Sozialforschung / Europa

Trübe Aussichten für junge Generationen in OECD-Ländern

Steg auf dem Wasser
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Die Beschäftigungsdaten erreichen in fast allen EU- und OECD-Staaten wieder bessere Werte als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Dennoch ist das Armutsrisiko kaum gesunken. Stillstand herrscht auch bei der Generationengerechtigkeit. Deutschland belegt im internationalen Ranking des Social Justice Index den 10. Platz.

Weltweit haben sich die Arbeitsmärkte im Vergleich zu den Krisenjahren nach 2008 deutlich erholt. Rund zehn Jahre nach Ausbruch der globalen Finanzkrise liegt die durchschnittliche Arbeitslosenquote in den 41 untersuchten EU- und OECD-Ländern mit 5,3 Prozent erstmals leicht unterhalb des Vorkrisenniveaus von 2008 (5,7 Prozent). Doch die Rallye am Arbeitsmarkt hat bisher keine entscheidenden Auswirkungen auf die Armutsquoten. In 25 der 41 untersuchten Staaten stagniert das Armutsrisiko oder ist sogar gestiegen. Dabei sind Kinder oftmals häufiger von Armut bedroht als ältere Menschen. Allgemein wird laut Bertelsmann Stiftung zu wenig für die Gerechtigkeit zwischen den Generationen getan, und das trotz Herausforderungen wie Erderwärmung oder dem demografischen Wandel.

Das sind die zentralen Ergebnisse aus dem aktuellen Social Justice Index, der jährlich anhand von umfassenden Datenauswertungen für Bereiche wie Arbeitsmarkt, Armutsvermeidung oder Bildung die Teilhabechancen für insgesamt 41 EU- und OECD-Staaten erfasst.

Arm trotz Arbeit? Aufschwung geht an vielen Menschen vorbei

Mit Island und Norwegen stehen erneut die nordischen Länder auf den Spitzenpositionen in puncto sozialer Gerechtigkeit. Hier sind laut Untersuchung die Teilhabechancen für alle Menschen am stärksten ausgeprägt. Deutschland landet an zehnter Stelle. Die USA hingegen gehören mit dem 36. Platz klar zu den Schlusslichtern im Ranking.

Auffallend an der Gesamtbilanz ist das Missverhältnis zwischen Arbeitsmarkt- und Armutsdaten. In fast allen Staaten waren 2018 deutlich mehr Menschen beschäftigt als auf dem Höhepunkt der Wirtschafts- und Finanzkrise 2013. Auch die Arbeitslosigkeit ist in diesem Zeitraum in fast allen Ländern zurückgegangen. Spitzenreiter ist hier Tschechien mit einer Arbeitslosenquote von nur 2,3 Prozent. In Griechenland hingegen ist, trotz positiver Entwicklung, immer noch knapp jeder Fünfte arbeitslos (19,5 Prozent). Ungeachtet der insgesamt positiven Trends an den Arbeitsmärkten, hält sich das Armutsrisiko in vielen Ländern hartnäckig oder ist sogar gestiegen. So ist in Spanien beispielsweise die Beschäftigungsquote zwischen 2013 und 2018 von rund 55 auf 62 Prozent geklettert. Gleichzeitig ist das Armutsrisiko im selben Zeitraum um fünf Prozent auf 14,6 Prozent gestiegen. Am häufigsten von Armut bedroht sind Menschen in Israel (17,9 Prozent) und den USA (17,8 Prozent).

Kinder sind in vielen Ländern häufiger von Armut bedroht als ältere Menschen

Sorgen bereitet den Autoren auch die Kluft zwischen Jung und Alt. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind in 27 der 41 EU- und OECD-Staaten – zum Teil deutlich – häufiger von Armut bedroht als die über 65-Jährigen. Interessanterweise gilt dieser Befund auch für Staaten mit ausgeprägten sozialen Sicherungssystemen.

In Schweden ist das Armutsrisiko für Kinder und Jugendliche mit 12,3 Prozent mehr als doppelt so hoch wie das von Älteren (4,8 Prozent), in Norwegen sind Kinder und Jugendliche sogar sechsmal häufiger von Armut bedroht (7,2 Prozent) als Menschen im Rentenalter (1,2 Prozent). Darüber dürfe laut Autoren jedoch nicht vergessen werden, dass Altersarmut weiterhin in vielen EU- und OECD-Staaten ein weit verbreitetes Problem ist. Dabei stehen die Regierungen vor der Herausforderung, ältere Menschen sozial abzusichern und gleichzeitig ihre Rentensysteme zukunftsfähig zu machen.

Zusätzlich kritisieren die Autoren eine zu zaghafte Klima- und Umweltpolitik, was auch bei der Nutzung erneuerbarer Energien deutlich wird: Lediglich drei der 41 EU- und OECD-Länder decken Ihren Energiebedarf zu über 50 Prozent aus erneuerbaren Energien. Gerade die Industrieländer sollten nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung hier ihrer Vorbildrolle besser gerecht werden.

Deutschland: Boom am Arbeitsmarkt verdeckt Mangel bei Generationengerechtigkeit

Deutschlands gute Platzierung im Gesamtranking beruht vor allem auf der anhaltenden Erfolgskurve am Arbeitsmarkt. Neben der stetig sinkenden Arbeitslosenquote gehört die Jugendarbeitslosigkeit mit 6,2 Prozent im internationalen Vergleich zu den niedrigsten. Lediglich in Japan und Island ist die Quote noch geringer.  

Dennoch gilt auch für Deutschland das Paradox: Mehr Arbeit führt nicht automatisch zu weniger Armut. Während die Beschäftigungsrate zwischen 2013 und 2018 von 73,5 auf 75,9 Prozent gestiegen ist, hat sich das Armutsrisiko im selben Zeitraum von 9,4 auf 9,8 Prozent erhöht. Anders als in der Mehrzahl der Länder ist das Armutsrisiko in Deutschland für ältere Menschen mit 9,7 Prozent, der höchste Stand seit zehn Jahren, leicht höher als das für Kinder und Jugendliche (7,6 Prozent). Nur mittelmäßig gelingt in Deutschland die ausgeglichene Vertretung von Interessen jüngerer und älterer Generationen.  

Vergleichsweise fortschrittlich zeigt sich die Bundesrepublik bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. So investiert Deutschland 0,83 Prozent des BIP in diesem Bereich – nur in vier Ländern ist dieser Wert höher. Auf der anderen Seite monieren die Autoren die fehlende Vorbildrolle Deutschlands in Bezug auf die Umwelt- und Klimapolitik. Zwar konnte Deutschland im vergangenen Jahr seine Nutzung erneuerbarer Energien weiter auf einen Anteil von 14,2 Prozent ausbauen, liegt damit im Ländervergleich jedoch nur auf Rang 24. Auch die hohen Treibhausgasemissionen von rund 11 Tonnen pro Kopf (Rang 30) zeigen, dass Deutschland beim Klimaschutz hinterherhinkt.

Zusatzinformationen

Mit dem sozialen Gerechtigkeitsindex werden anhand von 46 quantitativen und qualitativen Kriterien die Teilhabechancen in den 41 EU- und OECD-Staaten untersucht. Der Index betrachtet sechs Dimensionen sozialer Gerechtigkeit: Armut, Bildung, Arbeitsmarkt, Generationengerechtigkeit, Gesundheit sowie Soziale Inklusion und Nicht-Diskriminierung. Der Social Justice Index 2019 berücksichtigt international verfügbare Daten bis zum 28. Oktober 2019.

Quelle: Bertelsmann Stiftung vom 05.12.2019

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