Studie

Muslimisches Leben in Deutschland 2020

Drei Frauen mit Kopftuch lachen
Bild: rawpixel.com   Lizenz: CC0 / Public Domain eigene Arbeiten

Das muslimische Leben in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich vielfältiger geworden, die Zahl der Musliminnen und Muslime ist gewachsen und ihre gesellschaftliche Einbindung ist sehr viel besser als oftmals angenommen. Das ergibt die aktuelle Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“ des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Sie enthält u.a. eine Hochrechnung der muslimischen Religionsangehörigen mit Migrationshintergrund, eine Beschreibung ihrer Sozialstruktur, Analysen zur Religiosität und religiösen Alltagspraxis sowie zu verschiedenen Aspekte der Integration.

Zwischen 5,3 und 5,6 Millionen muslimische Religionsangehörige

Dr. Axel Kreienbrink, der Gruppenleiter im BAMF-Forschungszentrum, erklärt zur Studie:

„Ein wichtiges Ziel der Studie war die Aktualisierung der Zahl der in Deutschland lebenden muslimischen Religionsangehörigen mit Migrationshintergrund. Darüber hinaus liefert die Studie umfangreiche belastbare Erkenntnisse zum sozialen und religiösen Leben von Musliminnen und Muslimen in Deutschland und zu ihrer Integration. Die umfassende Datenbasis macht die Studie einzigartig und zu einem Standardwerk zu diesem Thema“.

Nach der Hochrechnung der Forscherinnen leben aktuell zwischen 5,3 und 5,6 Millionen muslimische Religionsangehörige in Deutschland. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt damit zwischen 6,4 Prozent und 6,7 Prozent. Im Vergleich zur letzten Hochrechnung im Jahr 2015 ist die Zahl der muslimischen Religionsangehörigen um rund 900.000 Personen gestiegen.

Die muslimische Bevölkerung ist vielfältiger geworden

Die muslimische Bevölkerungsgruppe in Deutschland ist im Zusammenhang mit der Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern im Nahen und Mittleren Osten in den letzten Jahren vielfältiger geworden. Muslimische Religionsangehörige mit einem Migrationshintergrund aus der Türkei bilden mit 2,5 Millionen weiterhin die größte Herkunftsgruppe, stellen mit einem Anteil von 45 Prozent aber nicht mehr die absolute Mehrheit. Fast 1,5 Millionen Musliminnen und Muslime (27 Prozent) haben einen Migrationshintergrund aus einem arabischsprachigen Land im Nahen Osten (19 Prozent) oder Nordafrika (8 Prozent). Dominierendes Herkunftsland ist Syrien mit rund 730.000 Personen.

Die Hälfte der Muslime und Musliminnen sind deutsche Staatsangehörige

Muslimische Religionsangehörige bilden eine junge Bevölkerungsgruppe. Ein Fünftel (21 Prozent) sind Kinder oder Jugendliche im Alter von unter 15 Jahren. Weitere 22 Prozent sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. Nur 5 Prozent sind älter als 64 Jahre. Bei der Gesamtbevölkerung ist der Anteil der über 64-Jährigen mit 21 Prozent mehr als viermal so hoch. Ein wichtiges Ergebnis im Hinblick auf die Sozialstruktur ist zudem, dass fast die Hälfte der Musliminnen und Muslime in Deutschland deutsche Staatsangehörige sind (47 Prozent).

Die Mehrheit ist gläubig

Personen mit Migrationshintergrund aus muslimisch geprägten Herkunftsländern sind laut Ergebnissen der Studie deutlich religiöser als Personen ohne Migrationshintergrund: Bei den Christinnen und Christen ohne Migrationshintergrund beträgt der Anteil stark oder eher gläubiger Personen 55 %. Demgegenüber geben 82 Prozent der Musliminnen und Muslime sowie der Personen aus den entsprechenden Herkunftsländern, die einer anderen Religion angehören, an, stark oder eher gläubig zu sein. Religiöse Regeln werden dabei jedoch sehr unterschiedlich in den Alltag integriert: So beten 39 Prozent der Muslimminnen und Muslime täglich, 25 Prozent dagegen nie. Das Kopftuch spielt eine geringere Rolle als häufig angenommen: 70 Prozent der Musliminnen tragen kein Kopftuch. „Insgesamt zeigt sich somit auch hinsichtlich der religiösen Alltagspraxis, dass das muslimische Leben in Deutschland viele Facetten aufweist und eine Pauschalisierung weder möglich noch sinnvoll ist.“ schlussfolgert Katrin Pfündel, Co-Autorin des Forschungsberichts.

Keine sozialen Abgrenzungstendenzen erkennbar

Viele muslimische Personen fühlen sich mit Deutschland stark verbunden. Der Großteil der Musliminnen und Muslime, der eine Vereinsmitgliedschaft besitzt, hat diese in einem deutschen Verein. Auch die Häufigkeit der Alltagskontakte zu Personen deutscher Herkunft ist hoch. Zwei von drei Personen haben häufig Kontakt zu Personen deutscher Herkunft im Freundeskreis. Muslimische Religionsangehörige mit weniger sozialen Kontakten haben den starken Wunsch zu häufigeren Kontakten zu Personen ohne Migrationshintergrund.

Der Einfluss der Religion auf die Integration wird häufig überschätzt

In Bezug auf die schulische Bildung lässt sich bei muslimischen Religionsangehörigen im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund noch ein Nachholbedarf erkennen: Der Anteil der über 16-Jährigen ohne Schulabschluss ist höher (16 % gegenüber 3 %), die Erwerbsquote insbesondere bei Frauen niedriger. Zieht man als Vergleichsgruppe allerdings Menschen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern heran, die einer anderen Religion angehören, zeigen sich ähnliche Tendenzen wie bei der muslimischen Bevölkerungsgruppe. So sind etwa die Deutschsprachkenntnisse, die Bildung oder die Erwerbseinbindung beider Gruppen sehr ähnlich. Mit diesen Befunden relativiert sich die Rolle der Religion bei der Integration. Vielmehr verdeutlichen die Analysen den starken Einfluss migrationsbiographischer Faktoren auf viele Aspekte der Integration, so etwa die Aufenthaltsdauer oder Zuwanderungsgründe.

Methodik und Umfang der Studie

Zwischen Juli 2019 und März 2020 wurde eine bundesweit repräsentative Befragung unter Zugewanderten aus 23 verschiedenen muslimisch geprägten Herkunftsregionen als auch deren in Deutschland geborene Nachkommen durchgeführt. Insgesamt wurden rund 4.600 Männer und Frauen, die aus der Türkei, Südosteuropa, Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten stammen, auf Basis eines standardisierten Fragebogens persönlich befragt. Des Weiteren wurden rund 600 deutsche Staatsangehörige ohne Migrationshintergrund als Vergleichsgruppe interviewt.

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vom 28.04.2021

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