Sozialforschung / Digitalisierung und Medien

Mit Kompetenz-App können Eltern Soft-Skills benennen

Vier junge Kollegen und Kolleginnen sitzen lächelnd an einem Tisch, auf dem kleine Fotos liegen, über die sie sich austauschen
Bild: rawpixel.com

Eltern, Führungskräfte und Unternehmer können mit einer Kompetenz-App die von Beschäftigten informell erworbenen Kompetenzen wie etwa Elternkompetenzen neu wertschätzen und betrieblich nutzbar machen. Diese neue Herangehensweise an das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie führt nach Ergebnissen der Pilotstudie des WorkFamily-Instituts und der Goethe-Universität zu erhöhter Arbeitgeberattraktivität, Employability und Produktivität und ist ein wichtiger Faktor des Unternehmenserfolgs wie auch der Mitarbeiterzufriedenheit.

An der Pilotstudie „Bewusstseinsbildung zum Wert von Familie für das Unternehmen“ nahmen von September bis Oktober 2018 23 Mitarbeitende und Führungskräfte aus 7 Unternehmen teil. Gefördert wurde das Projekt vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration und von der hessenstiftung – familie hat zukunft, die damit eine Empfehlung der Kommission „Hessen hat Familiensinn“ umsetzten. Die Probanden setzten die Kompetenz-App „be:able“ an drei aufeinanderfolgenden Tagen ein, um alltäglich angewendete Soft-Skills besser benennen und im Unternehmen einsetzen zu können. Dazu mussten sie erstens einschätzen, wie gut ihnen die jeweilige Kompetenz gelingt. Zweitens war gefragt, ob diese Kompetenz sie zu einer besseren Mitarbeiterin oder einem besseren Mitarbeiter macht. Drittens war zu beantworten, ob sie diesen Soft-Skill weiter trainieren möchten.

Soft-Skills wie etwa Emotionsregulation oder Konsequentsein

Das Besondere an der Kompetenz-App sei, dass sie bei den Eltern Zuhause wirkt. Dort lernten sie, unbewusst angewendete Kompetenzen zu benennen, sagt Joachim E. Lask vom WorkFamily-Institut und Projektleiter und führt weiter aus: „Mit der Kompetenz-App erkennen Eltern spielend leicht ihre Soft-Skills wie etwa Emotionsregulation oder Konsequentsein, die in einer Weiterbildung schwierig zu trainieren sind.“

Chancen von Elternschaft im Berufsalltag

Mit der Kompetenz-App machen wir die vorhandenen Kompetenz-Ressourcen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Unternehmen nutzbarer und stärken so die berufstätigen Eltern. Anstatt uns auf die Herausforderungen zu konzentrieren, wenn Mitarbeitende Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen, fokussieren wir uns auf ihre Ressourcen und die Chancen von Elternschaft im Berufsalltag. Durch diesen Paradigmenwechsel unterstützen wir die Entwicklung einer familienbewussten Unternehmenskultur.“ resümiert Dr. Nina M. Junker von der Goethe-Universität Frankfurt das Projektergebnis. Sie sieht eine gute Einsatzmöglichkeit der Kompetenz-App sowohl in kleineren und mittleren Unternehmen (KMUs) als auch in DAX-Unternehmen.

Hilfe zur Selbststeuerung und Selbsterkenntnis

„Die Kompetenz-App ist für mich persönlich eine große Hilfe zur Selbststeuerung und Selbsterkenntnis. Der höchste Gewinn der App ist, dass Mitarbeiter für sich erkennen, welche Kompetenzen sie erlernen, und dass sie als Persönlichkeiten wachsen. Und wenn Mitarbeiter persönlich wachsen, wächst automatisch das Unternehmen mit.“ sagt Peter Ullinger, seit 30 Jahren Führungskraft und Geschäftsführer des Unternehmens Dannewitz.

Die Auswertung der 350 Einträge der Probanden in der App ergab, dass die erwerbstätigen Eltern und Führungskräfte Soft-Skills insbesondere in folgenden Bereichen informell trainiert haben:

  • (a) beziehungsorientierte Soft-Skills wie konkret loben, zuhören, Dankbarkeit zeigen und effektiv und klar kommunizieren,
  • (b) aufgabenorientierte Soft-Skills wie Anleiten, Aufforderungen geben oder Durchsetzungsfähigkeit beweisen und
  • (c) selbstorientierte Soft-Skills wie geduldig sein, Emotionen regulieren oder die verfügbare Zeit managen.

Die Probanden sahen dabei stets einen deutlichen Nutzen dieser Soft-Skills für eine bessere Produktivität im Unternehmen (… macht mich zu einer besseren Mitarbeiterin / einem besseren Mitarbeiter). Außerdem waren sie stets hoch motiviert, diese Soft-Skills weiter zu trainieren. Die Projektteilnehmer sprachen sich außerdem im hohen Maß dafür aus, die Kompetenz-App in der Personalentwicklung einzusetzen, sofern die informelle Selbstbestimmung der App-User gewahrt bleibt.

Über 80 Prozent der Teilnehmer sprachen sich dafür aus, die Kompetenz-App für Eltern in oder nach der Elternzeit und generell Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen, die informell gelernte Kompetenzen in der Arbeit gezielt einsetzen wollen. Über 90 Prozent empfehlen die Kompetenz-App zur (Weiter-) Entwicklung von Führungskompetenzen.

Sensibilisierung zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“

Obwohl alle teilnehmenden Unternehmen bereits eine ausgeprägte familienorientierte Unternehmenskultur aufwiesen, führte der Einsatz der Kompetenz-App zu einer weiteren Steigerung in den Unternehmensmerkmalen „Identifikation mit dem Unternehmen“, „Identifikation mit dem Team“. Kritischer schätzten die Teilnehmer Unternehmensmerkmale wie „Vorgesetztenverhalten“ und „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ein. Die Projektverantwortlichen führen dies auf die durch das Projekt erhöhte Sensibilisierung zum Thema Vereinbarkeit zurück. Bei weiteren Anwendungen in hessischen Großunternehmen soll der Einsatz der Kompetenz-App in 2019 weiterentwickelt und erforscht werden.

Quelle: hessenstiftung - familie hat zukunft vom 10.12.2018

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