Hilfen zur Erziehung / Sozialforschung

Kurzanalyse zu neuen HzE-Daten: 2018 erstmalig über eine Million erzieherische Hilfen

Ein Jugendlicher sitzt bei einer Frau im Beratungsgespräch.
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Das Statistische Bundesamt hat am 31.10.2019 die neuen Daten zu den Hilfen zur Erziehung des Jahres 2018 veröffentlicht. Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) im Forschungsverbund DJI/ TU Dortmund veröffentlicht eine erste Kurzanalyse der neuen Zahlen aus der amtlichen Statistik. Deutlich wird dabei auch, dass die Wachstumsdynamik nach den starken Fallzahlenzunahmen zwischen 2015 und 2017 im Horizont eines gestiegenen Hilfe- und Unterstützungsbedarfs von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (UMA) aktuell nachlässt.

Das Statistische Bundesamt hat am 31.10.2019 die neuen Daten zu den Hilfen zur Erziehung des Jahres 2018 veröffentlicht. Mit einer Zahl von 1.003.117 erzieherischen Hilfen für junge Menschen, die 2018 in Anspruch genommen worden sind, sind knapp 17.500 Leistungen mehr als im Vorjahr gemeldet worden (+2%). Damit wurde aktuell erstmalig die Millionen-Grenze bei der Anzahl der Hilfen gem. §§ 27/41 SGB VIII durchbrochen und ein weiterer historischer Höchstwert erreicht. Den Fallzahlen steht ebenfalls ein neuer Höchststand der von diesen Hilfen erreichten jungen Menschen gegenüber: 2018 waren dies 1.145.991. Gegenüber dem Vorjahr (1.118.347) entspricht das einem Anstieg von ebenfalls 2 Prozent.

Betrachtet man die längere Entwicklung der Hilfen, so hat sich das Fallzahlenvolumen seit 2010 um 16 Prozent erhöht (vgl. Abb. 1). Deutlich wird aber auch, dass die Wachstumsdynamik nach den starken Fallzahlenzunahmen zwischen 2015 und 2017 im Horizont eines gestiegenen Hilfe- und Unterstützungsbedarfs von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (UMA) aktuell nachlässt. Die jährliche Steigerungsquote knüpft somit eher an die Entwicklung in der Zeit davor an, also zwischen 2013 und 2015 an.

Starker Anstieg bei den beendeten Hilfen

Der 2018 weiterhin anhaltende Fallzahlenanstieg zeichnet sich dadurch aus, dass diese Entwicklung vor allem auf die beendeten Hilfen zurückzuführen ist. Dabei handelt es sich hauptsächlich um beendete Hilfen, die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisiert wurden. Auffällig ist, dass diese nun schon das zweite Jahr hintereinander jeweils deutlicher gestiegen sind als die begonnenen Hilfen – zwischen 2017 und 2018 immerhin 6 Mal stärker.

Erste Detailanalysen zum Alter zeigen zudem, dass 2018 die Hilfen im Vergleich zum Vorjahr vermehrt im Alter von 19 und 20 Jahren beendet wurden. Das trifft hauptsächlich auf die männlichen Heranwachsenden zu. Zwar werden die meisten Hilfen nach wie vor im Alter von 18 Jahren beendet. Bei den jungen Männern liegt die Beendigungsquote bei 473 Hilfen pro 10.000 der altersgleichen Bevölkerung; der nächste Wert darunter liegt bei 248 bei den 17-Jährigen. Gleichwohl hat sich die Beendigungsquote bei den 19- und 20-Jährigen männlichen Hilfeempfängern seit 2014 von 90 auf 218 Hilfen (19 Jahre) von bzw. 52 auf 111 Hilfen (20 Jahre) verdoppelt. Die Quote bei den 19-Jährigen liegt damit erstmalig über der Quote der 16-Jährigen, die in der Vergangenheit sonst die dritthöchste Beendigungsquote aufgewiesen haben.

Bereits frühere Analysen haben gezeigt, dass unbegleitete ausländische Minderjährige mit der Vollendung des 18. Lebensjahrs weiterhin im Hilfesystem verblieben sind (vgl. Fendrich/Tabel 2018; Fendrich/Pothmann 2019). Die ersten Analysen der Daten für das Jahr 2018 zum Alter und zum Geschlecht könnte einen Hinweis darauf geben, dass ein nicht unwesentlicher Teil dieser Gruppe auch noch über das 18. Lebensjahr hinaus eine Hilfe erhält. Diese Hypothese ist beispielsweise angesichts der schon genannten anderen Auswertungen der KJH-Statistik hochplausibel, muss aber mit den 2018er-Daten noch verifiziert werden. Weitere Detailanalysen zum Migrationshintergrund, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich sind, werden hier mehr Aufschluss geben.

Rückläufiger Trend bei der Gewährungspraxis von Fremdunterbringungen, steigende Fallzahlen im ambulanten Bereich

Die Analyse der in einem Jahr neu eingeleiteten oder auch gewährten Hilfen zur Erziehung und Hilfen für junge Volljährige gibt empirisch gestützte Einblicke in die Gewährungspraxis von Erziehungsberatungsstellen und insbesondere den Jugendämtern für diese Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Im Jahre 2018 wurden laut KJH-Statistik 510.883 Hilfen zur Erziehung begonnen. Das sind zwar rund 4.300 mehr als noch ein Jahr zuvor, allerdings beträgt die prozentuale Zunahme weniger als 1 Prozent. Somit ist für das besagte Jahr, ähnlich wie auch schon für 2016 und 2017, ein konstantes Fallzahlenvolumen für die innerhalb eines Jahres begonnenen Hilfen festzustellen.

Hinter der Konsolidierung der Fallzahlensumme insgesamt verbergen sich jedoch unterschiedliche Entwicklungen. So hat sich die Zahl der Erziehungsberatungen minimal erhöht (+1%). Für den ambulanten Bereich ist für 2018 ein Plus von 5 Prozent gegenüber 2017 auszumachen (etwa 5.800 Hilfen). Bis auf die ISE-Maßnahmen ist für alle ambulanten Hilfen ein Fallzahlenanstieg zu beobachten. Besonders deutlich fällt die Zunahme für die Erziehungsbeistandschaften (+2.030), die Sozialpädagogische Familienhilfe (+1.936) oder auch die „27,2er-Hilfen“ (+1.338) aus. Diese Hilfen machen zusammengenommen 92 Prozent des aktuellen Anstiegs für die ambulanten Hilfen insgesamt aus.

Vor dem Hintergrund eines nachlassenden Unterstützungsbedarfs für die Gruppe der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen sind die Fallzahlen bei der Fremdunterbringung erwartungsgemäß – wenn auch nicht in der Deutlichkeit wie noch 2016/2017 (-16%) – weiter gesunken. Das Fallzahlenvolumen hat sich gegenüber 2017 um 6 Prozent reduziert. Diese Entwicklung trifft für die Vollzeitpflege (-3%), mehr noch auf die stationären Hilfen in Heimen oder betreuten Wohnformen zu (-8%), während die ohnehin geringen Fallzahlen bei den stationären „27,2er-Hilfen“ angestiegen sind (+8%).  

Unter der Perspektive des Alters zeigt sich zudem, dass die neu gewährten Hilfen für junge Volljährige zwar im Jahr 2018 weiter gestiegen sind. Jedoch fällt die Wachstumsdynamik nicht so stark aus wie in den Jahren 2016 und 2017, welche vor allem mit einem weiteren Verbleib ehemaliger UMA mit der Volljährigkeit zusammenhängt. Die aktuellen Inobhutnahmedaten von 2019 zu den Anschlusshilfen für junge Volljährige (ehemals UMA) können womöglich erste Hinweise auf einen rückläufigen Trend bei den Hilfen für junge Volljährige geben (vgl. Gnuschke/Pothmann 2019). Gleichzeitig ist die Gewährungsquote bei den minderjährigen Adressat(inn)en 2018 gegenüber dem Vorjahr gestiegen, nachdem diese zwischen 2016 und 2017 noch rückläufig gewesen ist. Die Frage, inwieweit sich Besonderheiten diesbezüglich  in den einzelnen Hilfearten abzeichnen, wird in weiteren Detailanalysen beantwortet.  

Weitere Datenaufbereitungen

Die Homepage zum Monitor Hilfen zur Erziehung wird derzeit mit Blick auf die Daten des Jahres 2018 aktualisiert. Die Auswertungen zu den Fallzahlen werden bis Anfang nächsten Jahres abgeschlossen sein. Bislang liegen noch keine Ergebnisse zu den Ausgaben der Jugendämter für Hilfen zur Erziehung und Hilfen für junge Volljährige für das Jahr 2018 vor und auch noch keine Resultate zur Einrichtungs- und Personalstatistik, die zum 31.12.2018 erhoben wurde.
Inwiefern die Auswertungen zum Monitor Hilfen zur Erziehung in der gewohnten Differenzierung fortgeführt werden können, ist derzeit allerdings noch offen. Das Statistische Bundesamt hat sich strengere Auflagen im Rahmen der Geheimhaltung von Daten auferlegt. Es werden nunmehr in den Veröffentlichungstabellen Zellen, die mit 1 oder 2 besetzt sind, gesperrt. Neben dieser primären Sperrung von Zellen muss auch mindestens eine weitere Zelle pro Spalte bzw. Zeile gesperrt werden (Sekundärsperrung), um zu vermeiden, dass über Differenzbildung die Geheimhaltung umgangen werden kann. Dies bedeutet einen erheblichen Aufwand, zumal die Sperrung der Zellen bei den Statistischen Ämtern noch nicht automatisiert, sondern manuell durchgeführt werden muss.

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik gehört zum Forschungsverbund DJI/TU Dortmund an der Technischen Universität Dortmund. Seit 1997 analysiert die AKJStat  die Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik zu u.a. der Kindertagesbetreuung, der Kinder- und Jugendarbeit oder auch den Hilfen zur Erziehung. Darüber hinaus entwickelt sie im Dialog mit Statistischen Ämtern sowie der Fachpraxis, Politik und Wissenschaft Vorschläge zur Weiterentwicklung der Statistik.

Gefördert wird die AKJStat durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW (MKFFI) sowie die TU Dortmund. Weitere Informationen: www.akjstat.tu-dortmund.de

Die Kurzanalyse „Neue Daten des Statistischen Bundesamtes erschienen: 2018 erstmalig über eine Million erzieherische Hilfen“ (PDF, 390 KB) wurde von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik erstveröffentlicht und steht dort als Download zur Verfügung.

Für weitere Informationen können die Standardtabellen zu den Hilfen zur Erziehung 2018 auf den Seiten des Statistischen Bundesamtes abgerufen werden.

Quelle: Arbeitsstelle Kinder-und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund DJI/TU Dortmund, Agathe Tabel, Jens Pothmann und Sandra Fendrich