Schweiz

Care Leaver – zwischen Schutz und Sicherheit

Eine jugendliche mit schwarzem Kapuzenpulli hält ihre Hände ineinander verschränkt vor dem Mund und schaut konzentriert
Bild: Christian Ferrer - unsplash.com

Kinder und Jugendliche in stationären sozialpädagogischen Einrichtungen benötigen dringend Lobbyarbeit. Nicht nur in der Corona-Krise. Bleibt die Frage: Wie haben sich Lockdown und Pandemie auf diese jungen Menschen ausgewirkt? Und speziell auf sogenannte Care Leaver. Mit der Volljährigkeit sind sie plötzlich auf sich alleine gestellt. In der Schweiz haben Universitäten jetzt erste Umfrageergebnisse zu diesem Themenspektrum veröffentlicht.

Auch wenn bislang nur Zwischenberichte unterschiedlicher Umfragen vorliegen, so lässt sich auf jeden Fall feststellen, dass auch bei Heimkindern und Care Leavern die Pandemie wie ein Katalysator wirkt. „Sie haben weniger Ressourcen, weniger soziale Netzwerke und die Krise verschärft jetzt Bedingungen, die vorher schon schlecht waren“, stellt Angela Rein fest. Sie ist Professorin mit den Forschungsschwerpunkten Kinder- und Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung (HzE) und Übergänge aus der stationären Jugendhilfe an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten.

Care Leaver und Heimkinder gehören zu den jungen Menschen, die oftmals nicht im politischen Fokus stehen. So wurden während des ersten Lockdown in der Schweiz die Kinderheime von der Politik genauso behandelt wie Altersheime oder Einrichtungen für Pflegebedürftige. Von einem Tag auf den anderen sollten die betroffenen Kinder wegen der strengen Kontaktbeschränkungen entscheiden, ob sie durchgehend zu ihren Familien zurückgehen oder ohne familiären Kontakt, der sonst am Wochenende möglich gewesen wäre, im Heim bleiben. „Das hatten die kantonalen Fachstellen gar nicht auf dem Schirm. Da wurde die Lebensrealität von Kindern, die an ganz unterschiedlichen Orten gelebt haben, gar nicht berücksichtigt“, so Rein.

Ohne gewohnte Tagesstruktur

Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt die länderübergreifende Studie zu Heimkindern und Corona. Sie wurde durchgeführt von der Universitäre Psychatrische Kliniken Basel (UPK) und dem Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik Integras. Teilgenommen hatten über eine offene Onlinebefragung in der Heimerziehung mehr als 230 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in der Schweiz, Deutschland, Luxemburg und Österreich. Die Studie hatte zum Ziel sowohl die besonderen Belastungen der Heimjugendlichen abzubilden, als auch die speziellen Herausforderungen der sozialpädagogischen Fachkräfte.

Der Grund für die Studie war, dass Kinder und Jugendliche, die im Heim untergebracht sind, häufig aus psychosozial hoch belasteten Familien kommen. Während des Lockdown verloren sie nicht nur ihre gewohnte Tagesstruktur, sondern auch den Kontakt zu Freunden und der Familie.

„Keiner kümmert sich um uns“

Die Beantwortung der über 100 weitgehend anonymisierten Fragen wurde von den Jugendlichen gewissenhaft durchgeführt, aber auch mit einem Augenzwinkern kommentiert: „Du hast mir 30 Minuten von meinem Abend genommen, den ich hätte mit Netflix verbringen hätte können.“ (weiblich, 18 Jahre). Andere freuten sich: „Keiner auf der Welt kümmert sich sonst um uns, danke.“ (männlich, 14 Jahre)

Schwierig war es demnach für die Kinder und Jugendlichen, sich an die neuen Regeln zu halten und deren Sinn anzuerkennen: „Am Esstisch Abstand zu halten. Das bringt eh nichts, wir leben in einem Haus.“ (weiblich, 16 Jahre). Viel problematischer war jedoch, dass der Kontakt zu den Familien jäh unterbrochen wurde. „Dass wir lange nicht nachhause durften.“ (männlich, 15 Jahre)

Sorgen um die Familie

Generell sorgten sich die Teenager während des ersten Lockdown darum, dass jemand aus ihrer Familie an Corona erkranken könnte (48 Prozent), um die finanziellen Folgen für ihre Familien (33 Prozent), die psychische Belastung ihrer Eltern und Geschwister (26 Prozent) oder um Ausbrüche häuslicher Gewalt (9 Prozent). Die Studie kam außerdem zu dem Schluss, dass Sozialpädagog(inn)en und Leitungspersonen in der Pandemie für die jungen Menschen eine Schlüsselfunktion übernehmen. Dabei spielt eine erhebliche Rolle, wie die Qualität der Beziehung zwischen Jugendlichen und den zuständigen Betreuer(inne)n schon vor der Krise war.

Gute Einblicke gibt auch der Blog „Hereimspaziert“ dahingend, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf alle Beteiligten hat. Hier schreibt unter anderem die Leiterin Martina Suter des Kompetenzzentrum Jugend und Familie Schlossmatt in Bern über ihre Erfahrungen: „Die Institution komplett zu schließen ist für uns keine Option. Die Kinder und Jugendlichen sind bei uns aufgrund von schwierigen Lebenssituationen, die sie alleine mit den Eltern nicht lösen können. Dennoch haben sie ein Recht auf ihre Eltern, ihr familiäres Umfeld und grundsätzlich auf ihre Sozialkontakte. Die hohe Flexibilität der Angebote bewährt sich, ist allerdings in Coronazeiten auch eine besondere Herausforderung.“

Übergangsprozess dauert länger

Generell ist zu erfahren, dass wohl keine Einrichtung während des Lockdown oder auch danach potentielle Care Leaver in die Selbstständigkeit entlassen hat, weil die Umstände während der Pandemie für alle Jugendlichen komplizierter geworden sind. Praktika oder Ausbildungsplätze zu finden gestaltet sich wegen der Kontaktbeschränkungen schwieriger. Auch eine eigene Wohnung zu suchen ist momentan nicht einfach. Zumal der sogenannte Übergangsprozess in die Erwachsenenwelt oftmals bei Care Leavern länger dauert. Sie verfügen über weniger Möglichkeiten als Gleichaltrige oder auch die Schullaufbahn ist nicht immer optimal verlaufen. Ebenso kann es vorkommen, dass Schule oder Ausbildung zum Zeitpunkt des Übergangs in die Selbstständigkeit noch nicht abgeschlossen ist.

„Die Schweiz liegt zehn Jahre zurück im Vergleich zu Deutschland in dieser Thematik“, bedauert die Leiterin des Kompetenzzentrums Leaving Care Beatrice Knecht Krüger in Bern. Sie engagiert sich in der Lobbyarbeit und versucht die einzelnen Kantone für die Lebensumstände von Care Leavern zu sensibilisieren. Ihre Einschätzung über die Auswirkungen der Pandemie ist nicht eindeutig. Auf der einen Seite wurde der sogenannte Notgroschen nicht öfters angefragt als sonst, auf der anderen Seite fiel es Care Leavern wohl emotional schwerer, sich in Quarantäne zu begeben und mit Isolation und Einsamkeit zurecht zu kommen.

Gleichzeitig erwähnt sie aber auch die Stärken von Kinder und Jugendlichen mit Heimerfahrung. „Meine Hypothese ist, dass sie eigentlich krisenerprobter sind.“ Da aber speziell Care Leaver eine sehr heterogene Gruppe sind, von denen viele auch noch Rassismuserfahrungen haben, können noch keine abschließenden Aussagen gemacht werden. Damit sich das ändert plant Angela Rein folgendes Projekt an der FHNW umzusetzen: „Wir werden mit Studierenden kleine Videoclips produzieren. Im Mittelpunkt steht das Erleben der Corona-Krise im Heim. Es geht darum, die verschiedenen Wahrnehmungen zusammenzutragen.“

Bei einer kleinen kürzlich durchgeführten ebenfalls anonymisierten Umfrage im Netzwerk der Care Leaver in der Schweiz wurde unter anderem der Wunsch laut: „Ich wäre froh, wenn wir lernen mit dem Virus zu leben.“ Dem kann sich wohl in diesen Zeiten jede und jeder anschließen.

Autorin: Caroline Schmidt-Gross

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