleben können.

Weitere Informationen: www.sia-berlin.com

Quelle: Systemischen Institut für Achtsamkeit Berlin

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