Sozialforschung

Deutschlands demografische Herausforderungen

Drei Männer unterschiedlichen Alters
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Niedrige Kinderzahlen und ein immer längeres Leben führen zu einem Wandel, der viele Vorteile hat, das Land aber auch vor große Herausforderungen stellt, heißt es in einem neuen Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

Der demografische Wandel hat ein negatives Image, das von der Vorstellung einer Überalterung bis zum Aussterben reicht. Dabei haben die Deutschen lange Zeit von diesem Wandel profitiert. Sie haben alle zehn Jahre zwei bis drei Jahre an Lebenserwartung hinzugewonnen. Sie haben viel Geld gespart, weil sie weniger Nachwuchs zu versorgen hatten aber noch vergleichsweise wenige Ältere. Und die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer machen sich als größte Gruppe in der Bevölkerung verdient um die Volkswirtschaft. Sie sind im Schnitt gut qualifiziert, haben überwiegend einträgliche Jobs und sorgen dafür, dass derzeit die Zahl der Erwerbstätigen auf Höchstniveau liegt und der Staat Rekordeinnahmen in seinen Steuer- und Sozialkassen verbucht.

Dies sind die goldenen Jahre der gereiften Volkswirtschaften, von denen Deutschland derzeit seine letzten erlebt: In den kommenden Jahren steht nach der angenehmen Phase des demografischen Wandels der schwierigere Abschnitt an: Die Babyboomer werden vom Erwerbsleben in den Ruhestand wechseln und damit zwangsläufig von Einzahlern zu Empfängern der Transfersysteme. Um 2030, zum Höhepunkt der Babyboomer-Verrentung wird jeder Jahrgang, der sich in den Ruhestand verabschiedet, etwa doppelt so groß sein, wie der Jahrgang, der gerade ins Berufsleben einsteigt.

Damit gehört Deutschland zu den Pionieren des demografischen Wandels. Es muss früher als andere lernen, mit dem demografischen Wandel umzugehen und sich an die Veränderungen anpassen. Denn vermeiden lässt sich der Wandel aufgrund der langen Vorlaufzeit demografischer Entwicklungen längst nicht mehr.

Deutschland hat bereits erste Schritte dieser Anpassungen unternommen: So haben sich die Erwerbsquoten sowohl der älteren Arbeitnehmer wie auch der Frauen überproportional erhöht. Die Bildungsergebnisse der jungen Menschen haben sich nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 deutlich verbessert. Obendrein ist das Land höchst attraktiv für Zuwanderer. Bis zum Beginn der neuen Flüchtlingswelle haben diese deutlich bessere Qualifikationen mitgebracht als die Zuwanderergenerationen zuvor. Umso wichtiger ist es jetzt, die Ausbildung der heutigen Flüchtlinge möglichst schnell auf ein angemessenes Niveau zu bringen.

Zudem stehen auch Deutschlands wirtschaftliche Wettbewerber vor den gleichen Herausforderungen. Gerade die dynamischen Schwellenländer, allen voran China, entwickeln sich besonders schnell hin zu einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung. In über 80 Ländern liegen die Kinderzahlen je Frau bereits unter dem Niveau, das ohne Zuwanderung für eine langfristig stabile Bevölkerung sorgen könnte. Deutschland als einem Pionier des Wandels fällt deshalb die Aufgabe zu Konzepte zu entwickeln, die ein Wohlergehen der Gesellschaft ohne demografisches und mittelfristig vermutlich auch ohne nennenswertes wirtschaftliches Wachstum garantieren.

Das Discussion Paper ist als PDF kostenlos verfügbar: http://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers/deutschlands-demografische-herausforderungen.html

Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung vom 17.03.2016