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Gestörte Kindheiten: Studie über Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen in psychiatrischen Einrichtungen von 1945–1975

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„Psychopathisch“, „charakterlich abartig“ oder „schwachsinnig“, so lauteten typische Diagnosen über Kinder und Jugendliche, die bis Ende der 50er-Jahre in der Rheinischen Landesklinik für Jugendpsychiatrie Bonn untersucht wurden. Störungen und Auffälligkeiten wurden als angeboren stigmatisiert, ärztliche Gutachten und Stationsberichte hatten einen sehr defizitären Blick auf die jungen Patientinnen und Patienten. Die Ergebnisse des zweijährigen Forschungsprojekts über die Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen in Psychiatrie und Behindertenhilfe von 1945-1975 wurde vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) am 12. April 2018 in Bonn präsentiert.

Silke Fehlemann und Frank Sparing vom Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf haben die Studie im Auftrag des Landschaftsverband Rheinland (LVR) durchgeführt. Untersucht haben sie die Alltags- und Lebensverhältnisse der Kinder in psychiatrischen Einrichtungen sowie die Entstehung der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

LVR-Direktorin richtet Entschuldigung an Betroffene

„Für den LVR ist die Aufarbeitung auch dunkler Kapitel der Verbandsgeschichte seit vielen Jahren ein zentrales Anliegen.“ An die betroffenen Menschen gerichtet, sagte Ulrike Lubek, LVR-Direktorin: „In unseren Einrichtungen haben Sie schweres Leid erfahren. Ein Verdienst dieser Studie ist es, den Deckel des Schweigens über die Zustände in den Kinder- und Jugendpsychiatrien des LVR zu dieser Zeit zu lüften und offen sichtbar zu machen. Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung, wir entschuldigen uns für das auch durch schuldhaftes Handeln von Mitarbeitenden des LVR begangene Unrecht.“

Gewalterfahrungen prägten Alltag der jungen Patientinnen und Patienten

Ein zentrales Ergebnis der Studie: Gewalt war im Leben der jungen Patientinnen und Patienten auf allen Ebenen präsent. Sie wurden von ihren Familien isoliert und durch die getroffenen Diagnosen stigmatisiert. Die Gewalterfahrungen der psychisch und körperlich kriegsgeschädigten Kinder hörten nach dem Krieg nicht auf. In der Enge der Schlafsäle gab es oft brutale Prügeleien zwischen den Kindern. Hilfe durch das Pflegepersonal gab es nicht und das pädagogische Verständnis war vom Recht des Stärkeren geprägt. Hinzu kamen medizinische Eingriffe, deren Nutzen nicht immer deutlich war. So wurde massenhaft die sogenannte Pneumenzephalographie durchgeführt, bei der die Hirnflüssigkeit aus dem Kopf abgelassen, der Schädelraum mit Luft gefüllt und dann Röntgenbilder angefertigt wurden. Nach 1955 kam es zudem zu einem enormen Anstieg der Neuroleptika-Verordnungen, bei der es hauptsächlich um die Sedierung der Kinder ging und nicht um eine therapeutische Wirkung. Fehlemann und Sparing sprechen von „Anzeichen einer kollektiven Vergiftung“.

„Der Klinikalltag war für Kinder und Jugendliche oft traumatisch – und dies obwohl Psychiatrie doch eigentlich dem Wohlergehen von Menschen verpflichtet ist. Dass wir uns die schlechten Lebensbedingungen der Vergangenheit vergegenwärtigen dient auch unserer Mahnung. Die Erkenntnisse der Studie sind für mich zugleich ein Appell, in der fachpolitischen Diskussion nie die Würde und die Rechte psychisch kranker Menschen zu vernachlässigen“, so Margret Schulz, Vorsitzende des LVR-Gesundheitsausschusses.

Exemplarische Untersuchung der damaligen Rheinischen Landesklinik für Jugendpsychiatrie Bonn

Die Bonner Landesklinik des LVR war bis in die 50er-Jahre bundesweit die einzige selbstständige Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und wirkte als „Sichtungs- und Verteilinstitution“. Hier wurden die Kinder über Wochen und Monate begutachtet und diagnostiziert, um sie anschließend in die Heim-, Klinik- und Anstaltslandschaft zu verteilen. Dabei kamen keineswegs nur psychisch erkrankte Kinder zur Untersuchung, sondern auch Kinder mit einer geistigen Behinderung.

In Folge des Zweiten Weltkrieges gab es einen erheblichen Zustrom an psychisch geschädigten und geistig behinderten Kindern in die Psychiatrien. Ihnen versuchte man mit tradierten psychiatrischen Diagnosen beizukommen. Ein Zusammenhang zwischen Kriegserfahrungen und psychischen Auffälligkeiten wurde zunächst nicht gesehen. Die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der Ärzte auch nach Kriegsende davon überzeugt war, dass es, wie in der NS-Zeit propagiert, eine angeborene biologisch festgelegte „Minderwertigkeit“ von Menschen gebe.

„Es ist gut, dass durch unser Forschungsprojekt sowie durch die Einrichtung der Stiftung Anerkennung und Hilfe nun auch das Leid von Menschen aus der Psychiatrie und Behindertenhilfe untersucht und wahrgenommen wird. Die Betroffenen haben ein Recht auf eine schonungslose Betrachtung des Unrechts und der Gewalt, die Ihnen aufgrund des Unvermögens von Ärzten, Betreuern und anderen Bezugspersonen permanent widerfahren ist“, sagt Astrid Natus-Can, Vorsitzende des LVR-Landesjugendhilfeausschusses.

Bund, Länder und Kirchen hatten 2017 die Stiftung Anerkennung und Hilfe eingerichtet. Menschen, die als Kinder oder Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie untergebracht waren und dort Leid und Unrecht erfahren haben, können hier Geld oder Hilfe bei der Aufklärung ihrer Vergangenheit erhalten. Die Anlauf- und Beratungsstelle für Menschen im Rheinland ist beim LVR-Landesjugendamt angesiedelt.

Der LVR setzt sich seit vielen Jahren sehr intensiv und offen mit seiner eigenen Geschichte auseinander. Im Rahmen der Aufarbeitung ließ der Kommunalverband unter anderem bereits im Jahr 2011 seine Rolle als aufsichtsführendes Landesjugendamt und Träger eigener Jugendheime in den Jahren 1945-1972 wissenschaftlich untersuchen. Eine Studie zur NS-Vergangenheit des ersten LVR-Direktors erschien 2016. Für das Jahr 2018 hat der LVR neben der Studie „Gestörte Kindheiten“ weitere Veröffentlichungen angekündigt: Eine Untersuchung trägt den Arbeitstitel „Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte der Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Einrichtungen des LVR seit 1945“. Ein anderes Forschungsprojekt untersucht den Einsatz und die Erprobung von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in LVR-Einrichtungen.

Weitere Informationen sind verfügbar auf der Internetseite der LVR-Anlauf- und Beratungsstelle.

Quelle: Landschaftsverband Rheinland (LVR) vom 13.04.2018

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