Sozialforschung / Flucht und Migration

"Jugendliche stören" - Studie zu nachbarschaftlichen Wahrnehmungen Deutscher

Jugendliche auf einer Party
Bild: © Kzenon - Fotolia.com

Nur wenige legen Probleme im eigenen Wohnviertel „Ausländern“ zur Last. „Trinker“, „alte Menschen“ und vor allem „Jugendliche“ rangieren in Deutschland weit vor jeder ethnischen Gruppe, wenn es um die Frage geht, wer den sozialen Frieden in der Nachbarschaft stört.

Das hat  Merlin Schaeffer vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in seiner Analyse von rund 4.600 Telefoninterviews mit Deutschen ohne Migrationshintergrund herausgefunden. Die Frage, für die keine Vorauswahl an Antworten vorgegeben war, lautete: „Welche Gruppen von Menschen sind hauptsächlich für Probleme in Ihrer Nachbarschaft verantwortlich?“

Nur circa 13 Prozent der Nennungen von Problemgruppen entfallen auf ethnische Kategorien wie „Türken“, „Ausländer“ oder „Aussiedler“. Auf Religion, Hautfarbe oder Sprache wird von den Befragten nicht Bezug genommen – ganz anders als in der öffentlichen politischen Diskussion über Muslime in Deutschland. Stattdessen wird die Trennlinie bei der Nationalität gezogen. Die meisten Nennungen entfallen zudem gar nicht auf ethnische Minderheiten: „Jugendliche“ werden mit 23 Prozent deutlich am häufigsten als problematisch eingestuft. „Offensichtlich schlagen sich Menschen im Alltag mit anderen Konflikten herum als denen, die in den Medien diskutiert werden“, schlussfolgert der Soziologe Merlin Schaeffer.

Ob Menschen Nachbarschaftsprobleme ethnischen Minderheiten zuschreiben, hängt nicht nur von individuellen Neigungen ab, sondern auch vom sozialen Umfeld: Nimmt die Arbeitslosigkeit vor Ort zu, werden verstärkt ethnische Minderheiten für Probleme verantwortlich gemacht. Dies zeigt sich insbesondere dort, wo die Arbeitslosigkeit seit Jahren anhaltend hoch ist. Die Tendenz, Konfliktlinien entlang ethnischer Grenzen zu ziehen, wird außerdem von der Bevölkerungsstruktur beeinflusst. Je mehr Ausländer in einem Gebiet wohnen, desto häufiger werden sie als Verursacher von Problemen angesehen. Das gilt jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt: Die Wende liegt bei etwa 20 Prozent – ab hier nimmt die negative Wahrnehmung der Fremden nicht weiter zu, eine Art Gewöhnungseffekt tritt ein.

Schaeffers Analyse liegen die Daten des „Ethnic Diversity and Collective Action Survey“ zugrunde, die im Rahmen des WZB-Forschungsprojekts „Ethnische Vielfalt, soziales Vertrauen und Zivilengagement“ unter der Leitung von Ruud Koopmans erhoben wurden. In den Jahren 2009/10 wurden für das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt insgesamt 10.200 Telefoninterviews geführt, 4.600 davon mit Deutschen ohne Migrationshintergrund. Der Artikel „Which groups are mostly responsible for problems in your neighbourhood? The use of ethnic categories in Germany” ist online in der Zeitschrift „Ethnic and Racial Studies” erschienen.

Quelle: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

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