Hilfen zur Erziehung / Sozialforschung

Leaving Care – Themenschwerpunkt im SOS-Fachportal

Lächelnde junge Frau umarmt sich selbst und steht vor einem blauen Himmel mit Wolken
Bild: © SOS-Kinderdorf International

Als Care-Leaver werden junge Erwachsene bezeichnet, die nach einer Zeit des Aufwachsens in einer stationären Einrichtung die Jugendhilfe verlassen haben – in der Regel mit dem Ziel, ein selbstständiges Leben zu führen. Viele Care-Leaver empfinden den Übergang in das Erwachsenenleben als herausfordernd und benötigen weitere Unterstützung. Der aktuelle Themenschwerpunkt des SOS-Fachportals zeigt, worauf es bei der Begleitung der jungen Menschen in und nach diesem Prozess der Verselbstständigung ankommt.

Der Weg in die Selbstständigkeit

Schon in den frühen Jahren des Aufwachsens haben Kinder und Jugendliche die Entwicklungsaufgabe zu bewältigen, sich Schritt für Schritt von den Eltern abzulösen. Dieser Prozess ist bereits Teil der Verselbstständigung, die sich über den Auszug hinaus bis in die ersten Jahre des eigenständigen Lebens erstreckt. Anders als Jugendliche, die in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen, stehen Care-Leaver dabei häufig unter erheblichem Zeitdruck, wenn die Erziehungshilfe mit 18 oder 19 Jahren endet.

„Obwohl wir aus der Sozialforschung wissen, dass die Phase des Übergangs von der Jugend ins Erwachsenenleben generell länger geworden ist, haben Care-Leaver ihre Verselbstständigung in einer kürzeren Zeit und daher mit einer anderen Dichte zu bewältigen“, so Maren Zeller, Juniorprofessorin an der Universität Trier. „Dabei können sie – verglichen mit ihren Peers – in der Regel auf weniger Ressourcen zurückgreifen, sowohl auf der materiellen als auch auf der emotionalen Ebene.“

Strukturen schaffen – Spielräume nutzen

Ihnen fehlt beispielsweise die Sicherheit, sich in schwierigen Situationen an jemanden wenden zu können, etwa wenn sich eine Finanzierungslücke zwischen zwei Ausbildungsabschnitten ergibt. Oft fühlen sie sich völlig auf sich allein gestellt. Auch die ganz zentralen Fragen rund um Identität, Zukunftsplanung und Perspektiven sind längst nicht mit Erreichen der Volljährigkeit geklärt, sondern begleiten die jungen Erwachsenen noch einige Jahre lang. Dementsprechend ist es für sie einfacher, wenn sie die Übergänge in den verschiedenen Teilbereichen des Lebens (Auszug aus der stationären Erziehungshilfe, Übergang in den Beruf, Ortswechsel etc.) nacheinander bewältigen können, anstatt mehrere Schritte parallel machen zu müssen.
Zeller hält es auch für entscheidend, Übergänge nicht nur gut vorzubereiten, sondern auch tatsächlich zu begleiten, nicht zuletzt durch eine professionelle Nachbetreuung und das Nutzen von Spielräumen: „Die gesetzlichen Möglichkeiten, Hilfen über das 18. Lebensjahr hinaus zu gewähren, müssten stärker ausgeschöpft werden.“ Eine weitere notwendige Maßnahme sieht die Professorin darin, die Infrastruktur für Übergänge ins Erwachsenenalter auszubauen, etwa in Form von Ombuds- oder Beratungsstellen für Care-Leaver.

Übergänge intensiv begleiten

Wie wichtig eine umfassende Begleitung von Care-Leavern ist, betont auch Heike Jockisch, Leiterin der SOS-Einrichtung in Kaiserslautern: „Wenn junge Menschen in der Jugendhilfe in die Selbstständigkeit gehen, (…) brauchen sie oft noch einen fürsorglichen und zugewandten Menschen an ihrer Seite, der für sie ansprechbar ist zu Fragen aus allen Bereichen des Lebens – von der Alltagsabwicklung über berufliche und partnerschaftliche Fragen bis hin zur Gesundheitsfürsorge.“ Dementsprechend breit und flexibel ist das Angebotsspektrum, mit dem Jockisch und ihre Teams die ihnen anvertrauten jungen Menschen schrittweise beim Übergang in die Eigenständigkeit begleiten.

Einer dieser jungen Menschen ist Sebastian Ezelius, der auch lange nach seiner Zeit im Betreuten Wohnen noch engen Kontakt zur Einrichtung in Kaiserslautern pflegt. Für ihn spielt das Netz an ehemaligen Betreuern und Betreuten noch immer eine große Rolle. Bis heute kommt er regelmäßig zum offenen Treff und sucht gelegentlich Rat bei dem Pädagogen, der ihn damals begleitet hat: „Für mich ging damals vieles in die Brüche. (…) Da war der Carsten für mich eine große Stütze. In der Zeit war ich ziemlich oft in der LauBE (Lauterer Betreutes Einzelwohnen) und wir haben beraten, wie es weitergeht und was ich in Angriff nehmen könnte, damit zum Beispiel auch meine berufliche Zukunft gesichert ist.“

Gemeinsam Ziele und Fähigkeiten entwickeln

Dass die jungen Erwachsenen ihr eigenständiges Leben positiver wahrnehmen, wenn sie sich gut darauf vorbereitet fühlen und den Übergang aus der stationären Betreuung als für sich passend erlebt haben, zeigen auch Erkenntnisse aus der SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung. Besonders wichtig scheint beispielsweise zu sein, dass sich Jugendliche schon früh und regelmäßig an Entscheidungen beteiligen können, die ihr künftiges Leben und ihren Bildungsweg betreffen, und dass sie Einfluss auf die Gestaltung des Übergangs wie auch auf den Zeitpunkt des Auszugs haben. Zur Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben müssen die Jugendlichen natürlich einige lebenspraktische Kompetenzen wie Haushaltsführung oder den angemessenen Umgang mit Geld erwerben. Außerdem müssen sie lernen, eigene Beziehungen zu pflegen und sich ein kleines Netzwerk aufzubauen.

Handlungsbefähigung als Ressource für eine gelingende Selbstständigkeit

„Der andere Teil, den wir in der Praxisforschung unter ‚Handlungsbefähigung‘ zusammenfassen, berührt viele Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung und die eigene Zukunftsperspektive“, so Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts. „Es macht einen großen Unterschied, ob ich als Care-Leaver weiß, was auf mich zukommt, und die Zuversicht habe, das meistern zu können – oder ob ich eher Angst davor habe und eigentlich noch nicht bereit bin, allein zu leben. Entscheidend für meine Entwicklung als junger Mensch ist, dass ich eine Situation als positive Herausforderung wahrnehmen kann, also dass ich gefordert – aber nicht überfordert – bin und die Situation auch angehen will. Jugendliche und junge Erwachsene können nur die Schritte in die Eigenständigkeit gehen, die sie sich auch zutrauen.“

Erfahren Sie mehr über das Thema Leaving Care unter www.sos-fachportal.de/thema.

Quelle: SOS-Kinderdorf e.V.



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