Hilfen zur Erziehung / Coronavirus

Forschungsprojekt EMPOWERYOU: Auswirkung der Corona-Epidemie auf Pflegefamilien

Ein Junge sitzt mit gesenktem Blick auf dem Boden vor einer kahlen Steinwand
Bild: © fidelio - Fotolia.com

Angesichts der Coronavirus-Pandemie hat das EMPOWERYOU-Konsortium ein Statement zu den Auswirkungen und spezifischen Herausforderungen der aktuellen Situation auf Pflegefamilien herausgegeben. Im Forschungsprojekt EMPOWERYOU stehen die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Fremdunterbringung im Fokus.

Die Corona-Epidemie ist aktuell das vorherrschende Thema in allen Medien. Täglich erreichen uns hunderte Schlagzeilen mit den verschiedensten Informationen. Mit der Flut an Neuigkeiten sind sogar wir Erwachsenen überfordert. Unser Alltag hat sich massiv verändert und gewohnte Strukturen brechen auseinander. Besonders Familien sind durch die aktuelle Situation außergewöhnlich belastet. Die Schließung von Kindergärten, Schulen und jeglichen Freizeitangeboten für Kinder stellen die Familien vor große Herausforderungen. Hinzu kommen für die Eltern zusätzliche Aufgaben, wie z.B. im Home-Schooling. Die Kinder müssen in dieser unsicheren Situation ihren Alltag umstellen und auf gewohnte Dinge verzichten. In dieser Ausnahmesituation sind Überforderung und Stress in Familien gewissermaßen normal.

Wenig Unterstützung und große Unsicherheit für Pflegeeltern

Dem Team des Forschungsprojektes EMPOWERYOU, in dessen Fokus die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Fremdunterbringung steht, ist es in der aktuellen Situation ein wichtiges Anliegen, noch einmal gesondert auf die spezifischen Schwierigkeiten hinzuweisen, mit denen sich Pflegefamilien im Augenblick konfrontiert sehen.

Die aktuelle Lage trifft Pflegefamilien im Allgemeinen und vor allem die, die Kinder betreuen, die auf Grund ihrer belastenden Biografien besonderer Fürsorge bedürfen, noch einmal in besonderem Ausmaß. Nicht nur, dass die Unterstützung durch externe Betreuungseinrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Sportvereine, Musikschulen oder ähnliches wegfällt, die Pflegefamilien müssen noch weitere Herausforderungen meistern. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern ist nicht ohne Weiteres möglich, auch Besuche der Vormundin/des Vormundes können nicht stattfinden. Jugendämter mussten ihre Kapazitäten reduzieren, Hilfeplangespräche wurden auf ungewisse Zeit verschoben und auch therapeutische Maßnahmen können nicht mehr oder nur noch in reduziertem Umfang stattfinden.

Klare Regelungen oder Vorgaben, wie mit der veränderten Situation umzugehen ist, gibt es jedoch noch nicht, was eine große Unsicherheit für die Pflegeeltern bedeutet. Der Wegfall dieser gewohnten, alltäglichen Strukturen ist für die Pflegekinder in höchstem Maße verunsichernd und kann Gefühle von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein hervorrufen. In ihren Biografien wurden viele Pflegekinder mit Situationen konfrontiert, die möglicherweise zu einem ähnlichen emotionalen Erleben geführt haben. Dazu können unter anderem Viktimisierungserfahrungen gehören, das heißt zum Beispiel Erfahrungen von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung. Kinder, die in ihrer Biografie solche Erfahrungen gemacht haben, werden auch in ihrem späteren Leben häufiger erneut reviktimisiert als Kinder, die diese frühen Erfahrungen nicht gemacht haben. Das bedeutet, dass im Augenblick Pflegekinder, die in ihrem Leben solche Viktimisierungserfahrungen gemacht haben, besonders unterstützt werden müssen.

Pflegefamilien nicht alleine lassen

Es ist unbedingt notwendig, dass der Kinderschutz auch in Zeiten der Corona-Epidemie nicht in den Hintergrund gerät. Pflegefamilien dürfen in der aktuellen Situation nicht allein gelassen werden. Das Team des Forschungsprojektes EMPOWERYOU begrüßt es daher ausdrücklich, dass die Kinder- und Jugendhilfe vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit Meldung vom 31.03.2020 als „systemrelevant“ eingeschätzt wurde. Nun ist es wichtig, dass die entsprechenden Maßnahmen möglichst zeitnah umgesetzt werden und Kinder und Eltern in dieser Ausnahmesituation bestmöglich betreut und unterstützt werden.

Die Stellungnahme „Auswirkungen der Corona-Epidemie auf Pflegefamilien“ (PDF, 114 KB) steht zum Download auf den Seiten der Uni Bielefeld zur Verfügung.

Über EMPOWERYOU

Gewalt, Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch in Kindheit und Jugend haben dramatische Folgen für die Betroffenen, unter denen sie meist ein Leben lang leiden. Die Mehrzahl der Pflege- und Adoptivkinder hat in ihrer Ursprungsfamilie Gewalt, Vernachlässigung und/oder Missbrauch erfahren. Mit der Fremdbetreuung ist die Gefahr, erneut Opfer von Gewalt zu werden, jedoch nicht gebannt: Vielmehr haben Pflege- und Adoptivkinder ihr Leben lang ein deutlich erhöhtes Risiko, Opfer von Mobbing und Gewalt zu werden.

Das übergeordnete Ziel des Verbundes EMPOWERYOU ist es, Pflege- und Adoptionsfamilien sowie Kinder und Jugendliche in Fremdunterbringung bei der Bewältigung früherer traumatischer Erfahrungen zu unterstützen und dem Risiko zukünftiger Mobbing- und Gewalterfahrungen entgegenzuwirken. Die untersuchten Kinder und Jugendlichen können dabei sowohl Täter als auch Opfer von Mobbing sein, z.B. in der Schule oder im Freundes- und Bekanntenkreis. Mobbing umfasst hier auch das so genannte Cyber-Mobbing mittels neuer Medien und in sozialen Netzwerken. Basierend auf den gewonnenen Ergebnissen werden dann maßgeschneiderte, internetbasierte Präventionsprogramme entwickelt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überprüft. Wenn sich diese als effektiv erweisen, können sie leicht und kostengünstig verbreitet und eingesetzt werden.

Quelle: Forschungsprojekt EMPOWERYOU, Bundesministerium für Bildung und Forschung

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