Sozialforschung / Sozialpolitik

Jugendförderung in Konfliktregionen: Weniger Diskriminierung durch gemeinsame Bildungserfahrungen

Kreis bunter Holzfiguren
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Positive soziale Kontakte zwischen Mitgliedern gegnerischer ethnischer oder religiöser Gruppierungen können diskriminierendes Verhalten verringern – die gegenseitigen Vorurteile bleiben jedoch bestehen, wie eine neue Studie zeigt. Grundlage der Untersuchung ist ein Feldversuch in einer von Aufständen geprägten Stadt in Nigeria. Die Ergebnisse bieten wichtige Erkenntnisse für die Jugendförderung in (Post-)Konfliktregionen.

Die Politologinnen Alexandra Scacco (WZB) und Shana S. Warren (New York University) haben untersucht, ob in einer gespaltenen Gesellschaft Vorurteile und Diskriminierung abnehmen, wenn junge Männer über einen längeren Zeitraum soziale Kontakte zu Mitgliedern der jeweils anderen Gruppe haben. Verglichen wurde diese Erfahrung mit der von jungen Männern, die in ihrer eigenen Gruppe blieben. Die Studie bietet wichtige Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger, die sich mit Interventionen zur Friedens- und Jugendförderung in Konfliktregionen und Post-Konfliktregionen befassen.

Feldversuch in Nigeria

Im Rahmen des Feldversuchs „Urban Youth Vocational Training Project“ nahmen christliche und muslimische junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren vier Monate lang gemeinsam an einer unentgeltlich angebotenen Computerschulung teil. Sie stammten aus benachteiligten Wohnvierteln der nigerianischen Stadt Kaduna – seit 2000 ein Brennpunkt christlich-muslimischer Gewalt.

Die Stichprobe bestand aus 849 jungen Männern, von denen 549 zu der Computerschulung eingeladen wurden. Die anderen 300 dienten als Kontrollgruppe. Während der Schulung wurden zwei Drittel der Teilnehmer religiös heterogenen Klassen zugeordnet; das andere Drittel besuchte homogene Klassen. Die Lerngruppen bestanden in der Regel aus 12 bis 16 Teilnehmern.

Soziale Kontakte reduzieren Diskriminierung

Nach 16 Wochen Schulung konnten keinerlei Veränderungen bezüglich der vorurteilsbehafteten Einstellungen unter den Kursteilnehmern festgestellt werden. Veränderungen gab es dagegen hinsichtlich des Verhaltens: Die Teilnehmer heterogener Klassen zeigten gegenüber Mitgliedern der jeweils anderen religiösen Gruppe signifikant weniger diskriminierendes Verhalten als die Teilnehmer homogener Klassen. Dies wurde in verhaltensökonomischen Spielen deutlich, die die Teilnehmer vier bis sechs Wochen nach Abschluss der Computerschulung spielten.

„Unsere Studie liefert starke experimentelle Belege dafür, dass soziale Kontakte zwischen gegnerischen Gruppen das Verhalten konstruktiv verändern können, sogar in Kontexten, die von regelmäßig auftretenden gewaltsamen Konflikten geprägt sind“, erläutert WZB-Wissenschaftlerin Alexandra Scacco.

Gemeinsamer Hintergrund als Multiplikator für Vorurteile

Die Studie bietet darüber hinaus Erkenntnisse zur Frage, warum Teilnehmer in homogenen Klassen sich häufiger diskriminierend verhalten. In homogenen Gruppen teilen die Mitglieder Normen, Kultur und Sprache. Dieser gemeinsame Hintergrund kann ein starker Multiplikator für die Effekte sozialer Kontakte sein. Die Möglichkeiten zum freundschaftlichen Kontakt („bonding“) innerhalb der eigenen Gruppe scheinen daher diskriminierende Verhaltensweisen zu verstärken. Kontakte zwischen den Gruppen können somit als Ausgleichsmaßnahme gegen die potenziell nachteiligen Effekte rein homogener Sozialkontakte dienen.

Räumliche Trennung verstärkt diskriminierendes Verhalten

Die Forschung von Scacco und Warren hat wichtige Konsequenzen für die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen und Entwicklungsprojekte in konfliktanfälligen Gebieten, die dazu dienen sollen, Konflikte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Gruppierungen zu vermeiden. In derartigen Programmen wird häufig mit homogenen Gruppen gearbeitet – sei es aufgrund des Programmzuschnitts oder der räumlichen Trennung der verfeindeten Gruppen. Die Studie von Scacco und Warren deutet an, dass solche Programme unbeabsichtigt zur Verstärkung von diskriminierendem Verhalten gegenüber Mitgliedern der jeweils anderen Gruppe beitragen können. Anstatt also bei Entwicklungsinterventionen sozial heterogene Treatment-Gruppen lediglich als „Bonus“ hinzuzufügen, lässt die Studie vermuten, dass integrierte Programme von entscheidender Bedeutung für die Eindämmung der Effekte eines gruppeninternen Bonding auf die Beziehungen zu anderen Gruppen sein könnten. Diese Erkenntnis dürfte nicht nur für aktuell akute Konflikte gelten, sondern allgemein für alle Situationen, die von ethnischer und religiöser Vielfalt geprägt sind. In Deutschland beispielsweise ließe sich diese Art von Intervention leicht auf die Beziehungen zwischen Einwanderern und Einheimischen oder zwischen Geflüchteten und Einheimischen übertragen.

Veränderungen im Verhalten bewirken

Scacco und Warren argumentieren, dass sich Vorurteile, die sich ein Leben lang herausgebildet haben und durch Familienmitglieder und soziale Netzwerke noch verstärkt werden, oft besonders hartnäckig sind. „Wir sollten nicht erwarten, dass sich tief verwurzelte Einstellungen durch kurzfristige sozialpolitische Maßnahmen ändern lassen“, betont Scacco. „Anstatt zu versuchen, Vorurteile zu verringern, dürfte es realistischer und langfristig nützlicher sein, zunächst Veränderungen im Verhalten bewirken zu wollen.“

Quelle: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH vom 19.06.2018

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