Studie

Hochschulen meistern Umstellung auf Krisenmodus überraschend gut

Ein Student sitzt in einer Bibliothek mit seinem Laptop und Unterlagen auf dem Boden und arbeitet.
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Deutsche Hochschulen haben auf die Corona-Pandemie in einem rasanten Tempo reagiert und im Sommersemester 2020 fast ihre gesamte Lehre (91 Prozent) digital angeboten. Der Hälfte der Hochschulen (54 Prozent) gelang die Umstellung sogar innerhalb von 14 Tagen.

Lehrende wie Studierende sind mit der schnellen und flexiblen Reaktion ihrer Hochschulen sehr zufrieden. Trotzdem führte die rein digitale Lehre zu einer deutlichen schlechteren Lernerfahrung der Studierenden. Ihnen fehlten das aktive Campus-Erlebnis sowie die Interaktion in den Lernformaten. Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie „Hochschulen, Corona und Jetzt? Wie Hochschulen vom Krisenmodus zu neuen Lehrstrategien für die digitale Welt gelangen“. Die Verfasser Stifterverband und McKinsey & Company haben dafür im Juli und August mehr als 11.0000 Studierende und 1.800 Lehrende an deutschen Hochschulen befragt.

Große Unterschiede bei der Zufriedenheit mit verschiedenen Formaten

„Die Hochschulen haben im Krisenmodus Enormes geleistet“, sagt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. „Die Umstellung in eine ortsunabhängige Lehre hat sehr gut funktioniert – nicht nur quantitativ, sondern häufig auch qualitativ. Im nächsten Semester werden Studierende allerdings zu Recht mehr erwarten. Jetzt gilt es, die Erfahrungen zu analysieren, um sie für die Modernisierung der Hochschullehre zu nutzen. Die Verzahnung digitaler Lehrformate, wo sinnvoll, mit Präsenz-Veranstaltungen ist die Zukunft.“

Zwischen den einzelnen digitalen Formaten gibt es allerdings große Unterschiede bei der Zufriedenheit: Sowohl Lehrende (87 Prozent) als auch Studierende (78 Prozent) bewerten die Umstellung von Lehrformaten in größeren Gruppen (wie Vorlesungen) positiv. Eher negativ bewertet wird hingegen die Umstellung von Lehrformaten in Kleinstgruppen (wie Übungen oder insbesondere Laborarbeit). Dies betrifft vor allem Fächer mit großen Praxisanteilen wie Humanmedizin, Naturwissenschaften, Kunst, Musik oder Sport. Die Einschätzungen von Lehrenden und Studierenden unterscheiden sich dabei nur geringfügig.

Je länger die rein digitale Lehre andauerte, desto unzufriedener waren die Studierenden auch mit ihrem Lernerlebnis. Die Umfrage zeigt: Vermisst haben sie vor allem das interaktive, sozialisierende Campus-Leben. Noch im Wintersemester 2019/2020 zeigte sich die große Mehrheit der Studierenden (85 Prozent) mit ihrem Lernerlebnis zufrieden. Im Sommersemester waren es nur noch 51 Prozent. Die Gründe für die zunehmende Unzufriedenheit sind vor allem mangelndes Sozialleben unter Studierenden (68 Prozent), Motivations- und Konzentrationsprobleme beim Lernen zu Hause (58 Prozent) oder die fehlende Orientierung bei der Einschätzung des Lernstoffes (42 Prozent).

Die Studie räumt auch mit einigen gängigen Vorurteilen auf

Lehrende setzen nicht mehr auf die reine Präsenzlehre. Drei Viertel der Lehrenden steht der digitalen Lehre positiv oder eher positiv gegenüber. Eine Mehrheit kann sich vorstellen, in Zukunft jede dritte Veranstaltung in digitaler Form anzubieten. Auch die dafür notwendigen digitalen Kompetenzen sind bei vielen, wenn auch nicht bei allen Wissenschaftlern vorhanden.

„Neben der digitalen Umstellung der bekannten Lehr- und Lernformate brauchen wir unbedingt auch neue Formate, um die Interaktion von Studierenden zu stärken und die Lernerfahrung insgesamt zu verbessern. Das gilt vor allem für Studienanfänger und internationale Studierende, die den Hochschulalltag erst entdecken und erfahren wollen“, resümiert Solveigh Hieronimus, Seniorpartnerin bei McKinsey & Company. „Es ist wichtig, dass Hochschulen hier schnellstmöglich nachjustieren. Sie haben jetzt die Chance, die Lehre zügig weiterzuentwickeln, um die Absolventen exzellent auf den digitalen Kulturwandel in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft vorzubereiten.“

Fazit der Studie

Durch die Corona-Krise haben Hochschulen die Chance, die bisherige Präsenzlehre um digitale Angebote zu erweitern und dadurch Hochschullehre langfristig exzellenter aufzustellen. Solveigh Hieronimus: „Dabei sollte nicht jede Hochschule im Alleingang neue Formate erarbeiten, sondern Skaleneffekte nutzen und gemeinsam in Hochschulallianzen technisch anspruchsvolle Digitalanwendungen wie beispielsweise VR-Labore entwickeln.“ Die Hochschulen seien insgesamt gefordert, mehr Sozialformate und Interaktionsmöglichkeiten zu schaffen. Dabei könnten sie auch von Unternehmen lernen, die während der Corona-Krise vermehrt mit digitalen Sozialformaten – wie offenen, virtuellen Austauschräumen oder digitalen Speed-Datings – experimentiert haben.

Für die Verzahnung von Präsenzveranstaltungen und digitalen Formaten bedarf es auch einer umfassenden Transformation der Institution. Volker Meyer-Guckel: „Governance und Kultur müssen sich anpassen, neue hochschulische Lernräume eingerichtet, und entsprechende Lehrstrategien in Zusammenarbeit mit Studierenden entwickelt werden.“ Neben einheitlichen IT-Lösungen an den Hochschulen müssten Lehrende ihre Digitalkompetenzen in Weiterbildungen ausbauen, nicht nur um sie für ihre Lehrformate zu nutzen, sondern auch um sie ihren Studierenden erfolgreich vermitteln zu können.

Weitere detaillierte Ergebnisse der Studie „Hochschulen, Corona und Jetzt? Wie Hochschulen vom Krisenmodus zu neuen Lehrstrategien für die digitale Welt gelangen“ finden sich auf der Webseite des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

Quelle: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. vom 02.10.2020

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